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Kai Grimm

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  • »Kai Grimm« ist der Autor dieses Themas

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1

Mittwoch, 11. Januar 2012, 20:57

Lesezirkel Januar 2012 1 - Robert Louis Stevenson Dr. Jekyll & Mr. Hide Seiten 89 - 134

Der Klassiker, Schlussdrittel
Lese zur Zeit:
Christoph Marzi - Somnia

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2

Dienstag, 17. Januar 2012, 10:13

Ebenfalls nicht neu, die Auflösung, die auf den letzten Seiten in Form eines Nachlasses aufbereitet und präsentiert wird. Dies durchaus schlüssig und mit Tempo, sodass ich mich durch die Lektüre gut unterhalten gefühlt habe.

Eine Anmerkung: Selbstverständlich kann das Thema in diesem Kontext bei heutigen Lesern weitaus weniger Nähe und Betroffenheit erzeugen, als es damal der Fall war. Das Thema Jekyll und Hyde ist meines Erachtens nach in jene Literatur einzuordnen, die sich auf Metaebene kritisch mit dem Fortschritt auseinandersetzt und den Ängsten davor, Technik und Forschung nicht kontollieren zu können, ein grausames literarisches Gesicht gibt. Dieses sehe ich in dem Rahmen: Der einzelgängerische doch freundliche aber irgendwie besessene Dr. Jekyll übertritt während seiner Forschungen eine Grenze und hat sein Experiment nicht mehr unter Kontrolle. Und jener wissenschaftliche Erfolg ist nur einem nicht wiederholbaren Zufall geschuldet, eine genaue Rezeptur des Salzes lässt sich nicht wieder herstellen. Wenn man sich anschaut an welchen technischen, medizinischen, religíösen, gesellschaftlichen Schwellen Menschen zu dieser Zeit standen, so lassen sich diese Ängste nachvollziehen und vielleicht erfreut sich diese Art Literatur momentan so großer Beliebtheit, da wir uns an ähnlichen Schwellen wähnen. Moderne Vertreter ziehen ihre bedrohliche Quelle jüngsterzeit eher aus unkontrollierbaren Viren oder Bakterien und auch wie vor aus fehlgeschlagenen Technologien.

Eine zweiter, philosophischer Ansatz, den ich sehr interessant empfand, war die Idee der Spaltung des Bösen von dem Guten. Die Möglichkeit Wesenheiten zu destillieren und ,so war ja die Absicht, zu trennen, um Vollkommenheit zu erlangen. In der Fortführung des Gedanken muss man sagen, dass das Böse in uns scheinbar stärker als das Gute ist. Spannend wäre einmal zu sehen, ob das konzentrierte Gute tatsächlich so gut wäre...



Ich vergebe 8,5 von 10 Punkten und stelle die Frage: Warum hat sich das Böse (Mr.Hyde) umgebracht?

Mammut

Der ErnstFall

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3

Dienstag, 17. Januar 2012, 11:02

Hallo Vince,

zur Diskussion über den Fortschritt: Es wird ja auch die Entzweiung zweier Wissenschaftler beschrieben. Der eine glaubt rein an die wissenschaftliche Lehre, der zweite (Jekyll) an eine übergeordnete Ebene. Das hat sich doch gar nicht soweit geändert. Der etablierte Wissenschaftler glaubt nur an das, was bewiesen ist. Aber genau dort finden sich oft genug "Wissensschwellen". Um zu weiterer Erkenntnis zu kommen, muss ein gewissen Maß an Scharlaternerie eingesetzt werden, nämlich das vorhandene in Frage zu stellen und ins Blaue zu spekulieren. Und genau wie damals glaubt man heute alles zu wissen.

Beim zweiten Ansatz: Der Versuch, in Böses und Gutes zu spalten misslingt doch gerade. Das Böse hat sich nicht umgebracht. Der Konflikt zwischen Gut und Böse hat Jekyll (und damit auch Hide, der ja ein und die selbe Person ist) ja umgebracht. Und die Trennung hat ja eben nicht funktioniert und gezeigt, beide Seiten gehören zueinander und können ohne gar nicht existieren. Da sind wir auch wieder bei dem ersten Punkt. Der gute Wissenschaftler (Jekyll) und der Übernatürliche (Hide = der Verborgene) arbeiten ja Hand in Hand. Ohne den Ansatz, sein Böses in eine Form zu bringen, wäre die Weiterentwicklung gar nicht möglich gewesen. Mit dem Selbstmord schwört er aber dem (bösen) Fortschritt ab. Das ist auch wieder zeitgemäß, schließlich sind wir aktuell eher fortschrittsfeindlich (Stuttgart 24, Netzausbau, Gentechnik in Lebensmitteln, Biokraftstoffe).

Bis bald,
Michael

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4

Dienstag, 17. Januar 2012, 14:54

Hallo Michael,



Zitat

Der etablierte Wissenschaftler glaubt nur an das, was bewiesen ist. Aber genau dort finden sich oft genug "Wissensschwellen". Um zu weiterer Erkenntnis zu kommen, muss ein gewissen Maß an Scharlaternerie eingesetzt werden, nämlich das vorhandene in Frage zu stellen und ins Blaue zu spekulieren.


Ich sehe es so, dass Dr. Jekyll nach seiner Wahrnehmung nicht Scharlatanerie betreibt (er wehrt sich sogar gegen diesen Vorwurf), sondern mit wissenschaftlichen Methoden "viel und hartnäckig über jenes unerbittliche Naturgesetz nachzudenken, das seine Wurzeln in der Religion hat und eine der stärksten Quellen des Leides ist." Sein Schaffen verändert ihn zunehmend und lässt seine Schändlichkeit in gutem Lichte stehen.



Zitat

Beim zweiten Ansatz: Der Versuch, in Böses und Gutes zu spalten misslingt doch gerade. Das Böse hat sich nicht umgebracht. Der Konflikt zwischen Gut und Böse hat Jekyll (und damit auch Hide, der ja ein und die selbe Person ist) ja umgebracht. Und die Trennung hat ja eben nicht funktioniert und gezeigt, beide Seiten gehören zueinander und können ohne gar nicht existieren. Da sind wir auch wieder bei dem ersten Punkt. Der gute Wissenschaftler (Jekyll) und der Übernatürliche (Hide = der Verborgene) arbeiten ja Hand in Hand. Ohne den Ansatz, sein Böses in eine Form zu bringen, wäre die Weiterentwicklung gar nicht möglich gewesen. Mit dem Selbstmord schwört er aber dem (bösen) Fortschritt ab. Das ist auch wieder zeitgemäß, schließlich sind wir aktuell eher fortschrittsfeindlich (Stuttgart 24, Netzausbau, Gentechnik in Lebensmitteln, Biokraftstoffe).





Spannend, wie verschieden wir interpretieren. Ich sehe zwar, dass Jekyll sich untrennbar mit Hyde verbunden sieht, aber nicht Jekyll bringt sich um, sondern nach meiner Auffassung ist es Hyde, der den Selbstmord begeht. Warum lässt Stevenson, denn Hyde über Jekyll gewinnen und anschließend Hyde sich umbringen? Ich sehe das als einen Sieg des Bösen üder das Gute.



Lieber Gruß,



Vincent

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Kai Grimm

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5

Donnerstag, 19. Januar 2012, 22:06

Ich neige eher zu Michaels Interpretation. Denn der pure reine Hyde, also das gewissenlos Selbstsüchtige würde doch niemals freiwillig Selbstmord begehen, oder? Und die Aufzeichnungen des Doktors zeigen doch, dass nach den unfreiwilligen Verwandlungen in Hyde auch immer noch etwas Jekyll war, denn sonst hätte der reine Hyde doch nie so verzweifelt nach Möglichkeiten der Rückverwandlung gesucht. Ich verstehe das Ganze so, dass am Ende eine saubere Trennung eben nicht mehr vorlag.
Wie dem auch sei, literarisch ist die Verzweiflung des Doktors und dessen innere wie äußere Zerissenheit jedenfalls wunderbar dargestellt. Das ist ein tolles Porträt eines Menschen, der Grenzen überschritten und sich damit tief in die Jauche gegraben hat.
Mir gefiel der Ausflug in die Lieratur der Vergangenheit (nach langer Zeit mal wieder) jedenfalls recht gut und daher vergebe ich 8 von 10 Punkten.
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Christoph Marzi - Somnia