Zach zog die Fensterläden hoch. Das einfallende Sonnenlicht schnitt lange, schiefe Pfeilspitzen durch den umherwirbelnden Staub. Larry hockte am Esstisch, eine Kaffeetasse umklammert. Der Inhalt hatte es bislang nicht vermocht, die Düsternis in seinem Schädel zu vertreiben. Das bedrohliche Gefühl war zwar etwas abgeklungen, doch stattdessen fühlte er sich noch verwirrter und plagte sich mit der Sorge herum, dass er womöglich Recht gehabt hatte, was den Zustand von Zachs geistiger Klarheit betraf.
„Da komme ich einfach nicht mit“, erklärte er dem ruhelosen Gastgeber.
„Es tut mir leid, aber wenn du behauptest, dass deine Frau im Obergeschoss ist – dann kann sie offensichtlich nicht auch zugleich in Cleveland sein.“
„Sie hat mich heute Morgen von Lindas Telefon aus angerufen. Das sie am späten Nachmittag abreisen und gegen Mitternacht zuhause sein würde. Und dass ich auf sie warten soll.“
„Also ist sie früher angekommen.“
„Nein.“ Jack hielt inne und wrang mit seinen Händen. „Es waren zehn Minuten nach unserem Gespräch vergangen, als ich sie oben gesehen hatte. Und du weist genau so gut wie ich, dass man von Cleveland bis hierher Stunden braucht.“
„Hör mal. Entspann dich. Es ist doch sonnenklar. Entweder will dir da jemand einen Streich spielen oder du bist einfach nur verwirrt – "
„Verrückt wolltest du doch sagen.“
„Hast du mir ihr denn gesprochen? Der Obergeschossversion, meine ich.“
„Nein. Davor hab ich Angst.“
„Weshalb?“
„Wegen ihrer Haltung.“
„Und wie habe ich mir das vorzustellen?“
„Ich … ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll. Es ist keine drohende Haltung, aber ich fühle mich trotzdem bedroht. So wie sie da steht, so halb verborgen und mit diesem angedeuteten Lächeln in ihrem Gesicht. Ich weiß echt nicht, was da gerade abläuft, Larry, aber ich schwöre dir bei allem was mir heilig erscheint, dass es sich bei der Frau dort oben nicht um meine Agnes handelt.“
„Okay. Hast du sie denn nochmals angerufen, nachdem du gedacht … nachdem du sie oben gesehen hast?“
„Ja. Gleich als Allererstes.“
„Und?“
„Und sie war da, ganz wie es sein sollte.“
„Und jetzt möchtest du, dass ich sie mir auch anschaue, ist es so?“
„Ja.“ Zach deutete zu den Stufen im Hausflur. „Wenn du willst.“
„Natürlich.“ Larry war sichtlich erleichtert. Ganz klar: Hoffmans Frau konnte nur an einem der beiden Orte sein – Cleveland oder Obergeschoss – und nicht an beiden gleichzeitig. Also hatte Zach entweder vergessen, seine Medikamente einzunehmen oder aber verlor er nun endgültig seinen langen und zehrenden Kampf gegen die Senilität. Wenn ein kurzer Ausflug nach oben ausreichen würde, um ihn Zufriedenzustellen, dann würde Larry auch genau dies machen und seine albernen Theorien ein für allemal begraben.
Am Fuße der sonderbar ausgelegten Stufen blickte er über seine Schulter zu Zach hinüber, der den Eindruck vermittelte, als habe ihn der Weg von der Küche bis hierher um ein weiteres Jahrzehnt altern lassen.
„Und wenn ich sie auch sehe?“
„Dann haben wir ein Problem.“
Falsch, dachte Larry. Dann hast du ein Problem.
Beruhigend lächelnd, um Zach wenigstens etwas aufzumuntern, legte Larry seine rechte Hand auf den glatten Handlauf aus Mahagoni, atmete lautlos durch und wandte sich der Treppe zu.
Als er nach oben sah, erblickte er zu seinem Entsetzen eine alte Frau, die ihn ausgiebig musterte.
„Siehst du! Ich hab’s dir doch gesagt!“ keuchte Zach hinter ihm.
Nur die linke Seite von Agnes Gesicht war sichtbar. Der Rest wurde von der Wand direkt am Treppenabsatz verdunkelt, wo sie eine scharfe Wendung machte – weg von der Treppe. Die Position von Agnes Kopf ließ vermuten, dass sie mit dem Oberkörper flach am Boden lag. Der Rest ihres Körpers war irgendwo hinter ihr, auf dem Treppenabsatz. Ein weit aufgerissenes Auge, struppiges graues Haar und die Kurve lächelnder Lippen waren alles, was Larry von der untersten Stufe aus erkennen konnte. Ein beunruhigender Anblick. Fast schien es, als wolle Agnes auf Händen und Füßen die Treppe hinabkriechen. Doch im Augenblick lag sie still und lugte auf ihn hinab; einem boshaften Kinde nicht unähnlich.
„Du siehst sie, oder?“
Larry nickte, brachte aber keinen Ton heraus.
„Ich habe es dir ja gesagt. Sie ist hier – aber sie kann nicht hier sein.“
„Mrs. Hoffman?“
Das halbierte Lächeln der Frau verbreiterte sich.
„Möchtest du vielleicht, dass ich sie in Cleveland anrufe?“
„Nicht nötig“, sagte Larry. Sie ist hier. Direkt vor mir. „Mrs. Hoffman? Ist alles in Ordnung?“
Sie kicherte. Eine alte Stimme, die versuchte, jung zu klingen.
„Mrs. Hoffman? Darf ich raufkommen? Brauchen Sie Hilfe?“
„Ich werde sie anrufen“, verkündete Zach. „Dann wirst du sehen, was ich meine.“
Und bevor er ihn aufhalten konnte, raste Zach bereits wieder zur Küche zurück. Draußen legten sich Wolken vor die Sonne. Die Schattenmuster auf den Wänden wurden dunkler, ein Effekt, der dafür sorgte, dass Agnes’ Kopf von hinten beschienen wurde und sie wie eine Silhouette wirken ließ.
„Mrs. Hoffman. Ist alles in Ordnung?“
Er glaubte, vage ein Zittern erkannt zu haben, war sich dessen aber nicht sicher. Dann, gerade als er sich selbst das Versprechen gemacht hatte, Agnes ein allerletztes Mal auf ihren Gesundheitszustand zu befragen, bevor er dieses Haus verlassen und die ganz eindeutig reichlich verwirrten – wenn nicht sogar ausgesprochen verrückten – Bewohner hinter sich lassen würde, fing Zachs Frau zu reden an.
„Spiel mit mir.“
„Entschuldigung?“ Larry trat zurück. Weg von den Stufen und näher zur Haustür. Mit jeder weiteren verstreichenden Sekunde fand er es schwerer, eine logische Rechtfertigung für den Aufenthalt hier zu finden.
Das hier war ein Job für die Profis; für ausgebildete Experten, die wussten, wie man mit Menschen umzugehen hatte, die am Rande ihrer mentalen Klippen und kurz vor dem Großen Absprung standen.
Agnes seufzte. Und obwohl ihre Züge verdunkelt waren und Larry sie nicht mehr ausmachen konnte, wusste er ganz genau, dass sie ihn auch weiterhin
beobachtete.
Der nächste Schritt gen Tür. „Zach … es tut mir leid“, rief Larry. „Aber ich muss los. Ich denke, du solltest – "
Die Worte erstarben in seiner Kehle.
Zach telefonierte gar nicht. Er versteckte sich, lugte ihn verstohlen an.
Neben dem Durchgang kauernd, war nur Zachs rechte Hälfte erkennbar, während der Rest hinter der Wand versteckt war. Genau wie bei Agnes, lagen auch seine Züge im Schatten, und genau so konnte Larry auch sein Lächeln spüren. „Spiel mit mir“, forderte Zach, die Angst in seiner Stimme wie weggefegt.
„Was stimmt mit dir nicht?“ fragte Larry. „Was für ein Spiel treibt ihr beiden da?“
„Du musst uns finden“, antworteten Zach und Agnes unisono. „So hat man es uns gesagt. So lautet die Regel.“
Eine schwache und verängstigte Stimme wehte zu Larrys Entsetzen aus der Küche zu ihm, von irgendwo hinter der Gestalt im Durchgang stammend. „Das ist unmöglich. Ich weiß nicht, wie dies geschehen kann. Er ist nicht ich … Er ist nicht ich … Ich bin real … Bitte, Gott … Ich –"
Larry wirbelte herum, riss die Tür auf und rannte nach draußen. Hinter ihm vergiftete das schadenfrohe Gekicher bösartiger Kinder die Luft.
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