Johanna zog die Bettdecke über ihre Schultern und schlug die Augen auf.
Sehen konnte sie nichts. Doch ließen sich in der totalen Finsternis ein paar Schatten erahnen.
Sie brauchte diese völlige Dunkelheit, um schlafen zu können. Die kleinste Lichtquelle im Raum konnte sie um den Verstand bringen.
Deshalb hatte Johanna vor dem Schlafengehen die alten Fensterläden fest verschlossen. Kein leichtes Unterfangen, waren doch die Scharniere im Laufe der Jahrzehnte festgerostet und das splittrige Holz verzogen.
Tip-Tap ... Tip-Tap ...
Sie horchte auf.
Lief da jemand über den Korridor?
Sie versuchte ihre schläfrigen Sinne zu schärfen, richtete ihren Oberkörper auf, indem sie sich auf die Ellenbogen stützte, und lauschte angestrengt hinaus. Nichts. Nach einer Weile ließ sie sich fröstelnd ins warme Kissen zurückfallen. Gewiss spielte die Müdigkeit ihrem Verstand einen Streich.
Tip-Tap ... Tip-Tap ...
Also doch!
Erneut schrak Johanna hoch, einen spitzen Aufschrei auf den Lippen, den sie im letzten Moment unterdrückte, indem sie die rechte Hand auf den Mund presste.
Da war jemand! Ganz bestimmt! Direkt vor ihrer Tür!
Deutlich konnte sie ein Schlurfen vernehmen. Dann plötzlich – lautes, dumpfes Getrappel. Kindergetrappel!
Mit weit aufgerissenen Augen stierte sie in Richtung Tür.
Da war es wieder - ganz deutlich: Kindergetrappel!
Das Blut gefror in ihren Adern. Wie konnte das möglich sein? Sie waren doch ganz allein hier draußen.
Bei ihrer Ankunft hatte der Professor erklärt, die nächste Ortschaft läge im Tal, über 10 Kilometer entfernt. Und seit Tagen war ihnen
auch keine Menschenseele begegnet!
Doch nun, inmitten dunkelster Nacht: Kinderlärm auf dem Korridor des verwaisten Schlosses.
Was sollte sie tun?
Johanna hockte in dem riesigen, barocken Bett - zur Salzsäule erstarrt. Sie war ganz allein hier oben. Hatte - beinahe trotzig - auf diesem Zimmer bestanden, weil es über ein eigenes Bad verfügte. Der Professor und die anderen schliefen eine Etage tiefer.
Gott ... es war so anders, als sie erwartet hatte. Es war so ... so real!
Tip-Tap ... Tip-Tap ...
Die Kinder liefen vor dem Raum auf und ab.
Spielten sie etwa auf dem Korridor?
Johanna hörte sie lachen. Helles, klares Kindergelächter.
Es war so verdammt real!
'Aufhören!', schrie es in ihrem Kopf. 'Aufhören!'
Sie presste beide Fäuste vor den Mund; biss sich auf die Knöchel; verharrte in krampfhafter Pose.
Plötzlich endete das Gelächter. Schlagartig brach es ab. Ungläubig ließ siedie Hände zittrig aufs Bett sinken. Jetzt erst spürte sie, wie
heftig ihr Herz schlug. Hart klopfte das Blut gegen ihre Schläfen, verursachte Kopfschmerz und einen Hauch von Übelkeit.