Ich habe es jetzt auch endlich geschafft, diesen Ziegelstein von einem Buch zu bewältigen, doch was habe ich da eigentlich gelesen? Ein dadaistisch- interaktives verrückt- geniales, autistisch-labyrinthisches collagehaftes Münchhausen- Stück mit Borderline- Syndrom und Größenwahn? Irgendetwas in der Richtung jedenfalls. Das, was ich erwartet habe - ein phantastischer Horror- Roman - war es definitiv nicht.
Danielewski lotet auf (mir) bislang ungeahnte Weise die Möglichkeiten des geschriebenen Wortes bis zum Exzess (bis zur vollkommenen Sinnlosigkeit oder gar Auslöschung) aus. Auf diese Weise ist der Leser weitaus mehr gefordert, die Fragmente in logische Sinnzusammenhänge zu bringen (falls dies überhaupt immer möglich ist - ich bezweifle, dass es viele Leser geben wird, die die Textstellen in Otjiherero (sic!) übersetzen können.
Absolut überzeugend ist das Grundkonzept, den Inhalt mit der Form des Textes zu verschmelzen. Labyrinthe und unerklärliche/undechiffrierbare physikalische/seelische(?) Zustände/Vorgänge finden in ähnlichen Textinhalten und -formen ihre jeweilige Entsprechung.
Das eigentliche Geschehen des Romans (ist es überhaupt das EIGENTLICHE?) erschließt sich dem Leser über eine höchst komplex- verschachtelte Struktur: Der Herausgeber des Buches kommentiert die Ausführungen Johnny Truants, der seinerseits die Aufzeichnungen Zampanos erläutert, der wiederum einen Film (oder mehrere Einzel- Filme) analysiert, der wiederum von unzähligen anderen Personen interpretiert wird.
Erst ganz zum Schluss habe ich so etwas wie einen Schlüssel zum Verständnis dieses Text- Monsters gefunden (oder glaube ihn gefunden zu haben), den ich hier natürlich nicht offen legen werde. Zudem bin ich der festen Überzeugung, dass der Autor überhaupt nicht beabsichtigte, dem Leser eine einzige Lösung anzubieten.
Bis etwa zur Mitte entwickelte das Buch einen eigentümlichen Lese- Sog, doch nach und nach marterten die immer bizarrer werdenden Typografie- Experimente auch die Geduld des ausdauerndsten Lesers. Die seitenlange Rezeption sinnloser, vollkommen aus dem Zusammenhang gelöster Textkonstrukte fördert nicht gerade die Aufmerksamkeit des Lesers. (Von Spannung und Klimax will ich lieber gar nicht erst reden.) Der Text wird zum Synonym für "weißes Rauschen". Natürlich mag man anführen, dass Danielewski genau dies beabsichtigte, da seine Protagonisten in den unendlichen Labyrinthen des Hauses ganz ähnliche Gefühle durchleben (die Abkopplung jeglicher Sinneswahrnehmungen im vollkommenen Nichts), doch ist selbst der einigermaßen geschulte bzw. trainierte Leser auf derartige 'Strapazen' nicht vorbereitet. Ich habe das Buch beendet, weil ich es wollte, nicht weil der Text mich extrinsisch dazu 'gezwungen' hätte. Dies ist trotz aller Avantgarde des Romans für mich ein klares Manko! Ein Roman ist für mich dann überzeugend, wenn die geschilderte Handlung den Vorgang des Lesens vergessen macht, wenn der Leser ohne es zu bemerken in den Text 'eintauchen' kann. Danielewski geht den genau umgekehrten Weg: bei ihm stellt der Text nicht selten ein bewusst gestelltes Hindernis dar, das mühsam überwunden bzw. interpretiert/dechiffriert werden muss, bevor die Lese- Reise fortgeführt werden kann. Das Lesen selbst wird zu einer bewussten Expedition ins Ungewisse. Dies ist das eigentlich Besondere (und Positive) des Buches - die 'tatsächliche Handlung' ist dabei aber lediglich Mittel zum Zweck. Enigmatische Fragmente, die sich (möglicherweise) auf einer Meta- Ebene zu einer vollständigen sinnvollen (?) Collage zusammen setzen lassen.
Oh ha...jetzt ist es aber mit mir durchgegangen....und dabei waren dies nur die ersten spontanen Gedanken nach Beendigung des Buches.
Ich befürchte, dass dies meine erste 10seitige Rezi werden wird.

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Die Gipfel meines MUST-READ- Gebirges haben momentan erobert:
Volpi/Urroz/Padilla: Drei Skizzen des Bösen
Cleave: Der siebte Tod
Schmitz: Haschisch
Preston: Canyon
Meyer: Giebelschatten
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"Wer keine guten Bücher liest, hat keinen Vorteil gegenüber jemandem, der sie nicht lesen kann." (Mark Twain)