Roth zimmert hier fast schon ein richtiges Horror-Szenario zusammen. Aber das hat nichts mit dem Horror eines Stephen King oder ähnlicher Genre-Größen gemeinsam, sieht man einmal davon ab, dass das Grauen in das Leben der jüdischen Mitbürger einer amerikanischen Kleinstadt einbricht und sich durch die Augen des 8-jährigen Philip Roth (!) auch in das Gemüt des Lesers einschleicht.
Wie von einem Jungen eigentlich nicht anders zu erwarten, reagiert der kleine Philip nur, agiert aber nicht. Jedenfalls nicht auf großer Ebene. Allerdings bleiben auch seine Handlungen nicht ganz folgenlos. Philip bleibt weitgehend passiver Beobachter. Alles andere wäre auch unglaubwürdig.
Die von den amerikansichen Juden mit Entsetzen (und nicht für möglich gehaltene) Wahl von Lindbergh zum amerikanischen Präsidenten ist der Beginn einer Zeit voller Ungewissheit und Angst. Mit seinem Wahlversprechen, Amerika werde nicht in den Europäischen Krieg (zwischen Hitler und den europäischen Nationen) eingreifen, stößt er den amtierenden Präsidenten Roosevelt überraschend vom Thron. Es ist nicht unbedingt dieses Motiv, das viele amerikanische Juden erschreckt, sondern die offene Sympathie des neuen Präsidenten für das Nazi-Regime in Deutschland.
Und langsam beginnt sich das Leben der amerikanischen Juden zu verändern. Nach der Wahl bricht offener Antisemitismus aus, die amerikanischen Juden spalten sich in zwei Lager: die einen sympathisieren mit Lindbergh, der die Juden Amerikas zu Amerikanern machen will. Die anderen sehen in dieser Amerikanisierung den Versuch die Juden in der vorherrschenden christlich geprägten Kultur der USA schließlich versickern zu lassen. Philips Vater steht offen auf Seiten der Lindbergh-Gegner, die Schwester der Mutter schließt sich eng an die andere Seite. Naturgemäß führt dies zu erheblichen Spannungen innerhalb der Familie, die durch die Folgen von Lindberghs Innen- und Außenpolitik immer weiter verschärft werden. Die Familienband spielen hier ein große Rolle und liefern viele Ansatzpunkte interessante Verwicklungen und Einblicke in die jüdische Kultur.
Als Philips Vater versetzt werden soll, kündigt er seinen Job als Versicherungsvertreter. Er weiß, die Versetzung wird ihn mit seiner Familie in einem Flecken Amerikas stranden lassen, in dem seine Familie von allen Freunden, Kollegen und Verwandten abgesondert ein Leben unter streng christlichen Amerikanern führen muss.
Roth beschreibt hier ein Szenario, dass mit wenig Gewalt auskommt, aber diese ständig im Hintergrund drohen lässt. Keiner weiß, was in den nächsten Tagen und Wochen geschehen wird.
Der kleine Philip erlebt wie sein älterer Bruder auf Betreiben der eigenen Tante an einem Programm der Regierung teilnimmt, das ihn einen Sommer lang weitab von der Familie (und deren Kultur) die "echte" amerikanischen Kultur ausprobieren lässt.
Er kehrt verändert zurück, ist begeistert vom Farmleben, entfremdet sich dem Vater und versteht nicht, warum dieser so gegen Lindbergh ist.
Roth baut als Autor einen wirksamen Spannungsbogen auf. Man erlebt die kindlichen Gedanken und Eindrücke des kleinen Philip und fühlt eine wachsende Beklommenheit, wenn man die politischen und kulturellen Ereignisse verfolgt. Selbst der kleine Philip lädt durch eine unbedachte Äußerung Schuld auf sich, die schließlich sogar einen Menschen das Leben kostet. Das ganze scheint auf einen Höhepunkt zuzulaufen, den man vielleicht gar nicht "erleben" möchte. Bis hierhin ein fulminantes Buch mit glaubhaften Protagonisten.
Nur bricht Roth dann ziemlich ein, weil er meiner Meinung nach einen Fehler macht.
Er biegt das parallel verlaufende Amerika von Lindbergh mit einem brachialen Trick wieder auf die gerade Bahn.
Lindbergh, der (ähnlich wie Hitler übrigens) seinen Wahlkampf und seine Popularität nicht zuletzt seinen Alleinflügen quer durch Amerika verdankt, verschwindet auf einem Flug spurlos. Es ist klar, wem hierfür die Schuld gegeben wird ...
Das jetzt ausbrechende (und auch von zügelloser Gewalt begleitete) Chaos lässt ein furchtbares Ende des Romans vermuten. Aber nein, Roth kippt die Handlung kurz vor der Apokalypse, um ihr einen echten Hollywood-Schluss zu verpassen.
Die Hardliner aus Lindberghs Regierung werden nach einem kurzen Ausflug in eine Diktatur von der "Witwe" Lindberghs sozusagen über eine Radioansprache gestoppt. Es stellt sich heraus: Lindbergh musste handeln, wie er gehandelt hat; Denn es waren die Nazis, die sein Baby 1932 haben entführen lassen und gut versteckt in Deutschland zu einem "guten Deutschen" erziehen. So unter Druck gesetzt, wird Lindbergh zur Marionette von Nazi-Deutschland. Roth stempelt ihn nun doch noch als Opfer.
Das geschieht dann auch nicht im allerletzten Kapitel, sondern bereits früher. Ich habe mich gefragt, warum ich eigentlich weiterlesen soll.
Es gibt am Ende kein Amerika Lindberghs: Roosevelt wird wieder Präsident, Amerika tritt in den Krieg ein und der parallele Zeitstrang mündet nahezu folgenlos (es gab allerdings mehr als genug Opfer) dorthin zurück, wo er in unsere Gegenwart fließt. Es war dann irgendwie doch nur ein Ausrutscher. Einzig Philips Aussagen, dass er sich in Amerika nie wieder so geborgen gefühlt hat wie vor Lindberghs Präsidentschaft, steht im Raum.
Schade. Sprachlich und bis kurz vor Schluss ein beeindruckender Parallelwelt-Roman. Dann nur noch ein Drehbuch für eine spätere politisch korrekte Hollywood-Verfilmung.
Trotzdem: 8 von 10 Punkten