Hallo, Leute
Die Geschichte soll ein Versuch sein, für den Start einer apokalyptischen Serie von ähnlichen Texten. Würde mich über Eure Meinung sehr freuen. Über Honig genauso wie über Essig.
Die Geschichte scheint zu lange für den Thread. Deshalb teile ich sie etwas auf.
Der andere Tod
Was mir früher wichtig erschien, zählt heute nicht mehr.
Im Laufe der Zeit ändert sich die Sichtweise. So, wie sich die Welt verändert hat, habe auch ich mich verändert.
Meine Gedanken, die Gefühle, die Ängste.
Selbst mein Lebensrhythmus ist nicht mehr derselbe wie früher.
Früher … wann war das? Ich kann mich schon fast nicht mehr erinnern.
Irgendwann habe ich aufgehört, die Tage zu zählen. Die Monate, die Jahre.
Es ist nicht mehr wichtig. Zeit ist ein Luxus, den ich mir nicht mehr leisten kann und will. Es ist alles bloß noch ein steter Fluss. Es wird hell, es wird dunkel. Warm und kalt.
So bemesse ich meine Tage. Wobei ich nicht einmal sagen könnte, welchen Tag wir eigentlich haben. Oder welches Jahr.
Ich stehe auf, wenn es hell wird und weiß, dass ein neuer Tag beginnt. Egal welcher.
Spät in der Nacht lege ich mich irgendwann schlafen und lausche der Stille, die alles verschluckt hat und zu meinem Leben geworden ist.
Noch bevor es hell wird, bin ich wieder wach. Ich brauche nicht mehr viel Schlaf.
Eine weitere Veränderung.
Vielleicht hängt dies mit meiner beschaulichen Eile zusammen, mit der ich wie ein seichter Bach durch diese Welt fließe.
Die Welt ist langsamer geworden, und ich habe mich ihr angepasst.
Obwohl ich mich nicht mehr daran erinnern kann, wie ein Bach aussieht. Oder wie er riecht. Oder klingt. Manchmal versuche ich es mir in der Nacht vorzustellen, wenn die Stille aus ihren Nischen und Ecken springt. Doch es gelingt mir nicht.
Selbst meine Erinnerungen verändern sich.
Sie verlieren ihre Farben und werden zu einem verwaschenen Grau. Ohne Konturen oder Inhalt.
Das ist das einzige, was mich traurig macht.
Meine Erinnerungen waren mir stets das Wertvollste, das ich besaß. Ich hatte sie besser behütet als mein eigenes Leben.
Und alles, was geblieben ist, sind graue, stumme Bäche.
Eine graue Welt, die mir fremd ist.
Das sind dann die Momente, in denen eine kalte Trauer meine trüben Gedanken noch dunkler erscheinen lässt.
Dann komme ich hierher und betrachte mir meine Stadt.
Ich sitze stets an derselben Stelle, am Ende des breiten Anlegestegs, lasse die Beine baumeln und blicke über den Fluss, dessen Namen ich vergessen habe.
Dort, auf der anderen Seite, wo die Kaimauer senkrecht in den glitzernden Wellen verschwindet, ragen die Skelette meines früheren Lebens in den Himmel empor.
Auf die Entfernung hin wirken sie bedrohlich, wie sie, düsteren Schatten gleich, in die Wolken ragen. Wenn man aber dort ist und durch die dunklen Schluchten mit ihren kalten Winden wandert, verlieren sie schnell ihre Gefahr und kommen einem nur noch trübsinnig und nutzlos vor.
Der einstige Glanz ist lange schon von Regen und Wind weggespült. Zurück ist lediglich das ungeschminkte, hässliche Gesicht einstigen Fortschrittes geblieben.
Alles wirkt düster, die hohen Mauern grau, von braunen Schimmelflecken verborgen, die glaslosen Fenster wie die Augen eines lange Verstorbenen, an den man sich nicht mehr erinnern kann.
Wo sich die Natur mit brachialer Gewalt ihren Raum wieder genommen hat, stechen nur noch geschwärzte Stahlknochen und von Ranken und Efeu überwucherte Ruinen im sinnlosen Bemühen, den Niedergang zu überdauern, in die Höhe.
Nichts rührt sich dort. Lediglich der Wind weht heulend durch die Schluchten und blinden Fenster und trägt seine Todesmelodie bis zu meinem Anlegesteg hinüber.
Manchmal denke ich, dass er mir etwas zuzuflüstern versucht.
Es ist Abend. Ich spüre die Kälte, die über den Fluss gekrochen kommt.
Mit langsamen Schritten gehe ich in die Stadt zurück. Dabei starre ich auf den Boden und betrachte abwechselnd meine Schuhe, die in meinem Sichtfeld auftauchen.
Über der Schulter trage ich mein Gewehr. Obwohl es nichts mehr gibt, wofür ich es benutzen könnte. Trotzdem reinige und öle ich es zweimal in der Woche. Man kann ja nie wissen.
Ich trage es so, wie es meine Westernhelden damals im Fernsehen immer getan haben. In den Filmen sah das stets lässig und männlich aus. Heute trage ich es einfach so, weil es auf diese Art am bequemsten ist.
Mit müden Schritten gehe ich die Straße hinauf bis zur Kreuzung und bleibe dort stehen. Über mir schaukelt eine verrostete Ampel im Wind. Irgendwo kann ich das gleichmäßige Knarren eines Fensterladens hören. Verrottete Fähnchen flattern vor dem von Staub und Schlieren ergrauten Schaufenster eines Geschäftes.
Sonst ist alles still.
Die Welt hat das Sprechen verlernt.
Die einzigen Worte stammen von mir, wenn ich mit mir selbst rede.
Ich habe gemerkt, dass mich die Gespräche davor bewahren, den Verstand zu verlieren.
Ab und zu muss der Mensch einfach reden. Egal was.
Früher unterhielt man sich über das Wetter oder die Korruption der Politik. Männer redeten über Sport und Frauen. Frauen über sich selbst und ihre Männer.
Ich rede über alles.
Wenn ich irgendetwas tue, erzähle ich mir selbst, was ich gerade tue. Als würde ich einem kleinen Kind die Geheimnisse des Lebens erklären.
Nur dass das Leben keine Geheimnisse mehr hat.
“Verdammt still heute, was”, sage ich zu mir und betrachte mir die grauen Wolkenberge, die sich im Westen auftürmen. Es wird regnen heute Nacht.
Zeit, mich um mein Abendessen zu kümmern.
Ich lege mir das Gewehr wie ein Joch über die Schulter und hake beide Arme unter.
Während ich mit meinem Blick die Wolken abschätze, gehe ich schwerfällig mitten auf der Straße zu meinem Haus. Ich versuche auf dem verblassten Mittelstreifen zu balancieren. Doch immer wieder muss ich Grasbüscheln und Dornenranken ausweichen, die sich durch die Risse und Löcher des Asphalts geschoben haben.
Als ich an dem Bekleidungsgeschäft vorbei komme, bleibe ich vor dem großen, verstaubten Schaufenster stehen und sehe Lilly tief in die Augen.
Das tue ich jeden Tag. Am Morgen begrüße ich sie, am Abend wünsche ich ihr eine Gute Nacht.
Manchmal, wenn die Flut aus Kummer und Resignation in mir ihren Höchststand erreicht hat, erzähle ich Lilly auch von der Ungerechtigkeit der Welt und meiner unbändigen Angst vor allem, was mich noch erwartet.
Lilly ist eine gute Zuhörerin. Ohne mich zu unterbrechen oder sich gelangweilt abzuwenden sieht sie mich an und hängt förmlich an meinen Lippen.
Ich war irgendwann einmal in den Laden gegangen und hatte ihr den Mund rot angemalt. Es erinnert mich an bessere Tage. Mittlerweile ist die Farbe brüchig und eher schwarz als rot.
Doch Lilly ist für mich immer noch die schönste Frau auf der Welt.
Und eine verdammt gute Zuhörerin. Aber das sagte ich ja bereits.
Heute bin ich zu müde, um mit ihr über meine Ängste zu reden.
Und da sie mir nie etwas über sich erzählt, hauche ich ihr einen Handkuss zu, lächele sie verschmitzt an und ziehe weiter.
Mein Haus befindet sich am Ende der Straße, direkt neben der Mauer zum Park.
Eigentlich ist es nicht mein Haus. Aber ich glaube, die Familie, die früher einmal hier gelebt hat, wird sicher nichts dagegen haben, wenn ich mich darin niederlasse.
So wie all die anderen Häuser.
Wenn man es ganz genau nimmt, gehören mir alle Häuser in der Stadt.Die Stadt selbst gehört mir.
Die ganze Welt gehört mir.
Aber es ist nur dieses eine Haus, das ich wirklich als meine Heimat betrachte.
Es ist ein von der Straße zurückgesetzter Bungalow mit weißer Farbe und einem roten Dach, auf dem ich oft in der Nacht sitze und in die Sterne blicke.
Wenn auch der Rest der Welt vor die Hunde gegangen ist, so habe ich mir hier mein eigenes kleines Paradies geschaffen.
Etwas, das ich zu Lebzeiten nicht geschafft hatte.
Lebzeiten? Manchmal glaube ich wirklich daran, schon lange tot zu sein, es nur noch nicht bemerkt zu haben.
In all den Jahren habe ich die Wände des Hauses bestimmt dreimal frisch gestrichen. Ich mähe regelmäßig den Rasen, stutze die Hecken und befreie den breiten Kiesweg, der zur Haustür führt, mindestens einmal im Monat von Unkraut und herabfallenden Blättern.
Mir ist im Leben nichts geblieben, und so versuche ich zumindest dieses kleine Fleckchen Land zu bewahren.
Was sollte ich auch sonst mit der Zeit anfangen, als mich um das Grundstück zu kümmern?
Ab und zu besorge ich mir auch neue Möbel. Doch das ist mir in den letzten beiden Jahren zu anstrengend geworden. Ich habe ja niemanden, der mir hilft, unddie Tatsache, dass ich meine Möbel nicht mehr alleine von der Stelle bewegen kann, macht mir auf schmerzhafte Weise deutlich, dass mittlerweile wohl doch mehr Jahre ins Land gegangen sind, als ich mir eingestehen will.
Hinter dem Haus, dort, wo sich das Grundstück bis zum Waldrand erstreckt, habe ich mir einen Garten angelegt, ohne die leiseste Ahnung, wie man Gemüse und Obst zum Blühen bringt.
Ich musste mir auch nicht viele Gedanken darum machen, denn wenn ich etwas essen wollte, brauchte ich nur in die Stadt zu gehen und eines der Geschäfte zu plündern. Oder ich stieg in ein Haus in der Nachbarschaft ein und machte mich über die Vorräte der einstigen Bewohner her.
Damals war ich sorglos gewesen, denn es gab alles im Überfluss. Wie ich bereits erwähnte, mir gehört die Stadt, die ganze Welt, und ich brauchte mir bloß zu nehmen, was ich wollte.
Doch nichts hält ewig.
Besonders nicht Lebensmittel.
Irgendwann fand ich nichts Genießbares mehr, außer Trockenfleisch, Nudeln und Honig.