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Samstag, 28. Februar 2009, 10:52

Exklusive Story für das Horror-Forum von Kealan Patrick Burke

Hallo liebe Mituser(innen)!

Ich hatte letztes Jahr ein wenig mit Kealan Patrick Burke gemail, ihm meine Eindrücke von seinem Buch "Der Schildkrötenjunge" geschildert und nach weiteren deutschen Veröffentlichungen gefragt, da kam er auf die Idee, dem Horror Forum zum Dank eine seiner Kurzgeschichten zu vermachen.

Die Bekanntmachung passt nun auch ganz unverhofft mit dem Relaunch und 6. Geburtstag des Horror-Forums zusammen.

Mit Hilfe von Anubis fanden wir auch schnell jemanden, der sich bereiterklärte, diese Geschichte zu übersetzen. Dieser jemand ist Torsten Scheib, dem mein allerherzlichster Dank gebührt und ohne dem diese Geschichte wohl von mir in einer nicht zu verstehenden Form nach jahrelanger Arbeit erst zum 10 jährigen Bestehen des Forums fertig gewesen wäre. :)

Kealan hat auch noch ein paar Worte mit hinzu gefügt:


"Hello everyone,

I wanted to stop by and thank you all for your enthusiasm for THE TURTLE BOY. It was one of the first books I wrote in which I felt I got it right. I agree that it could have been longer, but as someone said on this board, it's exactly the length it needed to be. I never intended to write a sequel to it, but the book proved so popular among readers, and I loved the characters so much that I decided to see what came next. In THE HIDES, which takes place in my
home country of Ireland, Timmy is a teenager and things get decidedly worse for him when he mistakenly assumes there is peace to be found away from home.
In VESSELS, Timmy is a middle-aged man, a ruin, and still hoping to find solace from the dead. This third book, I believe, is the best of them so far, but to answer a question posed earlier, you will find out who the killer was in THE HIDES. In these first two books, THE TURTLE BOY and THE HIDES, all the
locations are real. Thankfully, the ghosts are not.

Again, thanks to all of you who've read the book. I have mentioned to ShadowMan that if someone is willing to translate, I'd be willing to post a free short story here as a thank you for your kind support of my work.

All the best,

Kealan Patrick Burke
"


Die Storie heisst PEEKERS, und wurde in seiner Geschichtensammlung THE NUMBER 121 TO PENNSYLVANIA & OTHERS veröffentlicht, ist aber noch nicht auf deutsch erschienen.
Es gibt auch einen guten Kurzfilm zu dieser Geschichte: Play With Me!

Ich werde sie hier in mehreren Posts reinstellen, da die Textzeichen pro Beitrag begrenzt sind, also nicht wundern, wenn erst etwas fehlt. :P

Wir wünschen Euch allen ein schauriges Vergnügen!

Torsten, Anubis und Dirk



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Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »ShadowMan« (28. Februar 2009, 17:42)


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Samstag, 28. Februar 2009, 11:19

Teil 1

Häscher

von Kealan Patrick Burke

ins Deutsche übersetzt von Torsten Scheib

Larry Morgans Entscheidung, sein Rentendasein ab dem heutigen Tage weniger als Fluch, denn vielmehr als Segen zu betrachten, erhielt seine ersten Risse, als die Nachbarn zu seiner Linken ihre Dirt-Bikes auf Hochtouren trieben und Gott-weiss-wen anbrüllten. Obwohl beide Häuser durch einen schmalen, aber dicht bewaldeten Abschnitt voneinander getrennt waren, erwies sich die Flora jedes Mal als vollkommen unzureichend wenn Bob Landry und seine bessere Hälfte ihren nicht gerade jugendfreien Auseinandersetzungen nachgingen oder Landrys drei Teenager-Söhne mittels ihrer Maschinen konversierten. Doch gab es eigentlich keinen Grund zur Beschwerde – trotz ihres ganzen Getues.
Immerhin war er bei der Frage, ob die Jungs seinen Hof als Schnellstraße benutzen durften oder nicht, als Sieger hervorgegangen – auch wenn die tiefen und längst erhärteten Spurrillen mehr Arbeit bedeuteten, als er Willens oder, ganz, ehrlich, fähig war. Seine absolut begründeten Einwürfe, dass der Schuldige auch für den Schaden aufzukommen hatte, wurden ignoriert. Wie es schien, musste Bob Landry in seiner Blütezeit offenbar ein einigermaßen berühmter Dirt-Biker gewesen sein, der nun mit ganzem Herzen das Bestreben seiner Söhne unterstützte, in seine Fußstapfen zu treten. Beschwerden waren für ihn lästige Ärgernisse, mit denen er gerechnet hatte und auch wenn er bereit war, die Zeit seiner Jungs einzuschränken, in der sie „auf Touren kamen“, so zog er eine klare Linie, wenn es hieß, dass sie auch für Verschmutzungen jeglicher Art aufzukommen hätten. „Finger machen halt Abdrücke und Reifen Spuren“, erklärte er Larry schulterzuckend.
Empört wandte sich Larry vom Krach ab und bemerkte Zach Hoffman, der leichten Schrittes seinen Vorgarten hinter sich brachte und rasch näher kam. Zach war zwar gleichen Alters wie Larry, sah jedoch wesentlich älter aus und residierte zudem in einem von diesen austauschbar-sterilen Eigentumswohnungen, die dort drüben – auf dem, wenn er sich richtig entsann, einstmals überwucherten Feld – in den vergangenen beiden Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen waren.
Er vermisste das ganze Grünzeug.
Zach war im Grunde ein sehr angenehmer Zeitgenosse; verhalten und zart besaitet. Fast so, als sei er aus einem besonders anfälligen Material erschaffen worden, welches zerknüllt und zu lange auf einem staubigen Dachboden sein Dasein gefristet hatte. Wenn er nicht gerade zu seinem Briefkasten ging, um die Post oder das kostenfreie und durch Anzeigen finanzierte Lokalblatt abzuholen, das von irgendwelchen unsichtbaren Trägern verteilt wurde – völlig gleichgültig, ob man dies nun wollte oder nicht - , so traf man ihn eigentlich nur sehr selten außerhalb seiner eigenen vier Wände an. Umso überraschender erschien daher auch sein Ausflug rüber zu Larry – inklusive eines sehr ernsten und zielgerichteten Gesichtsausdruckes, der förmlich in seine Züge hineingeätzt worden war.
„Morgen, Zach.“
Zach beantwortete die Begrüßung mit einem Nicken. Seine Stirn trug Falten. „Ich würde dich gerne um einen Gefallen bitten.“ „Sicher.“ Solange ich nicht wieder auf seinen grässlichen Köter aufpassen muss, ergänzte Larry in Gedanken.
Das musste er nicht. Zachs Miene sprach Bände.
„Ob du wohl für ein paar Minuten zu mir rüber kommen könntest?“
„Wozu?“
„Du musst dir etwas ansehen.“
Auch wenn sich Larry sicher war, dass Zach niemals etwas Bösartiges im Schilde führen würde, vergaß er trotzdem nicht, dass derlei Dinge nicht selten in den Spätnachrichten gezeigt wurden – meistens von dem Nachbarn eines scheinbar völlig gewöhnlichen Menschen, nachdem diesem die Sicherung durchgebrannt war und er Mitmenschen getötet hatte. Das Zach außerdem den Grund seines Ersuchens verschwieg, war auch nicht gerade förderlich.
„Also – ich wollte mir gerade Frühstück machen. Wenn ich vielleicht etwas später bei dir vorbeischauen könnte …?“
„Ich werde dich ganz bestimmt nicht lange aufhalten, Larry. Und mir tut das ganze Aufheben auch wirklich leid. Aber es ist nun mal so, dass ich den ganzen anderen hier einfach nicht traue.“ Mit dem Daumen zeigte er über die Schulter, hin zu den restlichen Grundstücken. „Wenn die rauskriegen,
dass ich Sachen sehe, rufen die doch gleich die Männer in Weiß.“
Larry war noch immer argwöhnisch – und zugleich neugierig. „Was glaubst du denn, was du gesehen hast?“
„Das sag’ ich dir, wenn wir den Krach dieser verdammten Motorräder hinter uns gebracht haben, okay?“
Larry geriet in Versuchung, Zach darauf hinzuweisen, dass er bislang eigentlich zu gar nichts zugestimmt hatte, als just in diesem Moment – beinahe auf Stichwort – die Lautstärke der Dirt Bikes anschwoll. Die Landry-Boys drehten eine weitere Runde in ihrem Vorgarten.
Er seufzte auf. „Na schön, Zach. Lass mich nur noch meine Jacke holen.“

****
Schweigend brachten sie den Weg zu Zachs Haus hinter sich. So sehr er sich auch bemühte und anstrengte – es gelang Larry einfach nicht, sich auszumalen, was ihm im Haus seines Nachbarn erwarten könnte. Die Handvoll Vorschläge, die ihm sein überaktiver Verstand feilbot – geschärft durch jahrelange nüchterne Büroarbeit – waren ebenso wenig unterhaltsam wie unschön, also verwarf er sie gleich wieder.
Obwohl sich in dieser neu aufgeworfenen Trabantenstadt die Häuser wie ein Ei dem anderen ähnelten, erschien Zachs Heimstatt dennoch irgendwie anders. Das Dach hing herab wie ein nasses Handtuch, das die Sonne zwar ausgesteift hatte, die im Innern verborgene Feuchtigkeit allerdings nicht.
Die Fenster waren vollständig verschleiert und als Larry zögernd eintrat, fielen ihm die Schatten auf den eigentlich steril wirkenden weißen Wänden auf; Tätowierungen, erschaffen von sorglosen Händen. Im linken Teil des Hausflures führten blanke Stufen nach oben, ehe sie unvermittelt in die andere Richtung und damit außer Sichtweite abzweigten. Alles hier drin war entweder in Weiß oder cremefarben gehalten. Larry, der sich bislang in keinem dieser Heime aufgehalten hatte, missfiel es auf der Stelle.
Zach machte hinter sich die Tür zu und gab Larry zu verstehen, ihm in die Küche zu folgen, die sich am Ende des viel zu schummrigen und unnötig langen Flures befand. Doch Larry rührte sich nicht von der Stelle. Zachs Geste war so fordernd und gleichzeitig flehend gewesen, dass sämtliche Alarmglocken in Larrys Schädel zu läuten begonnen hatten.
„Was soll das Ganze?“
„Ich setze uns erst mal Kaffee auf.“ Zach, den Kopf gebeugt, um jedem Augenkontakt zu entgehen, wollte sich gerade in Bewegung setzen, als Larry sein Handgelenk erfasste – nicht brutal, aber auch alles andere als schlaff.
„Halt.“ Er löste seine Hand wieder, bevor ihn Zachs aufgewühlter Blick erreichte. „Sag’ mir, was hier los ist.“
Zunächst schien es, als wolle sich Zach doch in Richtung Küche aufmachen.
Dann sackte er zusammen. Starrte zur Decke hinauf. „Es ist meine Frau. Sie ist oben.“
Blanke Furcht erfasste Larry in diesem Moment und entrang seinem Körper unfreiwillige Schauder. Mit einem Male war er vollkommen überzeugt, dass dieser Mann eigenhändig seine Frau ermordet hatte und ihr strangulierter oder zusammengeschlagener Körper im Obergeschoss bereits auf ihn wartete und das Zach ihn auf Geheiß seines unergründlichen Wahns hierher geschleppt hatte, um ihm sein Werk zu präsentieren.
Dann – der Furcht ganz dicht auf den Fersen gefolgt – folgte die Erkenntnis.
Zach hatte hinter ihnen die Tür geschlossen.
Zach stand viel zu nahe.
Und für eine Flucht war Larry viel zu alt.
Doch bevor er zuließ, dass jene Panik, die in seiner Kehle anzuschwellen begonnen hatte, ihn vollständig verschlingen konnte, musste er sicherstellen, das ihn seine Imagination nicht in die Irre führte wie schon zuvor – als er noch keinen Fuß in Hoffmans Haus gesetzt hatte. Umso schwerer fiel es ihm dann auch, seine ruhige Stimme zu behalten: „Was ist mit ihr? Ist sie verletzt?“
Zach schüttelte den Kopf. „Nein.“
„Was stimmt dann nicht?“
„Sie ist oben.“
„Und?“
Diesmal blickte Zach direkt in Larrys Gesicht. „Und das sollte sie nicht.“
„Und wieso nicht?“
„Weil sie in Cleveland unsere Tochter besucht.“

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Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von »ShadowMan« (28. Februar 2009, 13:05)


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Samstag, 28. Februar 2009, 11:44

Teil 2

Zach zog die Fensterläden hoch. Das einfallende Sonnenlicht schnitt lange, schiefe Pfeilspitzen durch den umherwirbelnden Staub. Larry hockte am Esstisch, eine Kaffeetasse umklammert. Der Inhalt hatte es bislang nicht vermocht, die Düsternis in seinem Schädel zu vertreiben. Das bedrohliche Gefühl war zwar etwas abgeklungen, doch stattdessen fühlte er sich noch verwirrter und plagte sich mit der Sorge herum, dass er womöglich Recht gehabt hatte, was den Zustand von Zachs geistiger Klarheit betraf.
„Da komme ich einfach nicht mit“, erklärte er dem ruhelosen Gastgeber.
„Es tut mir leid, aber wenn du behauptest, dass deine Frau im Obergeschoss ist – dann kann sie offensichtlich nicht auch zugleich in Cleveland sein.“
„Sie hat mich heute Morgen von Lindas Telefon aus angerufen. Das sie am späten Nachmittag abreisen und gegen Mitternacht zuhause sein würde. Und dass ich auf sie warten soll.“
„Also ist sie früher angekommen.“
„Nein.“ Jack hielt inne und wrang mit seinen Händen. „Es waren zehn Minuten nach unserem Gespräch vergangen, als ich sie oben gesehen hatte. Und du weist genau so gut wie ich, dass man von Cleveland bis hierher Stunden braucht.“
„Hör mal. Entspann dich. Es ist doch sonnenklar. Entweder will dir da jemand einen Streich spielen oder du bist einfach nur verwirrt – "
„Verrückt wolltest du doch sagen.“
„Hast du mir ihr denn gesprochen? Der Obergeschossversion, meine ich.“
„Nein. Davor hab ich Angst.“
„Weshalb?“
„Wegen ihrer Haltung.“
„Und wie habe ich mir das vorzustellen?“
„Ich … ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll. Es ist keine drohende Haltung, aber ich fühle mich trotzdem bedroht. So wie sie da steht, so halb verborgen und mit diesem angedeuteten Lächeln in ihrem Gesicht. Ich weiß echt nicht, was da gerade abläuft, Larry, aber ich schwöre dir bei allem was mir heilig erscheint, dass es sich bei der Frau dort oben nicht um meine Agnes handelt.“
„Okay. Hast du sie denn nochmals angerufen, nachdem du gedacht … nachdem du sie oben gesehen hast?“
„Ja. Gleich als Allererstes.“
„Und?“
„Und sie war da, ganz wie es sein sollte.“
„Und jetzt möchtest du, dass ich sie mir auch anschaue, ist es so?“
„Ja.“ Zach deutete zu den Stufen im Hausflur. „Wenn du willst.“
„Natürlich.“ Larry war sichtlich erleichtert. Ganz klar: Hoffmans Frau konnte nur an einem der beiden Orte sein – Cleveland oder Obergeschoss – und nicht an beiden gleichzeitig. Also hatte Zach entweder vergessen, seine Medikamente einzunehmen oder aber verlor er nun endgültig seinen langen und zehrenden Kampf gegen die Senilität. Wenn ein kurzer Ausflug nach oben ausreichen würde, um ihn Zufriedenzustellen, dann würde Larry auch genau dies machen und seine albernen Theorien ein für allemal begraben.
Am Fuße der sonderbar ausgelegten Stufen blickte er über seine Schulter zu Zach hinüber, der den Eindruck vermittelte, als habe ihn der Weg von der Küche bis hierher um ein weiteres Jahrzehnt altern lassen.
„Und wenn ich sie auch sehe?“
„Dann haben wir ein Problem.“
Falsch, dachte Larry. Dann hast du ein Problem.
Beruhigend lächelnd, um Zach wenigstens etwas aufzumuntern, legte Larry seine rechte Hand auf den glatten Handlauf aus Mahagoni, atmete lautlos durch und wandte sich der Treppe zu.
Als er nach oben sah, erblickte er zu seinem Entsetzen eine alte Frau, die ihn ausgiebig musterte.
„Siehst du! Ich hab’s dir doch gesagt!“ keuchte Zach hinter ihm.
Nur die linke Seite von Agnes Gesicht war sichtbar. Der Rest wurde von der Wand direkt am Treppenabsatz verdunkelt, wo sie eine scharfe Wendung machte – weg von der Treppe. Die Position von Agnes Kopf ließ vermuten, dass sie mit dem Oberkörper flach am Boden lag. Der Rest ihres Körpers war irgendwo hinter ihr, auf dem Treppenabsatz. Ein weit aufgerissenes Auge, struppiges graues Haar und die Kurve lächelnder Lippen waren alles, was Larry von der untersten Stufe aus erkennen konnte. Ein beunruhigender Anblick. Fast schien es, als wolle Agnes auf Händen und Füßen die Treppe hinabkriechen. Doch im Augenblick lag sie still und lugte auf ihn hinab; einem boshaften Kinde nicht unähnlich.
„Du siehst sie, oder?“
Larry nickte, brachte aber keinen Ton heraus.
„Ich habe es dir ja gesagt. Sie ist hier – aber sie kann nicht hier sein.“
„Mrs. Hoffman?“
Das halbierte Lächeln der Frau verbreiterte sich.
„Möchtest du vielleicht, dass ich sie in Cleveland anrufe?“
„Nicht nötig“, sagte Larry. Sie ist hier. Direkt vor mir. „Mrs. Hoffman? Ist alles in Ordnung?“
Sie kicherte. Eine alte Stimme, die versuchte, jung zu klingen.
„Mrs. Hoffman? Darf ich raufkommen? Brauchen Sie Hilfe?“
„Ich werde sie anrufen“, verkündete Zach. „Dann wirst du sehen, was ich meine.“
Und bevor er ihn aufhalten konnte, raste Zach bereits wieder zur Küche zurück. Draußen legten sich Wolken vor die Sonne. Die Schattenmuster auf den Wänden wurden dunkler, ein Effekt, der dafür sorgte, dass Agnes’ Kopf von hinten beschienen wurde und sie wie eine Silhouette wirken ließ.
„Mrs. Hoffman. Ist alles in Ordnung?“
Er glaubte, vage ein Zittern erkannt zu haben, war sich dessen aber nicht sicher. Dann, gerade als er sich selbst das Versprechen gemacht hatte, Agnes ein allerletztes Mal auf ihren Gesundheitszustand zu befragen, bevor er dieses Haus verlassen und die ganz eindeutig reichlich verwirrten – wenn nicht sogar ausgesprochen verrückten – Bewohner hinter sich lassen würde, fing Zachs Frau zu reden an.
„Spiel mit mir.“
„Entschuldigung?“ Larry trat zurück. Weg von den Stufen und näher zur Haustür. Mit jeder weiteren verstreichenden Sekunde fand er es schwerer, eine logische Rechtfertigung für den Aufenthalt hier zu finden.
Das hier war ein Job für die Profis; für ausgebildete Experten, die wussten, wie man mit Menschen umzugehen hatte, die am Rande ihrer mentalen Klippen und kurz vor dem Großen Absprung standen.
Agnes seufzte. Und obwohl ihre Züge verdunkelt waren und Larry sie nicht mehr ausmachen konnte, wusste er ganz genau, dass sie ihn auch weiterhin
beobachtete.
Der nächste Schritt gen Tür. „Zach … es tut mir leid“, rief Larry. „Aber ich muss los. Ich denke, du solltest – "
Die Worte erstarben in seiner Kehle.
Zach telefonierte gar nicht. Er versteckte sich, lugte ihn verstohlen an.
Neben dem Durchgang kauernd, war nur Zachs rechte Hälfte erkennbar, während der Rest hinter der Wand versteckt war. Genau wie bei Agnes, lagen auch seine Züge im Schatten, und genau so konnte Larry auch sein Lächeln spüren. „Spiel mit mir“, forderte Zach, die Angst in seiner Stimme wie weggefegt.
„Was stimmt mit dir nicht?“ fragte Larry. „Was für ein Spiel treibt ihr beiden da?“
„Du musst uns finden“, antworteten Zach und Agnes unisono. „So hat man es uns gesagt. So lautet die Regel.“
Eine schwache und verängstigte Stimme wehte zu Larrys Entsetzen aus der Küche zu ihm, von irgendwo hinter der Gestalt im Durchgang stammend. „Das ist unmöglich. Ich weiß nicht, wie dies geschehen kann. Er ist nicht ich … Er ist nicht ich … Ich bin real … Bitte, Gott … Ich –"
Larry wirbelte herum, riss die Tür auf und rannte nach draußen. Hinter ihm vergiftete das schadenfrohe Gekicher bösartiger Kinder die Luft.

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Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »ShadowMan« (28. Februar 2009, 12:08)


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Samstag, 28. Februar 2009, 12:09

Teil 3

Die Sonne kehrte zurück.
Auf seiner Flucht zurück nach Hause, kam Larry der Gedanke, die Polizei zu verständigen. Schnell wurde ihm allerdings klar, dass es nichts gab, was er ihnen zu sagen gehabt hätte. Officer, meine älteren und sehr scheuen Nachbarn gegenüber haben mich gezwungen, bei ihrem höchst sonderbaren Versteckspiel mitzumachen. Ob Sie vielleicht jemanden rüberschicken könnten?
Genau.
Eigenartigerweise kam Larry das laute Dröhnen nun sehr tröstlich vor. Als er den lehmigen Grasboden seines Vorgartens betrat und sich sein Schatten vor ihm in die Länge zog, halfen ihm ausgerechnet die schroffen Melodien der Motoren, keinerlei Gedanken mehr an Hoffmanns zu verschwenden. Oder an die Stimme vom Durchgang, bei der er sich absolut sicher gewesen war, dass sie keinesfalls von der dort kauernden Gestalt gestammt hatte.
Merkwürdige Leute, dachte er kopfschüttelnd. Er fragte sich, ob es vielleicht nicht besser wäre, jemanden zu verständigen, der nach ihnen schauen könnte, statt sich über ihr sonderbares Verhalten den Kopf zu zerbrechen. Bloß um sicherzustellen, dass die beiden auch noch wirklich alle Murmeln beisammen hatten. Ob er sich wohl schuldig fühlen würde, falls Agnes die Treppen hinabstürzen oder Zach, angetrieben von der Gewissheit, das seine Frau in Wahrheit eine Betrügerin war, einen Mordanschlag verüben würde?
Letztlich beschloss er, dass dies nicht seine Sorge war.
Am Fuße der Haustreppe warf er über seine Schulter einen Blick zurück.
Die Wohngegend kam ihm mit einem Male ungewöhnlich ruhig vor. Wo steckten denn alle bloß heute morgen? Wo waren die lästigen Handtaschenkläffer, die scheinbar nur von irgendwelchen Yuppies toleriert wurden? Und wo steckten all die Geschäftsmänner und unglücklichen, in kostspieligen Roben begrabenen Hausfrauen, die ihren Gatten mehr erleichtert denn bewundert nachwunken?
Gerade, als er unter das Vordach treten wollte, traf ihn ein weiterer, nicht minder sonderbarer Gedanke.
Die Zeitung.
Dieses sinnlose und ungewollte lokale Käseblatt; bis zum Anschlag gefüllt mit trivialen und mondänen Geschichten über triviale und mondäne Menschen. So weit sich Larry entsinnen konnte, war heute das allererste Mal gewesen, an dem das Lokalblatt nicht ausgetragen worden war. Und jetzt, wo er darüber sinnierte, wurde ihm auch bewusst, dass er es heute Morgen auch sonst wo nicht erblickt hatte. In keiner einzigen Einfahrt in der neuen Nachbarschaft. Nicht, dass er bewusst danach Ausschau gehalten hätte.
Er ließ es zu, dass ihn das Röhren ins Haus trieb – bevor ihn die ganze morgendliche Grübelei noch darauf aufmerksam machen konnte, welch alter seniler Narr er selbst doch war. Während er den Kessel füllte und darauf wartete, dass das Wasser für seinen grünen Tee heiß genug wurde, bewunderte er seine sehr adretten, mit Teppich ausgelegten und sehr geradlinigen Stufen.
Behagen und Selbstzufriedenheit erstickten allmählich die Kälte, die er vom Haus der Hoffmans mitgeschleppt hatte und brachten Larry schließlich dazu, sich Gedanken über den Rest des bevorstehenden Tages zu machen. Da gab es noch jede Menge unerledigter Hausarbeiten.
Unkraut musste gejätet und abgefallene Äste eingesammelt werden. Sein Plan bestand bislang lediglich aus Tee, Zigarre und Fernsehen, als er vom schrillen Läuten des Telefons unterbrochen wurde. Begleitet von einer höhnischen Bemerkung, machte er eine abwertende Handbewegung und ließ
das Läuten unbeantwortet. Ein rascher Blick auf die Anruferkennung verriet eine Privatnummer und machte das Ignorieren dadurch umso einfacher. Zufrieden und mit seinem Tee und einer unberrührten Cheroot bewappnet, machte sich Larry auf ins Wohnzimmer.
Seltsame Leute; wirklich seltsam, sinnierte er grimmig lächelnd während er den Tee auf dem Kaffeetisch abstellte und den Daumen auf die Fernbedienung legte.
Der Fernsehapparat erwachte zu neuem Leben. Larry stöhnte auf.
Irgendwas stimmte mit dem Bild nicht. Entweder das oder aber war der Kameramann von Channel 9 mit seinen Gedanken woanders, da der sympathische Nachrichtenmoderator, der ihn jeden Morgen und zur gleichen Zeit begrüßte, diesmal direkt an den rechten Bildrand verschoben worden war.
Larry schluckte. Die unangezündete Cheroot zitterte zwischen seinen Fingern. Ein Zufall, weiter nichts. Doch der Nachrichtenmoderator blieb stumm, hockte weiterhin reglos auf seinem Sessel, eine Hälfte seines Gesichtes außerhalb des Kamerabereiches. Und dennoch konnte Larry ganz deutlich die Kurve seiner lächelnden Lippen ausmachen.
Was in Gottes Namen passiert hier?
In der Absicht, am Fernseher herumzuspielen, bis das Bild wieder seinen Normalzustand erreicht hätte, erhob sich Larry – und fuhr fast aus seiner Haut, als das Telefon wieder läutete.
„Jesus“, flüsterte er, eine Hand gegen die Brust gepresst. Als sich das Lächeln des Nachrichtenmoderators unvermittelt verbreiterte, spürte Larry deutlich den brausenden Takt seines eigenen Herzens. Gleichzeitig verstummte das Telefon. Hinter dem Fernseher lugte ein Gesicht hervor, so schrecklich vertraut; vertrauter als jedes andere, das er in der ihm noch verbliebenen, kurzen Zeit sehen würde.


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Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »ShadowMan« (28. Februar 2009, 13:08)


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Uwe

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5

Samstag, 28. Februar 2009, 16:36

Dirk, du alter Geheimniskrämer! Das mit der Story ist eine tolle Idee! Leider bleibt keine Zeit mehr, sie zu lesen, aber ich freue mich jetzt schon darauf ... gleich, nach dem Horror-Forum-Stammtisch! :] :] :]

6

Samstag, 28. Februar 2009, 17:08

Und du freust dich zu Recht. Danke für eure Mühe Dirk und Torsten!
»Ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.«
Franz Kafka


Uwe

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7

Sonntag, 1. März 2009, 01:32

Ist doch zu spät geworden. Die Story lese ich jetzt endgültig mor - äh heute!

Uwe

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8

Sonntag, 1. März 2009, 11:26

Das Grauen kommt auf leisen Sohlen

Eine großartige Story! Es passiert selten, dass eine Geschichte noch ein wirkliches Gruseln bei mir hervorruft, aber Patrick schafft dieses schleichende Gefühl in "Häscher" perfekt. Es ist das gleiche kriechende Grauen, das auch schon den SCHILDKRÖTENJUNGEN auch im Nachhinein noch zu etwas ganz Besonderem macht.

Tausend Dank an Kealan Patrick Burke, Shadowman und Torsten für dieses sonntägliche Lesevergnügen!

Wenn ich einen Wunsch freihätte, dann den:
Möge "Häscher"nur die erste Story eines weiteren Buches von Kealan Patrick Burke sein, das auf Deutsch erscheint!!

Vielleicht liest ja Walter meine Worte ... ;-)

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Uwe« (1. März 2009, 13:54)


9

Sonntag, 1. März 2009, 11:36

Gern geschehen, machte richtig Spass. so etwas auf die Beine zu stellen (kann ja gut reden, hatte ja nicht die Übersetzungsarbeit ).
Ist wirklich ein netter Mensch der Kealan.

Und vergesst nicht den Kurzfilm zu sehen, den finde ich auch sehr gelungen. :D
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Kai Grimm

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10

Sonntag, 1. März 2009, 13:40

Eine starke, originelle Gruselstory! Besten Dank dafür!
Lese zur Zeit:
Christoph Marzi - Somnia

Astrid

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11

Sonntag, 1. März 2009, 14:35

Auch von mir danke für all die Mühe, die ihr euch gemacht habt.

Eine wirklich unterhaltsame Story.
Parrish`s magischer Spielzeugladen von Astrid Pfister

Parrish`s magischer Spielzeugladen bestellen
http://www.astridpfister.de

Uwe

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12

Sonntag, 1. März 2009, 15:27

Play with ME ...

Stimmt, auch der Film ist genial. Er lässt einen noch verstörter zurück als die Story. Gänsehautfeeling pur - und das ganz ohne große Schockeffekte! :tv:

Also: Erst die Story, dann den Film! Zusammen ein kleines, aus zwei Juwelen zusammengesetztes Gesamtkunstwerk.

Play with me ...aaaaarh! :evil:

Torsten

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13

Sonntag, 1. März 2009, 23:17

@ShadowMan: Das war keine Arbeit ... das war ein gruseliges Vergnügen, die Story zu übersetzen. Lediglich mit einem passenden Titel hatte ich Probleme - aber wozu gibt's Wörterbücher? Könnte ich echt mal wieder öfters machen ...
http://torstenscheib.blogspot.com/

14

Montag, 2. März 2009, 17:02

Ich habe doch sträflicherweise die ganze Zeit vergessen, dem Menschen zu danken, ohne dem diese Aktion erst gar nicht möglich gewesen wäre.

Also einen riesen Dank an Kealan Patrick Burke, der diese Story freigegeben hat!

:Monster4: Thank you very much indeed, Kealan! :Monster3:
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Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »ShadowMan« (4. März 2009, 20:09)


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Uwe

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15

Dienstag, 3. März 2009, 19:09

!!!

Es sei einfach noch enmal gesagt: Das Lesen dieser Story lohnt sich wirklich :-)

@ Torsten: Übersetz die anderen Storys doch "einfach" auch für's Horror-Forum - oder für einen Verlag?? Und Shadowman wird losgeschickt, um in seiner freundlichen, aber unbezwingbaren Art und Weise die Veröffentlichungserlaubnis einzuholen. :evil: Nach wie vor sei gesagt: Burke ist einfach zu gut, als dass es bei dem SCHILDKRÖTENJUNGEN bleiben kann!!

16

Dienstag, 3. März 2009, 20:13

RE: !!!

Nach wie vor sei gesagt: Burke ist einfach zu gut, als dass es bei dem SCHILDKRÖTENJUNGEN bleiben kann!!
Genau! Ich bin ja mal gespannt, mit welcher Story Kealan in DUNWICH vertreten sein wird.





_______________________________

Die Gipfel meines MUST-READ- Gebirges haben momentan erobert:

Tom Piccirilli: Killzone
Paul Cleave: Die Stunde des Todes
Ramsey Campbell: THE OVERNIGHT
China Miéville: UN LUN DUN
Michael Knoke: IM WENDEKREIS DER ANGST
_____________________________

http://www.arthur-gordon-wolf.de
_____________________________

"Literatur ist die Kunst, Außergewöhnliches an gewöhnlichen Menschen zu
entdecken und darüber mit gewöhnlichen Worten Außergewöhnliches zu
sagen."
Boris Pasternak

17

Dienstag, 3. März 2009, 21:39

Auch von mir vielen Dank für die Mühe und Großzügigkeit!
...and the book club consists mainly of people who club me with books.

Walter von Eloy

Fortgeschrittener

Beiträge: 289

Registrierungsdatum: 30. Juni 2005

Wohnort: aus Italien

Beruf: Übersetzer, Autor und verleger

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18

Mittwoch, 4. März 2009, 10:08

Hallo Uwe,

die Übersetzung von "The Hides" habe ich vom Übersezter schon bekommen. Binnen dieses Jahres wird das Buch sicher erscheinen.

Spooky

Super Moderator

Beiträge: 1 463

Registrierungsdatum: 13. August 2004

Wohnort: Kaiseraugst, Schweiz

Beruf: Grafiker

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19

Mittwoch, 4. März 2009, 10:24

die Übersetzung von "The Hides" habe ich vom Übersezter schon bekommen. Binnen dieses Jahres wird das Buch sicher erscheinen.


Das sind ja super News, Walter !!!!!!!

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Mittwoch, 4. März 2009, 20:10

Dann sind hiermit schon mal zwei Exemplare für meinen Kumpel Jan und mich vorbestellt, Walter! :D
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