Interview mit Armin Rößler von Bernd Rothe, August 2002:
Bernd Rothe: Herr Armin Rößler, zum Erlangen Ihres Magister Grades 1999/2000 an der Universität Mannheim verfassten Sie eine Arbeit, die zur Zeit noch etwas ungewöhnlich ist, "Carl Amerys "Der Untergang der Stadt Passau" eine Untersuchung der zentralen Themenkomplexe". Wie kamen Sie auf diese Idee?
Armin Rößler: Letztlich waren mehrere Punkte dafür ausschlaggebend, dass ich mich ausgerechnet Carl Amerys Roman zuwandte. Zunächst ist Science Fiction schon seit längerer Zeit das Literaturgenre, dem ich persönlich am meisten abgewinnen kann. Was man von der Germanistik nun nicht unbedingt behaupten kann. Während meines gesamten Studiums ist mir kein einziges Seminar untergekommen, das sich auch nur ansatzweise mit einem wenigstens halbwegs phantastischen Roman beschäftigt hätte. Anders die Anglistik, wo die Grenzen zwischen der so genannten Hochliteratur und der Unterhaltung fließender sind: Bram Stoker, Mary Shelley, Margaret Atwoods "The Handmaid's Tale", selbst Ursula K. LeGuin und Octavia Butler als Gegenstand von Seminaren waren beste Beispiele dafür. Gerade weil die SF aber von der Germanistik so konsequent ignoriert wird, reizte mich ein Science Fiction-Thema. Vielleicht wollte ich auch einfach zeigen, dass "sogar" in einem SF-Roman eine ganze Menge stecken kann. Carl Amerys Roman "Der Untergang der Stadt Passau" hatte ich einige Jahre zuvor gelesen. Mit großer Begeisterung übrigens. Da Amery - zwar mehr wegen seiner politischen und religionskritischen Essays als seiner Romane - im deutschen Literaturbetrieb doch relativ anerkannt ist, schien mir das eine vernünftige Wahl. Ich recherchierte dann ein bisschen, fand heraus, dass es bisher kaum Sekundärliteratur zum "Untergang der Stadt Passau" gibt und wurde dadurch in meiner Idee noch bestätigt. Positiver Nebeneffekt: Ich musste mich nicht durch Berge von Büchern quälen, um mich darüber zu informieren, was andere schon zu diesem Thema geschrieben hatten. Schön überschaubar eben. Die Kehrseite: Da ich mich nur auf wenige Quellen stützen konnte, musste ich mir das meiste selbst erarbeiten. Der Anspruch war also schon da, etwas zu schreiben, das es bis dato noch nicht gab. Als ich dann dem Professor mein Thema präsentierte - natürlich unsicher, ob er es überhaupt akzeptieren würde -, gab er offen zu, das Buch nicht gelesen zu haben. Keine Ahnung, ob er das bis heute nachgeholt hat. Mit dem Thema war er aber einverstanden und hat mir auch sonst alle Freiheiten gelassen. Der Titel wurde am Abgabetag festgelegt und war so lang, dass er kaum auf den Schein fürs Prüfungsbüro passte: "Ökologie, Religion, Politik und Gesellschaft nach der Katastrophe. Eine Untersuchung der zentralen Themenkomplexe in Carl Amerys Der Untergang der Stadt Passau".
Bernd Rothe: Mir ist aufgefallen, dass Sie auch sehr kurze Bemerkungen von Carl Amery analysiert haben, z.B. den Grund der Katastrophe und die Auswirkungen. Die Auswirkungen werden ja nur zweimal im Buch kurz erwähnt, der Rentner im Zug und die Bedrohung durch drei plündernde Männer. Es sind nur kurze Hinweise im Buch und trotzdem schaffen Sie es, daraus plausible Hintergründe zu schaffen, geschildert in Kapitel 4.1 "Das zentrale Handlungselement: Die Katastrophe als Auslöser des Geschehens", und das ist ja nur ein Beispiel. Wie schafft man es, hierzu die entsprechenden Quellen zu finden?
Armin Rößler: Der Roman lässt sich zwar sicherlich auch lesen, ohne den Grund für die Katastrophe zu kennen. Mich persönlich befriedigte das aber nicht, denn letztlich wird ja durch die Katastrophe das eigentliche Geschehen erst ausgelöst. Also wollte ich trotz der nur vagen Hinweise herausfinden, wie es dazu kam - oder mich wenigstens einer möglichen Lösung annähern. Die wenigen bisherigen Erklärungsversuche waren entweder ziemlich dünn oder schlicht falsch, wie beispielsweise im von mir zitierten Aufsatz von Friedrich Leiner, der von einem "Umkippen des ökologischen Gleichgewichts" schreibt. Er sieht eine Abwehrreaktion der Natur gegen die Eingriffe des Menschen - mir erschienen seine Belege dafür aber nicht sonderlich schlüssig zu sein. Also habe ich mich auf Spurensuche gemacht. In der Sekundärliteratur wurde ich nicht fündig, dafür in zwei weiteren Texten von Carl Amery selbst. Der Roman "Das Geheimnis der Krypta" von 1990 greift das Thema der Katastrophe, die einen großen Teil der Menschheit auslöscht, wieder auf, allerdings aus einem anderen Blickwinkel beleuchtet. Das dort eine Gruppe von Menschen die Katastrophe auslöst, brachte mich auf die Idee für meine Erklärung. Endgültig erhärtet wurde die These dann schließlich durch die kurze Satire "Statt eines Nachwortes oder Ein Gegenbeispiel" (1985). Durch den abschließenden Satz "Einen Blick auf die Folgen gestattet die Erzählung von Carl Amery: Der Untergang der Stadt Passau" wurde sie dann endgültig untermauert. Nicht die Natur schlägt zurück, sondern der Mensch selbst löst die Katastrophe aus.
Bernd Rothe: Amery schreibt in der Vorbemerkung: "Im übrigen habe ich auch versucht, Elemente der eigenen, der deutschen und heimatlichen Tradition für das Genre nutzbar zu machen: im Grunde müßten sie sich viel besser als die üblichen amerikanischen Versatzstücke in dieses Grundmuster einfügen. Die Wahl des Schauplatzes (und damit des Titels) ist eine kleine nachträgliche Huldigung an den Zauber einer Jugendstadt, der, freilich, immer schon die Tendenz hat, sich in ein gebrochenes Versprechen zu verwandeln". Nach meiner Meinung hat C. Amery hier seine Leserschaft schon mächtig eingeengt, denn er hat einen SF Roman in heimatlicher Mundart geschaffen, während die Leser der 70er, 80er Jahre doch mehr auf aktionsgeladene SF Romane nach amerikanischen Vorbild fixiert waren. Was ist Ihre Meinung hierzu?
Armin Rößler: Amery hat eigentlich alle seine Romane in seiner bayrischen Heimat angesiedelt - für ihn als Autor ist daran also nichts Ungewöhnliches. Ein SF-Roman, der in Deutschland spielt, war für die damalige Zeit sicher etwas verhätlnismäßig Neues, da gibt es auch bis heute nur ganz wenige Beispiele in der deutschen Science Fiction. Von SF-Lesern erwartet man ja aber eigentlich, dass sie Neuem gegenüber aufgeschlossen sind. Dabei ist es natürlich richtig, dass zu diesem Zeitpunkt der deutsche SF-Markt von angloamerikanischen Titeln dominiert wurde, die stark action-orientiert waren. Andererseits wurden zwischen 1970 und 1975 gerade im Heyne Verlag auch eine ganze Reihe hochklassiger Romane veröffentlicht, die sich nicht in dieses Muster pressen lassen. Robert A. Heinleins "Ein Mann in einer fremden Welt", Philip K. Dicks "Träumen Roboter von elektrischen Schafen", auch Walter M. Millers "Lobgesang auf Leibowitz" oder Ray Bradburys "Die Mars-Chroniken". Auch diese Bücher wurden gekauft und gelesen. Insofern denke ich nicht, dass für den durchschnittlichen SF-Leser mit dem "Untergang der Stadt Passau" eine Welt zusammengebrochen ist, nur weil die vordergründige Action fehlt und die Protagonisten keine amerikanischen Namen tragen. Der bayrische Dialekt ist natürlich schon gewöhnungsbedürftig für den Leser. Wenn man sich aber in den Roman eingefunden hat, stört das eigentlich nicht mehr, verleiht dem Ganzen sogar einen eigenen Charme.
Bernd Rothe: Herr Rößler, als ich mich mit den beiden Werken etwas intensiver beschäftigte, musste ich feststellen, dass mich alles sehr stark in den Bann zog. Und je mehr ich mich damit befasste, um so stärker wurde es. Haben Sie das gleiche erlebt und worauf führen Sie das zurück?
Armin Rößler: Die Romane Carl Amerys sind grundsätzlich sehr durchdacht und intelligent angelegt. Der Hintergrund der jeweiligen Geschichte ist dabei meiner Meinung nach immer sehr wichtig. Bei Amery ist er stimmig und hält meist mindestens ebenso viel Spannungspotenzial wie die eigentliche Handlung parat. Das betrifft nicht nur den "Untergang der Stadt Passau", sondern auch die anderen Romane wie "Das Königsprojekt" oder "Das Geheimnis der Krypta". Mir ist es also im Prinzip ähnlich ergangen. In der Hochphase meiner Arbeit habe ich mich täglich 14 bis 16 Stunden, von kleineren Pausen abgesehen, mit dem Buch beschäftigt. Ich denke, dass es mir dadurch gelungen ist, relativ tief in diese Welt einzudringen.