Hier nun meine Wertung der ersten Ausgabe.

Hat ja lang genug gedauert...
ZWIELICHT Band 1
Herausgeber Michael Schmidt hat sich vorgenommen, mit seiner Anthologie einen wichtigen Beitrag für die deutsche Horrorliteratur zu leisten, denn er will „den besten Autoren der Szene eine Plattform bieten.“ Es lässt sich vielleicht darüber streiten, ob ein weiteres Magazin mit deutschen Veröffentlichungen Sinn ergibt; doch dem, der das Buch bis mindestens zur Hälfte liest, sollte klar werden, dass Zwielicht alles andere als überflüssig ist.
Der Band beginnt zunächst verhalten. Christian Weis hat seinen Stil gefunden, man wird auch nie etwas Schlechtes von ihm zu lesen bekommen, doch „Im Abgrund“ ist von der Story her nicht wirklich packend. Zu lang wird gezetert, ob bzw. was der Bösewicht mit seinem Opfer anstellt. „Erwachen“ von Bernard Craw legt da gleich mit einem spannenden Szenario los, greift dabei ein interessantes stilistisches Vorgehen auf: Aus der Ich-Perspektive wird beschrieben, wie sich der Protagonist in einen Zombie verwandelt. Die Sicht in die Person gestaltet Craw sehr intensiv und auf den Punkt gebracht, wenngleich sein Schreibstil etwas zu adjektivschwanger ausfällt.
Bei „Eine andere Wildnis“ lesen sich die ersten Zeilen interessant, danach wird die Geschichte heruntergerattert wie eine Märchenerzählung. Schade, hier hätte man mehr draus machen können. Dafür ist die Illustration zu Jakob Schmidt's Geschichte die gelungenste. Typisch Rainer Innreiter geht es weiter: eine kurze, schwarz-humorische Story, jenseits von Gut und Böse. „Sieben Katzenleben“ lebt vom Makaberen, und ist deswegen lesenswert.
Makaber und witzig geht es mit „Margit“ weiter, wo ein Navi seinen Fahrer bewusst ins Nirgendwo lotst. Achim Hildebrandt gelingt eine kurze, knackige Geschichte für zwischendurch. In „Die Wölfe von Nebraska“ wird klar, warum Peter Nahtschläger sich mehr als „Erzähler denn als Literat“ sieht, wie er in seiner Vita schreibt. Zu oft finden sich in seiner Story Unstimmigkeiten; Charakterbeschreibungen, wo keine nötig sind (auch wenn, zugegebenermaßen, gelungene), zu lange Sätze, die sich im Unwesentlichen verlieren. Die Story ist zu strukturlos, um zu fesseln; hier kommen die Leser auf ihre Kosten, die auf blutrünstige Unterhaltungslektüre stehen.
David Grashoffs „Der Autobahnheiland“ beginnt augenzwinkernd, steigert sich von Zeile zu Zeile in eine (zumindest angedeutete) tiefsinnige Story, die geradezu inspirierend wirkt. Sehr schön. Von Tiefgang muss man ganz besonders bei Marcus Richters Story reden, denn diese vermag durch ihren psychologischen Horror zu begeistern. Traumsequenzen mögen zwar ausgelutscht wirken, doch wenn man sie derart verschlüsselt, für die Erzählung notwendig und beängstigend darstellt, haben sie ihren Nutzen erfüllt. „Meer der Halme“ ist eine Wahnsinnsgeschichte, definitiv eines der Highlights aus diesem Buch und des deutschen Horrorjahrs 2009.
Marcus Niebios' Geschichte erweist sich anschließend als gut platziert, denn nach dem vorherigen Hammer benötigt der Leser eine Story der etwas anderen Gangart; „Warten“ ist kurz und kein Wort zu lang, die Idee von einer Verstorbenen, die am Bett ihres kranken Ehemannes weilt, ist nett.
Von aller Ernsthaftigkeit gelangt man nun zum „Untersten Fundbüro“, einer sehr witzigen und zugleich gesellschaftskritischen Geschichte, die den Bürokratiewahn der Deutschen auf die Spitze treibt. N.T. Neumanns Story hätte genauso gut in ein „normales“ Literaturmagazin gepasst, denn sie ist für jedermann, der es satirisch mag, ein Leckerbissen. Durch vorangegangenen Witz wird es etwas schwer, wieder in den Grusel mit Gänsehautatmosphäre hineinzukommen, welche Markus Saxer mit „Das weiße Gesicht“ zu beschwören versucht. Zwar merkt man Saxer an, dass er mit Sprache umgehen kann, doch zeigt sich sein Text verschlossen, liest sich wie ein stream-of-consciousness aus der Außensicht. Die Ich-Perspektive hätte hier wohl mehr Schauder verursacht.
Wie gewohnt stark gibt sich Walter Diociaiuti mit „Sexy Sadie“. Die Handlung erinnert im Mittelteil an „Eyes Wide Shut“ bzw. „Traumnovelle“, erreicht auch deren Grad an Surrealität. Umso heftiger wirkt das Ende, das den Leser durch Diociaiutis eindringlichen Schreibstil schockiert zurücklässt. Michael Schmidt gibt sich anschließend selbst die Ehre, und das mit einem hervorstechenden Text, der durch seinen lyrischen Akzent zu bannen vermag. Man könnte sich den Text durch seine Dynamik als Song zu einem abgedrehten Musikvideo vorstellen – ernsthaft!
Die beiden Abschlussstorys setzen dem Ganzen die Krone auf: Bachmann schreibt eine psychisch-beklemmende Geschichte, die dem Leser volle Aufmerksamkeit abverlangt. Er entwirft ein spannendes, wenn auch riskantes Konzept, in der Bachmann die reale Welt der eines Geisteskranken gegenüberstellt, lässt die Grenzen verwischen. „Kaleidoskop der Seele“ beweist, warum Bachmann zu den Großen gehört – allein des Titels wegen (nach dem der Autor zurecht einen Storyband benannte). Und was eignet sich am besten für das Grande Finale? Richtig, der Weltuntergang. In Torsten Scheibs „Götterdämmerung“ sucht eine Frau während der Apokalypse ihren Sohn. Der Mikrokosmos im Makrokosmos, sozusagen. Klasse geschrieben, knackig und spannend. Literatur wie Kino.
Der Sekundärliteraturteil markiert das Ende, und fällt durch seine geringe Seitenzahl etwas arg aus. Dennoch gefällt Neugebauers Artikel über M.R. James' Geschichten und deren Einfluss auf den heutigen Horror – z.B. die Parallele zu The Sixth Sense. Vor allem ist hier positiv anzumerken, dass Neugebauer sich auf James' Einfluss auf die heutige deutsche Literatur konzentriert, was die Wichtigkeit des Autors unterstreicht. Neugebauer hätte gern ausführlicher über das Werk James' referieren können, aber so ist bekanntlich immer mit gelungenen Artikeln – sie wirken zu kurz. Der Beitrag imponiert, vor allem, da er mit Zitaten namhafter Größen bestickt ist.
Abgerundet wird der erste Zwielichtband mit der Nennung der Vincent-Preis-Sieger, und einer Auflistung aller erschienenen Publikationen im Genre aus dem Jahr 2007. Eine wichtige Arbeit, die Schmidt hier geleistet hat.
Insgesamt beeindruckt Zwielicht 1 mit einer hohen Dichte an hochwertigen Storys – besonders ab der Mitte wird ein Niveau angeschlagen, dass die Anthologie im Folgenden halten kann. Hier könnte der Name des Bandes auch „Die Besten Horror-Storys 2009“ lauten. Ein gelungener Mix von witzigen, spannenden und beklemmenden Geschichten – wobei es hauptsächlich letztere sind, die einen psychologischen Tiefgang aufweisen und somit im Gedächtnis des Lesers bleiben. Die Artikel wissen ebenso zu gefallen, nur müssten diese, um ihre Wichtigkeit zu rechtfertigen, in folgenden Ausgaben weiter in den Mittelpunkt rücken. Heißt: Bitte mehr davon. Vor allem wenn sie sich so gut lesen lassen wie der von Neugebauer.
Wenn Ausgabe Zwei ebenso stark werden sollte, hat Zwielicht seine Rolle als Must-Have für jeden Fan des deutschen Horrors verdient.