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HPL-Fan

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Sonntag, 18. September 2011, 14:29

"Der andere Tod"

Hallo, Leute




Die Geschichte soll ein Versuch sein, für den Start einer apokalyptischen Serie von ähnlichen Texten. Würde mich über Eure Meinung sehr freuen. Über Honig genauso wie über Essig.
Die Geschichte scheint zu lange für den Thread. Deshalb teile ich sie etwas auf.



Der andere Tod



 

Was mir früher wichtig erschien, zählt heute nicht mehr.

Im Laufe der Zeit ändert sich die Sichtweise. So, wie sich die Welt verändert hat, habe auch ich mich verändert.

Meine Gedanken, die Gefühle, die Ängste.

Selbst mein Lebensrhythmus ist nicht mehr derselbe wie früher.

Früher … wann war das? Ich kann mich schon fast nicht mehr erinnern.

Irgendwann habe ich aufgehört, die Tage zu zählen. Die Monate, die Jahre.

Es ist nicht mehr wichtig. Zeit ist ein Luxus, den ich mir nicht mehr leisten kann und will. Es ist alles bloß noch ein steter Fluss. Es wird hell, es wird dunkel. Warm und kalt.

So bemesse ich meine Tage. Wobei ich nicht einmal sagen könnte, welchen Tag wir eigentlich haben. Oder welches Jahr.

Ich stehe auf, wenn es hell wird und weiß, dass ein neuer Tag beginnt. Egal welcher.

Spät in der Nacht lege ich mich irgendwann schlafen und lausche der Stille, die alles verschluckt hat und zu meinem Leben geworden ist.

Noch bevor es hell wird, bin ich wieder wach. Ich brauche nicht mehr viel Schlaf.

Eine weitere Veränderung.

Vielleicht hängt dies mit meiner beschaulichen Eile zusammen, mit der ich wie ein seichter Bach durch diese Welt fließe.

Die Welt ist langsamer geworden, und ich habe mich ihr angepasst.

Obwohl ich mich nicht mehr daran erinnern kann, wie ein Bach aussieht. Oder wie er riecht. Oder klingt. Manchmal versuche ich es mir in der Nacht vorzustellen, wenn die Stille aus ihren Nischen und Ecken springt. Doch es gelingt mir nicht.

Selbst meine Erinnerungen verändern sich.

Sie verlieren ihre Farben und werden zu einem verwaschenen Grau. Ohne Konturen oder Inhalt.

Das ist das einzige, was mich traurig macht.

Meine Erinnerungen waren mir stets das Wertvollste, das ich besaß. Ich hatte sie besser behütet als mein eigenes Leben.

Und alles, was geblieben ist, sind graue, stumme Bäche.

Eine graue Welt, die mir fremd ist.

Das sind dann die Momente, in denen eine kalte Trauer meine trüben Gedanken noch dunkler erscheinen lässt.

Dann komme ich hierher und betrachte mir meine Stadt.

Ich sitze stets an derselben Stelle, am Ende des breiten Anlegestegs, lasse die Beine baumeln und blicke über den Fluss, dessen Namen ich vergessen habe.

Dort, auf der anderen Seite, wo die Kaimauer senkrecht in den glitzernden Wellen verschwindet, ragen die Skelette meines früheren Lebens in den Himmel empor.

Auf die Entfernung hin wirken sie bedrohlich, wie sie, düsteren Schatten gleich, in die Wolken ragen. Wenn man aber dort ist und durch die dunklen Schluchten mit ihren kalten Winden wandert, verlieren sie schnell ihre Gefahr und kommen einem nur noch trübsinnig und nutzlos vor.

Der einstige Glanz ist lange schon von Regen und Wind weggespült. Zurück ist lediglich das ungeschminkte, hässliche Gesicht einstigen Fortschrittes geblieben.

Alles wirkt düster, die hohen Mauern grau, von braunen Schimmelflecken verborgen, die glaslosen Fenster wie die Augen eines lange Verstorbenen, an den man sich nicht mehr erinnern kann.

Wo sich die Natur mit brachialer Gewalt ihren Raum wieder genommen hat, stechen nur noch geschwärzte Stahlknochen und von Ranken und Efeu überwucherte Ruinen im sinnlosen Bemühen, den Niedergang zu überdauern, in die Höhe.

Nichts rührt sich dort. Lediglich der Wind weht heulend durch die Schluchten und blinden Fenster und trägt seine Todesmelodie bis zu meinem Anlegesteg hinüber.

Manchmal denke ich, dass er mir etwas zuzuflüstern versucht.

Es ist Abend. Ich spüre die Kälte, die über den Fluss gekrochen kommt.

Mit langsamen Schritten gehe ich in die Stadt zurück. Dabei starre ich auf den Boden und betrachte abwechselnd meine Schuhe, die in meinem Sichtfeld auftauchen.

Über der Schulter trage ich mein Gewehr. Obwohl es nichts mehr gibt, wofür ich es benutzen könnte. Trotzdem reinige und öle ich es zweimal in der Woche. Man kann ja nie wissen.

Ich trage es so, wie es meine Westernhelden damals im Fernsehen immer getan haben. In den Filmen sah das stets lässig und männlich aus. Heute trage ich es einfach so, weil es auf diese Art am bequemsten ist.

Mit müden Schritten gehe ich die Straße hinauf bis zur Kreuzung und bleibe dort stehen. Über mir schaukelt eine verrostete Ampel im Wind. Irgendwo kann ich das gleichmäßige Knarren eines Fensterladens hören. Verrottete Fähnchen flattern vor dem von Staub und Schlieren ergrauten Schaufenster eines Geschäftes.

Sonst ist alles still.

Die Welt hat das Sprechen verlernt.

Die einzigen Worte stammen von mir, wenn ich mit mir selbst rede.

Ich habe gemerkt, dass mich die Gespräche davor bewahren, den Verstand zu verlieren.

Ab und zu muss der Mensch einfach reden. Egal was.

Früher unterhielt man sich über das Wetter oder die Korruption der Politik. Männer redeten über Sport und Frauen. Frauen über sich selbst und ihre Männer.

Ich rede über alles.

Wenn ich irgendetwas tue, erzähle ich mir selbst, was ich gerade tue. Als würde ich einem kleinen Kind die Geheimnisse des Lebens erklären.

Nur dass das Leben keine Geheimnisse mehr hat.

“Verdammt still heute, was”, sage ich zu mir und betrachte mir die grauen Wolkenberge, die sich im Westen auftürmen. Es wird regnen heute Nacht.

Zeit, mich um mein Abendessen zu kümmern.

Ich lege mir das Gewehr wie ein Joch über die Schulter und hake beide Arme unter.

Während ich mit meinem Blick die Wolken abschätze, gehe ich schwerfällig mitten auf der Straße zu meinem Haus. Ich versuche auf dem verblassten Mittelstreifen zu balancieren. Doch immer wieder muss ich Grasbüscheln und Dornenranken ausweichen, die sich durch die Risse und Löcher des Asphalts geschoben haben.

Als ich an dem Bekleidungsgeschäft vorbei komme, bleibe ich vor dem großen, verstaubten Schaufenster stehen und sehe Lilly tief in die Augen.

Das tue ich jeden Tag. Am Morgen begrüße ich sie, am Abend wünsche ich ihr eine Gute Nacht.

Manchmal, wenn die Flut aus Kummer und Resignation in mir ihren Höchststand erreicht hat, erzähle ich Lilly auch von der Ungerechtigkeit der Welt und meiner unbändigen Angst vor allem, was mich noch erwartet.

Lilly ist eine gute Zuhörerin. Ohne mich zu unterbrechen oder sich gelangweilt abzuwenden sieht sie mich an und hängt förmlich an meinen Lippen.

Ich war irgendwann einmal in den Laden gegangen und hatte ihr den Mund rot angemalt. Es erinnert mich an bessere Tage. Mittlerweile ist die Farbe brüchig und eher schwarz als rot.

Doch Lilly ist für mich immer noch die schönste Frau auf der Welt.

Und eine verdammt gute Zuhörerin. Aber das sagte ich ja bereits.

Heute bin ich zu müde, um mit ihr über meine Ängste zu reden.

Und da sie mir nie etwas über sich erzählt, hauche ich ihr einen Handkuss zu, lächele sie verschmitzt an und ziehe weiter.

Mein Haus befindet sich am Ende der Straße, direkt neben der Mauer zum Park.

Eigentlich ist es nicht mein Haus. Aber ich glaube, die Familie, die früher einmal hier gelebt hat, wird sicher nichts dagegen haben, wenn ich mich darin niederlasse.

So wie all die anderen Häuser.

Wenn man es ganz genau nimmt, gehören mir alle Häuser in der Stadt.Die Stadt selbst gehört mir.

Die ganze Welt gehört mir.

Aber es ist nur dieses eine Haus, das ich wirklich als meine Heimat betrachte.

Es ist ein von der Straße zurückgesetzter Bungalow mit weißer Farbe und einem roten Dach, auf dem ich oft in der Nacht sitze und in die Sterne blicke.

Wenn auch der Rest der Welt vor die Hunde gegangen ist, so habe ich mir hier mein eigenes kleines Paradies geschaffen.

Etwas, das ich zu Lebzeiten nicht geschafft hatte.

Lebzeiten? Manchmal glaube ich wirklich daran, schon lange tot zu sein, es nur noch nicht bemerkt zu haben.

In all den Jahren habe ich die Wände des Hauses bestimmt dreimal frisch gestrichen. Ich mähe regelmäßig den Rasen, stutze die Hecken und befreie den breiten Kiesweg, der zur Haustür führt, mindestens einmal im Monat von Unkraut und herabfallenden Blättern.

Mir ist im Leben nichts geblieben, und so versuche ich zumindest dieses kleine Fleckchen Land zu bewahren.

Was sollte ich auch sonst mit der Zeit anfangen, als mich um das Grundstück zu kümmern?

Ab und zu besorge ich mir auch neue Möbel. Doch das ist mir in den letzten beiden Jahren zu anstrengend geworden. Ich habe ja niemanden, der mir hilft, unddie Tatsache, dass ich meine Möbel nicht mehr alleine von der Stelle bewegen kann, macht mir auf schmerzhafte Weise deutlich, dass mittlerweile wohl doch mehr Jahre ins Land gegangen sind, als ich mir eingestehen will.

Hinter dem Haus, dort, wo sich das Grundstück bis zum Waldrand erstreckt, habe ich mir einen Garten angelegt, ohne die leiseste Ahnung, wie man Gemüse und Obst zum Blühen bringt.

Ich musste mir auch nicht viele Gedanken darum machen, denn wenn ich etwas essen wollte, brauchte ich nur in die Stadt zu gehen und eines der Geschäfte zu plündern. Oder ich stieg in ein Haus in der Nachbarschaft ein und machte mich über die Vorräte der einstigen Bewohner her.

Damals war ich sorglos gewesen, denn es gab alles im Überfluss. Wie ich bereits erwähnte, mir gehört die Stadt, die ganze Welt, und ich brauchte mir bloß zu nehmen, was ich wollte.

Doch nichts hält ewig.

Besonders nicht Lebensmittel.

Irgendwann fand ich nichts Genießbares mehr, außer Trockenfleisch, Nudeln und Honig.
Wir sind gefangen zwischen zwei Ängsten; der Angst zu sterben und der Angst zu leben.

HPL-Fan

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Sonntag, 18. September 2011, 14:31

Deshalb begann ich mich mit der Gartenarbeit zu beschäftigen. Und im Laufe der Jahre war ich wirklich zu einem professionellen Gärtner ohne Diplom mutiert.

Während ich mir weiterhin skeptisch die Wolkenberge über der Stadt betrachte, beginne ich einige Kartoffeln, etwas Rosenkohl und die letzten Tomaten zu ernten. Dazu eine Handvoll Erdbeeren, die ich am Waldrand angepflanzt habe.

Es ist natürlich nicht mit meinen einstigen Mahlzeiten zu vergleichen. Im Gegensatz zu heute habe ich früher königlich gespeist. Doch in der Not frisst der Teufel Fliegen, hatte mein Großvater immer gesagt.

Als ich mit meinen Körben ins Haus zurückgehe, beginnen erste Tropfen zu fallen.

Die Luft riecht verbrannt, und ein kühler Wind tanzt ausgelassen durch den Garten.

Später am Abend, während ich meinen Kohl mit gebratenen Kartoffeln und Beeren esse, hämmert der Regen mit unnachgiebiger Härte gegen die Fensterläden.

Der Lärm ist eine willkommene Abwechslung zu der ewigen Stille, die mich durch mein Leben begleitet.

Ich brauche nicht mit mir selbst zu reden, um etwas Unterhaltung zu haben.

So sitze ich nach dem Essen mit einem Glas Wein in meinem Lieblingssessel, sehe zu, wie sich das Kerzenlicht in dem guten Tropfen spiegelt und höre den Geschichten von Krieg und Zerstörung zu, die mir der Regen erzählt.

Irgendwann schlafe ich dann mit Gedanken, die zu groß für meinen Verstand sind, ein.

Am nächsten Morgen sitze ich wieder an der Anlegestelle. Mein Kopf ist voll von den Träumen der Nacht und fühlt sich wie ein Ballon kurz vor dem Platzen an.

Die Luft ist frisch und sauber, wie immer nach dem Regen.

Vom träge dahin fließenden Fluss steigt Dunst auf und erinnert mich an Seelen, die aus ihren Körpern fahren.

Nur dass diese Seelen die Erde verlassen.

Es ist kalt heute Morgen. Zum ersten Mal musste ich eine Jacke überziehen.

Ich sitze da und starre zu den Ruinen der Hochhäuser auf der anderen Flussseite.

Manchmal bilde ich mir ein, Lärm in den dunklen Schluchten zu hören.

Das Dröhnen von Motoren. Stimmengewirr.

Dann versuche ich mir vorzustellen, wie die Menschen einst wie Ameisen auf den Straßen und in ihren blinkenden Büros umher gerannt sind, ohne sich einander zu kennen und zu sehen.

Jeder auf sich selbst fixiert, mit seinen eigenen Gedanken und eigenen Ängsten.

Der andere existiert nicht. Man läuft aneinander vorbei und ist doch alleine.

Ich kann mich daran erinnern, dass ich früher genauso war.

Eine kleine Ameise in einer Stadt, deren Grenzen unerreicht zu sein schienen und deren Gestank mich am Abend fast um den Verstand brachte.

Und dennoch war ich zufrieden gewesen, inmitten der vielen Anonymen und Irren, denn ich war einer von ihnen. Ich tat, was alle taten, und war wie sie. Ich gehörte zu ihnen, zu dieser gestaltlosen Masse, die sich Tag für Tag durch die Häuserschluchten wälzte und sich in stickige, dunkle Räume schob, in denen man den Rest des Tages mit Sinnlosigkeiten verbrachte.

Ich gehörte dazu, und das machte mich zufrieden.

Welch ein Narr ich doch gewesen war.

Die Welt musste erst untergehen, damit jemand wie ich bemerkte, mit wie wenig Verstand ich damals durch mein Leben gegangen bin.

Im Grunde kann ich glücklich darüber sein, dass der Motorenlärm und das Stimmengewirr verstummt sind.

Dass der dreckige Fluss stinkender Leiber in den Straßen zum Stillstand gekommen und schließlich versiegt ist.

Als mein altes Leben gestorben ist, bin ich aufgewacht. Ich habe all die Fesseln der Moderne abgestreift, mich gewaschen und gemerkt, was wirklich im Leben zählt.

Während ich mir die Stahlskelette am anderen Ufer betrachte, verhallen die Geräusche allmählich in der Ferne und zurück bleibt nichts als das schwere Atmen einer toten Welt.

In solchen Momenten bin ich froh darüber, dass ich alleine bin.

Denn erst wenn man keinen anderen Menschen ansehen muss, geht man mit offenen Augen durch die Welt.

Ich frage mich, wann ich zum letzten Mal mit jemand anderem als mit Lilly oder mir selbst geredet habe.

Da gab es einmal einen Jungen, der in die Stadt kam und von Seuchen und Fieber befallen war. Wir redeten ein wenig miteinander, während ich ihn zu behandeln versuchte. Er erzählte mir von einer anderen Stadt, die niedergebrannt war. Von Toten, die das Wasser des Flusses, der durch jene Stadt floss, verseucht hatten. Und davon, dass er alleine ist, seit er ein Kind gewesen war. Er weinte, als er von seiner Mutter erzählte, an die er sich nicht mehr erinnern konnte.

Am nächsten Tag starb er, und ich redete weiter mit ihm, während ich ihn im Park neben meinem Haus begrub.

Ein paar Tage habe ich ihn noch besucht und ihn gefragt, wie es ihm in seinem neuen Leben und seiner neuen Welt denn erginge. Ich war wirklich neugierig darauf, was er mir erzählen würde.

Doch er hat nie geantwortet, und so ging ich irgendwann nicht mehr zu ihm.

Der Junge war der letzte Mensch gewesen, den ich je gesehen habe.

Und das ist auch gut so.

Ich habe gelernt auf mich selbst aufzupassen.

Das ist meine Stadt. Mein Fluss und mein Garten. Hier gibt es nur mich und das, was ich sehen und hören will.

Hier gibt es Lilly mit den rot geschminkten schwarzen Lippen, und den alten Mann, der mich ab und zu im Spiegel begrüßt.

Ich erschrecke mich oft vor diesem Mann, weil er mir zeigt, wie ich einmal aussehen werde, wenn ich tot bin.

Und doch ist er der einzige, der mich verstehen kann.

Der einzige, der weiß, wie es sich anfühlt, jeden Tag ein bisschen mehr zu sterben.

Ein Geräusch reißt mich aus meinen Gedanken. Im ersten Moment wird mir schwindlig, als würde man abrupt aus einem Traum gerissen. Mein Blut schießt in plötzlichem Aufruhr wie kaltes Wasser durch den Körper.

Mein Blick fällt auf die Ruinenstadt jenseits des Flusses.

Doch dann merke ich, dass das Geräusch hinter mir ist.

Ich drehe mich um, springe auf die Füße und greife gleichzeitig nach dem Gewehr, das immer neben mir auf dem Holzsteg liegt.

Eine unangenehme Kälte breitet sich in mir aus. Ob vor Furcht oder Anspannung kann ich nicht sagen.

Am anderen Ende des Steges steht ein Mann.

Meine Augen verengen sich zu schmalen Schlitzen, mein Herz beginnt unkontrolliert in der viel zu kleinen Brust zu hämmern.

Das Gewehr halte ich in Hüfthöhe.

Der Mann hebt die Arme und kommt langsam näher.

Er ist jünger als ich, jedoch ebenso ausgezehrt. Er trägt einen Mantel, der wie ein Schatten um seine dürre Gestalt flattert. Sein Haar ist lang und schmutzig und verdeckt teilweise ein Gesicht, das ebenso dreckig ist.

Seine Bewegungen sind langsam und müde.

Ungefähr drei Meter vor dem Lauf meiner Waffe bleibt er stehen.

Mit ruhigem Blick mustert er mich. Das Gewehr scheint er gar nicht zu registrieren.

“Wer bist du?”

“Jonathan”, antwortet er mir krächzender Stimme. Mir kommt es vor, als würde ein Stein sprechen.

Die ersten Worte, die ich seit einem Menschenzeitalter höre.

Seine Augen sind dunkel und erinnern mich an verbrannte Erde.

“Und du?”

“Brian.”

Der Mann nickt. Die Hände sind immer noch erhoben. Unter dem im Wind flatternden Mantel scheint sich kein Leib zu befinden. Er muss seit Tagen nichts gegessen haben.

“Was willst du hier?

Jonathan zuckt mit den Schultern.

“Ist das deine Stadt?”

“Das ist meine Stadt.”

“Schon immer?”

“Von Beginn an.”

Jonathan nickt erneut. Er schluckt, was bei seinem dürren Hals grotesk aussieht. Jetzt endlich fällt sein Blick auf mein Gewehr.

“Könntest du das runter nehmen?”

Ich schüttele den Kopf. Der Wind wird stärker und fährt mit kalten Fingern unter meine Jacke.

Oder kommt die Kälte von innen?

“Wo kommst du her?”

Er zuckt erneut mit den Schultern.

“Ich kenne die Namen der Städte nicht mehr, in denen ich war.”

“Die Städte haben keine Namen mehr.”

Er nickt.

“Hier kannst du nicht bleiben.”

Jonathans Blick wechselt zwischen dem Lauf des Gewehrs und mir.

“Ist deine Stadt, hm?”

Ich sehe ihn urverwandt an.

“Ist meine Stadt.”

“Gibst du mir was zu essen?”

Ich antworte nicht. Stattdessen zerreißt das Spannen des Gewehrhahns die Stille, die uns beide wie ein Tuch umschlingt.

Jonathan nickt. Seine Augen flackern.

Dann wendet er sich ab und geht mit schleppenden Schritten zum Ende des Steges zurück. Dort dreht er sich noch einmal um, nur ein Mantel, mit dem der Wind spielt.

Dann nimmt er die Hände runter und geht die Straße zurück, auf der er scheinbar gekommen ist.

Ich sehe ihm nach, das Gewehr immer noch in Hüfthöhe, mit zusammengekniffenen Augen und einem harten Zug um den Mund.

So wie meine Westernhelden von damals.

Die Kälte kommt nicht vom Wind, das weiß ich jetzt.

Es ist meine eigene Kälte.

Jonathan wird kleiner und verschwindet, als hätte es ihn nie gegeben.

Es ist die Kälte dieser Welt, die mich erfüllt.

Meine Kälte.

Meine Welt.

Meine Stadt.

Ich drehe mich um, setze mich wieder auf den Steg und lege das Gewehr neben mich.

Mein Blick sucht die Skelette einstiger Moderne jenseits des teilnahmslosen Wassers.

Wieder stelle ich mir die Geräusche einer lebhaften Stadt vor, so, wie sie früher einmal gewesen war.

Laut, stinkend und pervers.

Doch alles bleibt still.

Dann denke ich an Jonathans Stimme. Sie scheint Sprechen nicht gewohnt zu sein.

Seine Worte, nicht mehr als ein heißeres Kratzen.

Seine Augen verbrannte Erde.

Am Abend werde ich Lilly von ihm erzählen.

Und ich werde ihr von der Kälte in mir erzählen, die mich so sehr erschreckt.

Jeden Tag sterbe ich ein bisschen mehr.

Ich frage mich, ob ich Jonathan wohl je wiedersehen werde …
Wir sind gefangen zwischen zwei Ängsten; der Angst zu sterben und der Angst zu leben.

Timna

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Freitag, 23. September 2011, 15:44

Hallo!

Ich hab die Geschichte jetzt gelesen und ich fürchte, ich hab ein bisschen Essig für dich. Die Idee an sich hat mir gut gefallen. Ein Prota, der seit Jahren allein in dieser postapokalyptischen Stadt wohnt und die wenigen Menschen, mit denen er Kontakt haben könnte, auch noch vertreibt. Das ist was Neues, sonst versuchen immer alle, andere Leute zu finden. Gefällt mir gut. Der melancholische Tonfall hat auch super dazugepasst.

Was mich persönlich gestört hat, war, dass du das alles erzählst. imho hättest du das ruhig aufs 5-fache des Umfangs ausdehnen können und die gleichen Sachen, die du hier in einem Mini-Absatz von ein paar Sätzen abhandelst, in eine Szene verwandeln. Mir hat einfach was gefehlt, weil du alles so schnell abhandelst.

Du hast auch ein paar Wiederholungen drin, die mich richtig angehüpft sind. Ein Beispiel ganz vom Anfang:

Zitat

Irgendwann habe ich aufgehört, die Tage zu zählen. Die Monate, die Jahre.

Es ist nicht mehr wichtig. Zeit ist ein Luxus, den ich mir nicht mehr leisten kann und will. Es ist alles bloß noch ein steter Fluss. Es wird hell, es wird dunkel. Warm und kalt.

So bemesse ich meine Tage. Wobei ich nicht einmal sagen könnte, welchen Tag wir eigentlich haben. Oder welches Jahr.

Ich stehe auf, wenn es hell wird und weiß, dass ein neuer Tag beginnt. Egal welcher.


Da beschreibst du 3x hintereinander, dass er sein Zeitgefühl verloren hat.

Wie gesagt: Die Idee hat mir gut gefallen, nur imho könntest du wesentlich mehr rausholen.

LG die anonyme Autorenforen-Geschädigte ^^
Wehr Tipfeler finted darv Sie behahlten

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Freitag, 23. September 2011, 16:09

mir hat es recht gut gefallen.

Sicherlich könnte man das eine oder andere noch abändern, aber du schilderst ja nur eine Szene aus einem längeren Text.
Ich konnte mich gut in den Char. einfühlen und auch die Umgebung konnte ich mir deutlich vorstellen. Es gefällt mir, wenn ein Autor versucht Atmosphäre um seine Figuren herum zu schaffen ohne künstlich zu werden und ohne den Leser zu langweilen.

Ich würde gerne wissen, wie es mit Brian, Jonathan und Lilly weitergeht. :D

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5

Freitag, 23. September 2011, 16:18

Da erkenne ich doch ein gewisses Muster :D
Dies scheint deine Thematik zu sein. Und über diese scheinst du schon länger nachzudenken ... Ich lese so etwas Apokalyptisches für mein Leben gern. Vielleicht wagst du dich mal an das Entwickeln einer kleinen (in sich geschlossenen) Welt mit mehreren Protas a la Glukhovsky? Bin mal sehr gespannt, wie sich das Ganze entwickelt. Werde es auf jeden Fall verfolgen :devil:
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Freitag, 23. September 2011, 16:53

@ TIMNA ....... Danke, auch für den Essig. Ohne Essig schnmeckt kein Salat .... Du hast sicher Recht, dass man noch das eine oder andere verbessern könnte. Und wenn man es genau nimmt, könnte man aus JEDER Kurzgeschichte einen Roman entwickeln. Bei mir ist es so, dass ich oft meine Kurzgeschichten in spätere Romane einflechte. "Der andere Tod" soll einfasch nur eine kurze Momentaufnahme aus Brians Leben sein.

@ STEFFEN ..... die Geschichte soll der Start für eine ganze Sammlung apokalyptischer Geschichten werden. Nicht nur Zombiegeschichten, sondern auch Storries über die Gedanken und Gefühle der Menschen in solch einer Zeit. Also nicht wirklich blutige Gewalt. Ich will auch eine andere "Rasse" von Zombies zu züchten versuchen.....ob es was wird, weiß ich noch nicht.
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Freitag, 23. September 2011, 20:37

Ich meinte auch gar nicht die Zombies, sondern richtigerweise das Genre »Endzeit«, mit welchem du dich so intensiv auseinandersetzt. Entschuldige, wenn ich mich da undeutlich ausgedrückt habe.
Obwohl ... wenn du neue Zombies zu züchten versuchst, bin ich wohl sehr interessiert :)

LG, Steffen
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Freitag, 23. September 2011, 20:53

Mir gefällt es gut Aufgefalllen ist mir, dass du mich als Leser zur Entschleunigung zwingst,d.h. es ist kein Text, den man "nebenbei" lesen kann. Dann entfaltet sich die düstere Stimmung. Sehr gefallen hat mir die Begegnung der beiden, da wurde es doch sehr cineastisch in meiner Vorstellung. Toll!

D.J.Franzen

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Freitag, 23. September 2011, 21:49

PUH!
Starker Stoff!
Extrem starker Stoff, aber verdammt gut!!!

WOW, der Text hallt nach.

Es fällt mir ein wenig schwer, wieder aufzutauchen, um eine Kritik abzugeben.
Und das ist eigentlich ein untrügliches Zeichen für mich, dass ich diesen Text nochmale lesen will.
Und noch einen, von der gleichen Art vielleicht, aber auf alle Fälle mit dieser ganz eigenen Melodie der Worte.

Mein erster Eindruck ist auf alle Fälle ein ehrliches *Staun

Und das ist bei Texten in Foren ein Novum.

Very fine stuff, HPL-Fan

D.J. :e

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Samstag, 24. September 2011, 16:04

@ ..... Steffen ...... Die Sammlung, die ich versuche zu schreien, beinhaltet mit Sicherheit auch einige Zombiegeschichten, aber nicht im klassischen Sinn, also kein brutales Abschlachten und Ausweiden, sondern - wie in einer Geschichte zu Beispiel - das Zusammenleben von Lebenden und Toten. Andere Geschichten hingegen gehen eher in die Richtung von "Der andere Tod", also der Mensch als Individuum in einer toten Welt .... was daraus wird, weiß ich selbst noch nicht....

@ D.J. Franzen ......Danke dir. Ehrlich gesagt bin ich im Moment etwas sprachlos. Aber ich freue mich riesig, dass die Geschichte gefällt.

@ Vincent ..... Auch dir Dank. Bedeutet mir viel aus deinem Mund !!!! Für mich ist Atmosphäre in einer Geschichte am wichtigsten. Man muss beim Schreiben einen düsteren Film im Kopf sehen können, den auch der spätere Leser nachvollziehen kann. Um so mehr freue ich mich, dass du diesen Film offensichtlich gesehen hast... :]
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D.J.Franzen

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11

Samstag, 24. September 2011, 20:54

Hi HP *Chaos

Ich wollte das eben noch geschrieben haben, aber der Burzeltach von meinem Schwiegervater kam dazwischen (bzw. die Zeit wurde knapp)

Was mir an deiner Story so gefällt, ist die Langsamkeit, mit der du dein Szenario UND PARALLEL dazu deine Story ausbreitest.
Das ist kein Wort zuviel, kein Satz zu wenig ... es passt (für meinen Geschmack) einfach perfekt, für einen ruhigen Moment sehr eindringliches Kopfkino.

Das ist die Kunst der Kurzgeschichte.

LG

D.J.