Tier
Das Tier schläft.
Ich könnte jetzt versuchen zu entkommen, aber ich bin mir nicht sicher. Es ist listig, das habe ich gemerkt.
Ich gehe jeden Tag joggen. Das ist ein Ritual. Der Wald liegt am Stadtrand und es gibt einen Parkplatz, den ich vom Highway aus schnell ereichte. Dann laufe ich los. Der Rhythmus, der immer der gleiche ist, beruhigt mich. Ich kann nachdenken, oder auch nicht. Wenn ich an gar nichts denke, dann laufe ich nur. Die Firma verschwindet, die Probleme verschwinden, meine Familie verschwindet. Ich bin ich. Allein. Ich laufe. Mir geht es gut.
Die Strecke, die ich laufe, ist immer dieselbe. Hinein in das Tannengehölz, dann weiter bis zum See, den Hügel hinauf, über die beiden Lichtungen, wo die Jugendlichen manchmal kiffen, weiter die Serpentinen hinab, über den Bach, bis hin zu der Hütte, wo ich meistens pinkeln muss. Dann weiter über ein Feld, einen Halbkreis beschreibend, erneut hinein in den Wald.
Die Luft riecht nach dichtem Grün und feuchter Erde. Es ist still. Da ist nur mein Atem und das Geräusch meiner Schuhe auf dem weichen Waldboden. In den Wipfeln schreit hin und wieder ein Vogel, das ist alles.
Das Tier schläft noch immer.
Es hat Fell und Zähne und Klauen. Es hat versucht, auf den Baum zu klettern. Dann hat es die Lust verloren. Jetzt wartet es unten. Darauf, dass ich müde werde. Wie lange kann ich es hier oben aushalten?
Da war nur ein Rascheln im Unterholz, zuerst jedenfalls. Es war lauter geworden und hat meinen Atem übertönt. Zweige knackten und Blätter bewegten sich. Da war etwas Großes im Dickicht. Und es kam auf mich zu.
Ich blieb stehen, spähte angestrengt ins Grün. Adrenalin schoss mir aus allen Poren. So musste sich eine Maus fühlen, wenn sie den Fuchs spürte. Es war wie ein Schwindel, der die Welt unwirklich erscheinen ließ.
Dann durchdrang ein lautes Grollen das Zwielicht des Waldes.
Und ich begann zu laufen. Ich begann zu fliehen.
Ich hatte Angst.
Seit zwölf Stunden bin ich schon hier.
Normalerweise laufe ich morgens vor der Arbeit, bevor ich ins Büro fahre. Das tut gut und man fühlt sich wie eine neuer Mensch.
Das Tier regt sich wieder.
Es hebt den Blick, schnüffelt. Ich klammere mich an dem Baumstamm fest und versuche nicht daran zu denken, dass ich hinunter fallen könnte.
Der Baum.
Ich weiß noch, dass ich einfach nur gerannt bin. Die Lunge hat mir gebrannt, wie Feuer. Dann bin ich auf den Baum geklettert. Das Geräusch hinter mir war das Geräusch großer Pfoten gewesen, unter denen das Laub aufstob und Zweige knackten. Mit den Turnschuhen bin ich abgerutscht, doch dann konnte ich mich hochziehen.
Ich bin geklettert, was das Zeug hielt.
Das Tier geht um den Baum herum.
Es sieht aus wie etwas, das ein kleines Kind mit Wachsmalstiften gezeichnet hat. Ja, es sieht aus wie der Alptraum eines kleinen Kindes. Es sieht nicht echt aus, aber das ist es. Ich habe gesehen, was es mit dem anderen gemacht hat.
Gerade mal zwei Stunden habe ich auf dem Baum gesessen, als der andere Jogger den Weg entlang gelaufen kam.
Das Tier hatte sich geduckt. Dann war es verschwunden.
Ich habe dem Jogger eine Warnung zugerufen. Er solle auf einen Baum klettern, fortlaufen, irgendwas. Er ist stehen geblieben und hat mich angeschaut, als wäre ich ein Verrückter. Dann hat er einen Schritt nach vorne gemacht, das weiß ich noch. Er hat diesen einen Schritt nach vorne gemacht und ist dabei in eine Pfütze getreten.
Dann hat ihn das Tier angefallen. Er hatte keine Chance. Nachdem er tot war, hat es ihn gefressen. Ich glaube, es hat sogar die Knochen gefressen. Ich wusste nicht, wie laut dieses Geräusch sein kann. Dieses Geräusch, das Fleisch macht, wenn es zerreißt, und Knochen, wenn sie zerbrechen.
Der Tag hatte begonnen wie ein normaler Tag. Frühstück mit der Familie, Mails, Telefonate, die Fahrt zum Waldrand. Ich leite eine Firma, bin ein wichtiger Mann.
Dem Tier ist das alles egal.
Gleich wird es Nacht.
Ich frage mich, warum niemand hierher kommt? Meine Frau kennt den Wald und die Strecke, die ich normalerweise laufe. Selbst meine Angestellten kennen sie. Jemand müsste mich vermissen, ich bin nicht zur Arbeit erschienen. Trotzdem sucht niemand nach mir.
Das verstehe ich nicht.
Etwas raschelt im Unterholz. In der Dunkelheit kann ich Bewegungen ausmachen. Da sind noch andere Tiere. Sie sind kleiner als das Tier, das die ganze Zeit über dort unten ist. Sie sehen auch anders aus. Aber sie sind alle hungrig.
Ich bin müde.
Wie lange kann ich hier oben sitzen, eingeklemmt zwischen den beiden Ästen, die mir ein wenig Halt geben. Ich klammere mich an den Baumstamm. Die Tiere sind tief unter mir. Ich kann sie nicht mehr sehen, aber ich weiß, dass sie da sind.
Die Muskeln tun mir weh. Ich kann mich nicht bewegen. Das regungslose Sitzen und Klammern fordert seinen Tribut. Andererseits bleibe ich länger wach.
Wenn ich einschlafe, dann falle ich vom Baum, so einfach ist das. Ich darf also nicht einschlafen.
Das wäre das Ende.
Mein Telefon liegt im Auto. Das Auto ist weit fort. Ich bin hier auf dem Baum. Da unten ist das Tier. Und die anderen Tiere. Das ist alles, was wichtig ist in meinem Leben.
So schnell kann sich alles ändern.
Das Tier hat Augen, die im Dunkeln glühen. Sie sehen grün aus. Das Tier riecht nach Gras, irgendwie. Der Geruch wird vom Wind an meine Nase getragen. Ja, es riecht nach feuchtem Gras.
Ich habe Durst. Und Hunger.
Seit mehr als vierzehn Stunden habe ich nichts mehr gegessen. Ich frühstücke wenig. Normalerweise frühstücke ich erst richtig, wenn ich in der Firma bin. Doch da bin ich heute nicht angekommen.
Ich habe Angst. Ich glaube nicht, dass jemand nach mir sucht. Ich verstehe das nicht. Aber ich glaube wirklich nicht mehr daran, dass irgend jemand nach mir sucht.
Das Tier macht ein Geräusch, das sich anhört, als würde jemand Papier zerreißen. Die anderen Tiere hören sich genauso an. Es sind viele Kehlen, die das Geräusch machen. Viele Körper, die da unten im Gestrüpp rascheln. Ich kann sie nicht sehen, aber ich weiß, dass sie da sind.
Sie warten.
Die Sonne geht auf.
Ich bin so müde. Seit Stunden merke ich, dass mir die Augen zufallen wollen. Nur mühsam bleibe ich wach. Mein Körper fordert seinen Schlaf. Es ist eisig kalt gewesen in der Nacht. Alles tut mir weh.
Das große Tier sieht zu mir herauf. Das grüne Glimmen in seinen Augen sieht freudig aus. Es weiß, was geschehen wird. Es macht das nicht zum ersten Mal.
Ich bin in der Falle.
Stunden später.
Die Sonne steht hoch am Himmel. Ich bin noch da. Das Tier auch. Das Tier und all die anderen Tiere. Sie sind so geduldig, so schrecklich ruhig und geduldig. Ich schaue nach unten.
Es muss Mittag sein.
Die anderen Tiere sind verschwunden. Vielleicht jagen sie andere Wesen, irgendwo im Wald.
Mein Tier ist noch da. Es sitzt da unten, ganz ruhig, und lässt mich nicht aus den Augen.
Die Stunden vergehen.
Ich weiß, dass mir bald die Augen zufallen werden. Ich weiß, dass es keinen Zweck hat, sich an die Äste zu klammern. Ich weiß, dass ich irgendwann fallen werde. Ich weiß, dass das Tier da unten nicht weggehen wird. Ich weiß, wie das Ende aussieht.
Hoffnung habe ich trotzdem noch.
Das Tier auch.
Ende
31. Januar 2008