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Sonntag, 1. Oktober 2006, 13:05

Edgar Allan Poe: Wer kennt die Geschichte?

Hallo,
könnte momentan das Buch "Erzählungen" von Edgar Allan Poe, ein uralter Schinken (1971 gedruckt im Winkler Verlag München) in die Ecke werfen. Da lese ich eine 61 seitige Geschichte und zwar: "Das Geheimnis der Marie Roget" und lese dann 2 Seiten vor der Aufklärung dieses Mordes, dass sich der Verlag die Freiheit nimmt aus Gründen auf die man nicht eingehen will die Geschichte zu kürzen. Die letzten 2 Seiten enthalten dann nochmal Hintergründe der Ermittlungsarbeit von Dupin, aber keinsterlei Hinweise wer denn jetzt der Mörder der Marie Roget war. Gibts sowas? Eine Frechheit! Vielleicht kennt einer von Euch den Ausgang. Würde mich schon interessieren wer das arme Mädchen umgebracht hat.

Ginny

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2

Sonntag, 1. Oktober 2006, 13:25

Es ist lange lange her, dass ich Poe gelesen habe, aber wenn mich nicht alles täuscht, steht in jeder Ausgabe kurz vor Schluss sinngemäß eine Info des Herausgebers, dass man beschlossen habe, das Manuskript zu kürzen - das gehört zur Originalgeschichte. Die Story basiert ja auf einem wahren Mordfall (an Marie Rogers) und Poe wollte mit seiner Geschichte zur Klärung beitragen und hat glaube ich gar keinen richtigen Schluss gefunden (weils den auch in Wirklichkeit nicht gab). Der Weg war das Ziel, sozusagen. Es gab sogar mal in diversen Büchern die verwegene Theorie, dass Poe selber der Mörder gewesen sei und deshalb keine adäquate Auflösung lieferte. ;-)

Aber ich bin keine Poe-Expertin und kann mich täuschen. Die Geschichte gibt es aber auf diversen Seiten im Setz nachzulesen, z.B. bei Gutenberg - schau da mal rein und vergleich mit deiner Ausgabe: http://gutenberg.spiegel.de/poe/roget/roget001.htm
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3

Sonntag, 1. Oktober 2006, 16:46

Hallo Ginny, Hallo Kuno
danke für eure Antwort! Das kann man ja fast nicht glauben, das Ganze gehört zur Geschichte? Nun ja, wenn dies ein wirklicher unaufgeklärter Mordfall war (und keine fiktive Geschichte - wir dies zB. bei "Der Mord in der Rue Morque" war) dann hätte sich Poe hier an einen realen Mordfall herangetraut und die Hintergründe beleuchtet. Schade, dass er nicht mehr daraus gemacht hat - zumindestens hätte er ja dann wieder in die Fiktion abtauchen können und den Mord aufklären können (auch wenn dies nicht der Wahrheit entspricht). Ehrlich gesagt finde ich einen derartigen Ausgang mehr als enttäuschend für den Leser.

Ginny

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4

Sonntag, 1. Oktober 2006, 16:53

So, ich hab mal meine Haffmanns-Verlag-Ausgabe hervorgerkramt. Zu der Geschichte steht folgende Anmerkung:

"In einem Brief an seinen Freund Snodgras vom 4. Juni 1842 sagt Poe, die Erzählung basiere auf dem Mord an Mary Cecilie Rogers, der kurz zuvor New York erregte. »Unter dem Vorwand, daß ich zeige, wie Dupin das Geheimnis um Maries Ermordung aufklärt, gebe ich eine rigorose Analyse der wirklichen Tragödie in New York. Kein Punkt ist ausgelassen. Nacheinander prüfe ich jede Meinung, jedes Argument unserer Presse zu dem Fall und zeige (zufriedenstellend, wie ich glaube), daß man bisher dem Fall nicht beigekommen ist. Die Presse war auf falscher Fährte. Ich bin überzeugt, daß ich nicht nur die Abwegigkeit des Gedankens, das Mädchen sei einer Bande zum Opfer gefallen, gezeigt, sondern auch den Mörder gefunden habe. Sie werden aber verstehen, daß es mir vor allem um die Analyse der Prinzipien der Untersuchung in Fällen dieser Art ging.« Poes Erzählung steht am Anfang einer langen Reihe von Versuchen, das Geheimnis um den Tod von Marie Rogers zu klären."
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Ginny

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5

Sonntag, 1. Oktober 2006, 18:17

Zitat

Original von kuno
so ein ende kann aber auch inspirierend wirken auf die eigene phantasie, das man sich als leser gedanken darüber macht, wer es sein könnte. das klappt natürlich als stilmittel nur einmal, dann ist der effekt bekannt und funktioniert nicht mehr.
es liegt wohl auch in der erwartung des lesers, ob er so einen abschluß als gelungen oder ärgerlich empfindet.

Das wäre glatt etwas für einen eigenen Thread - ich kann solchen Enden nämlich nichts abgewinnen und ein Werk, das so endet, hat bei mir grundsätzlich nichts zu melden. Ein gewisser Raum für Gedankenspiele darf offen bleiben, aber der grundsätzliche Schluss muss mir vorgegeben werden, denn dafür lese ich Geschichten: Dass mir jemand etwas erzählt. Nicht, damit ich mir selber etwas ausdenke.
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Boris Koch

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6

Sonntag, 1. Oktober 2006, 21:02

Ich kenne die Geschichte jetzt nicht, aber prinzipiell finde ich so ein Ende klasse. Als Leser möchte ich auch immer wieder überrascht werden, und da lasse ich mich auch gern mal "veralbern"; das ist mir lieber als vorhersehbare Storys nach Schema F. Kennt hier jemand DER RUINENBAUMEISTER von Herbert Rosendorfer? Ich weiß, das führt weit weg von Poe, aber wenn ich mich recht erinnere (vor ca. 15 Jahren gelesen ...), werden dort mehrere Geschichten begonnen, und keine richtig zu Ende geführt ... Toll :D

Grüße,
Boris

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7

Sonntag, 1. Oktober 2006, 22:04

Hallo Ginny und auch ein Hallo an die anderen,
vielen Dank für deine Recherche! Einen Mord der in New York spielt nach Paris übertragen bedeutet ja eigentlich schon, dass man die Realität verlassen hat. Dann wäre es eigentlich nur kosequent gewesen die Story wie auch immer zu Ende zu schreiben. Natürlich kann man als Schriftsteller mal was ausprobieren, nur wenn man über 60 Seiten lang den Leser auf die Auflösung hinfiebern lässt, dann ist "kein Ende" für mich das schlimmste was man machen kann, weil man sich dann nämlich böse veräppelt vorkommt! Habe das Buch voerst mal in hohem Bogen in die Ecke geschmissen. Werde mich aber doch etwas verärgert morgen wieder dran setzen. Im Prinzip gebe ich Boris recht: Der Leser will gerne überrascht werden, aber doch nicht so, dass man ihn im Regen stehen lässt nach dem Motto "Strick mal selbst das Ende zusammen". Ne, sowas kann ich nicht abhaben. Für mich persönlich muss eine Story ein abgeschlossenes Ende haben.