So, ausgehört ...
Ein guter Roman, auch wenn er meiner Meinung nach drei große Schwächen aufweißt, aber von vorne: Die Ausgangssituation (amerikanischer Dichter soll für einen Verlag das Manuskript eines verschollen geglaubten indischen Dichters in die USA überführen) bietet viel Spannung, weil man natürlich wissen möchte, warum Das verschwand und weshalb er plötzlich mit einem neuen Werk um die Ecke kommt.
Die Kapitel werden mit Zitaten von Lyrikern (?) eingeleitet, die die Stadt Kalkutta beschreiben. Die Stadt selbst spielt auch die größte Rolle in diesem Roman und hier kommen wir zu Problem Nummer 1: Simmons lässt Kalkutta zwar als widerlichen Moloch voller Armut, Müllbergen und Leichen auf den Straßen erscheinen, aber irgendwie geht er dabei nicht weit genug, um wirklich schockieren zu können.
Wir kennen alle Bilder aus den Favelas Südamerikas, von Slums in afrikanischen Metropolen oder eben auch aus Indien. Grausame Zustände, die uns über Reportagen vertraut sind. Simmons kann in diesem Bereich nicht punkten, da er Kalkutta als Mutter aller üblen Städte darzustellen versucht, aber nichts schildert, was über die Zustände in oben genannten Beispielen hinausgeht.
Außerdem musste ich sein Kalkutta immer mit dem London vergleichen, dass er in Drood beschreibt. Letzteres hat für mich tausendmal erschreckender gewirkt.
Angenehm finde ich, dass Simmons sich Zeit nimmt, dem Leser interessante Figuren näher zu bringen, wie beispielsweise den Vorsitzenden des Schriftstellerverbands.
Bemerkenswert: Die spannendsten Szenen des Buchs erlebt der Protagonist nicht selbst, sondern lässt sie sich in einer Bar erzählen. Der Kult der Kali und seine Aufnahmezeremonie sind das Highlight des Romans!
Auch die beiden Treffen des Prots. mit Das sind packend geschildert und das Verschwinden des Dichters und seine Veränderung plausibel erzählt.
Aber Kali und die Geschehnisse um Das nehmen für mich zu wenig Platz innerhalb des Buchs ein. Auf den Seiten findet sich einfach zu viel Geschwafel, es geht zu zäh voran.
Das dritte Problem: das Ende des Romans. Um eine grausige Wirkung zu erzielen, hätte es noch eines letzten großen Knalls oder zumindest einiger bitterer Eingeständnisse gebraucht. So bietet das Ende zu viel Positives, was das vorher Geschehene etwas relativiert (auch die Macht der Kali).
Trotzdem ein guter Roman, glaubhaft und mitfühlend geschrieben.