Ich habe für das Buch etwa so lange wie für einen doppelt so umfangreichen Roman benötigt. Und warum? Nun, man kann Eddies Erzählungen nicht "einfach so" hintereinander weg lesen. Jede Erzählung benötigt ihren zeitlichen Rahmen, um sich entsprechend "entfalten" zu können. Außerdem wären drei oder vier Stories hintereinander gelesen höchst schädlich fürs Gemüt, denn für psychisch labile Leser ist "Darbende Schatten" wirklich die falsche Medizin.
Die Welt der Eddie Angerhuber ist nämlich ausnahmslos grau. Es existieren zwar auch andere Farben, doch im Grunde verschwindet am Ende immer wieder jegliche Buntheit. Alles scheint von 'Verfall', 'Alter' und 'Tod' sowie deren 'Begleiterscheinungen' 'Staub', 'Rauch', 'Schimmel' und 'Verwesung' beherrscht zu werden.
Die Anti- Helden der Erzählungen (meist Sonderlinge oder Außenseiter) irren durch namenlose, kafkaeske Städte - immer auf der Suche nach dem Sinn ihrer eigenen Existent, ihrer Identität, die sich zusammen mit der Auflösung der urbanen Strukturen mit aufzulösen scheint.
Die Sammlung bietet zwar bis auf eine Ausnahme keine neuen Arbeiten, doch in dieser Kompaktheit offenbart sich Angerhubers düsteres Genie, wie ich es bislang selbst bei überragenden Sammlungen wie z.B. "Das Anankastische Syndrom" nicht erkennen konnte. Die Autorin ist ein wandelnder Anachronismus, eine Künstlerin, die eher in die düster- melancholische Epoche der Romantik gepasst hätte. Jede Zeile scheint von Staub bedecktes Alter zu atmen, selbst dann, wenn sie nicht einmal von uralten, düsteren Stadtvierteln berichten. Alles, was sie beschreibt, ist ein einziges 'Memento- Mori- Fanal'. Jedes Ding, jeder Ort, jedes Gefühl scheint den Leser anzuschreien: Bald wirst du sterben!
In ihrer Welt existieren nur drei Jahreszeiten: Herbst (der schon per se Verfall, Tod und Sterben symbolisiert), Winter (der stets nur eisig, unerbärmlich, kahl und menschenfeindlich ist) und Sommer (doch auch hier ist es nie warm, sondern unerträglich heiß, schwül, kochend, schwärend). Einen Frühling sucht man dagegen vergebens.
Die Sammlung ist destillierte Melancholie in Textform und nicht mehr und nicht weniger als ein Meisterwerk!
Ich kann allerdings nicht behaupten, ich würde das Buch lieben, denn dann müsste ich auch z.B. die Leiche einer attraktiven Frau lieben. Und derart nekrophil bin ich bei aller Morbidität dann doch nicht. Doch ich bewundere diese faszinierende Sammlung, die Angerhuber für mich in die gleiche Liga wie Blackwood, Machen, LeFanu, Smith, Aickman aber - ja ich wage diesen Superlativ! - auch James, Lovecraft und Poe erhebt.
"Die Darbenden Schatten" weist eine Komplexität und inhaltliche wie stilistische Geschlossenheit auf, die es selbst mit dem 'Urgestein der Phantastik' aufnehmen kann.
Es bleibt nur zu hoffen, dass uns Eddie in Zukunft wieder öfter auf diese düstere Art verstören wird!!!
Dieser Beitrag wurde bereits 4 mal editiert, zuletzt von »arthur gordon« (1. August 2011, 11:52)