Brom: Der Kinderdieb
Gebundene Ausgabe: 664 Seiten
Verlag: PAN
ISBN-10: 3426283298
ISBN-13: 978-3426283295
Ich möchte hier ein Buch vorstellen, dass mich wirklich vom Hocker gehauen hat (und dazu bedarf es doch so einiges! ;-))
Brom, ein amerikanischer Graphiker und Spiele- Entwickler, hat sich die ungeschönte Originalausgabe von James M. Barries „Peter Pan“ als
Grundlage genommen, um daraus ein atemberaubendes und opulentes Fantasy- Epos zu entwickeln. Broms Peter Pan hat nichts mit der niedlichen, spitzbübischen Disney- Zeichentrickfigur zu tun, die alle sicher kennen. Auch kann der ewige Junge nicht fliegen; dafür versteht er es auf fast schon unheimliche Weise mit Messer und Schwert zu hantieren.
„Der Kinderdieb“ spielt auch nicht in London, sondern beginnt im Brooklyn der Gegenwart. Der seltsame Junge mit den goldenen Augen versammelt dort Jugendliche um sich, die sich alle eher am Rand der Gesellschaft befinden, unter Bandenkriminalität, Drogen und familiärer Gewalt zu leiden haben. Und er führt seine Gefolgschaft auch nicht nach ‚Nimmerland’. Peter Pans phantastische Inselwelt heißt hier ‚Avalon’. Hier wimmelt es zwar auch von Elfen, Pixies, Trollen, Hexen und noch weitaus unheimlicheren Geschöpfen, doch das Leben auf Avalon ist sehr hart und lebensgefährlich. Die Freunde Peters müssen sich nicht nur der Menschen erwehren, die immer größere Teile des magischen Eilands
verwüsten und von religiösem Fanatismus zerfressen werden, sondern auch gegen weitaus gefährlichere Gegner aus den eigenen Reihen kämpfen.
„Der Kinderdieb“ ist ein zutiefst düster-phantastisches Melodram, bei dem die Guten nie wirklich ‚gut’ sind und die ‚Bösen’ im Grunde oft einen guten Kern besitzen.
Brom gelingt auf diese Weise eine fulminante Mischung aus „Herr der Fliegen“, „Herr der Ringe“ und dem „Lied von Eis und Feuer“. Und dieses
Buch ist alles andere als für Kinder geeignet – zuweilen watet der Leser knietief in Blut und Eingeweiden.
Der Roman ist Dark Fantasy vom Feinsten, mischt er doch keltische und christliche Mythen miteinander, stellt die Frage nach der
jeweiligen Existenzberechtigung und wagt selbst der Figur des ‚Gehörnten’ positive Seiten abzugewinnen.
Kritiker behaupten immer, bei Fantasy handele es sich um sog. „Fluchtliteratur“. „Der Kinderdieb“ ist alles andere als eine Flucht vor
der Realität. Brom hält dem Leser eher einen Spiegel vor die Nase. Einen sehr, sehr dunklen Spiegel.
Zusammen mit den umwerfenden Graphiken des Autors ist das Buch für mich ein Fest für Geist und Auge. Ein Meisterwerk!
Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »arthur gordon« (13. August 2011, 15:38)