Hallo Michael,
Der etablierte Wissenschaftler glaubt nur an das, was bewiesen ist. Aber genau dort finden sich oft genug "Wissensschwellen". Um zu weiterer Erkenntnis zu kommen, muss ein gewissen Maß an Scharlaternerie eingesetzt werden, nämlich das vorhandene in Frage zu stellen und ins Blaue zu spekulieren.
Ich sehe es so, dass Dr. Jekyll nach seiner Wahrnehmung nicht Scharlatanerie betreibt (er wehrt sich sogar gegen diesen Vorwurf), sondern mit wissenschaftlichen Methoden "viel und hartnäckig über jenes unerbittliche Naturgesetz nachzudenken, das seine Wurzeln in der Religion hat und eine der stärksten Quellen des Leides ist." Sein Schaffen verändert ihn zunehmend und lässt seine Schändlichkeit in gutem Lichte stehen.
Beim zweiten Ansatz: Der Versuch, in Böses und Gutes zu spalten misslingt doch gerade. Das Böse hat sich nicht umgebracht. Der Konflikt zwischen Gut und Böse hat Jekyll (und damit auch Hide, der ja ein und die selbe Person ist) ja umgebracht. Und die Trennung hat ja eben nicht funktioniert und gezeigt, beide Seiten gehören zueinander und können ohne gar nicht existieren. Da sind wir auch wieder bei dem ersten Punkt. Der gute Wissenschaftler (Jekyll) und der Übernatürliche (Hide = der Verborgene) arbeiten ja Hand in Hand. Ohne den Ansatz, sein Böses in eine Form zu bringen, wäre die Weiterentwicklung gar nicht möglich gewesen. Mit dem Selbstmord schwört er aber dem (bösen) Fortschritt ab. Das ist auch wieder zeitgemäß, schließlich sind wir aktuell eher fortschrittsfeindlich (Stuttgart 24, Netzausbau, Gentechnik in Lebensmitteln, Biokraftstoffe).
Spannend, wie verschieden wir interpretieren. Ich sehe zwar, dass Jekyll sich untrennbar mit Hyde verbunden sieht, aber nicht Jekyll bringt sich um, sondern nach meiner Auffassung ist es Hyde, der den Selbstmord begeht. Warum lässt Stevenson, denn Hyde über Jekyll gewinnen und anschließend Hyde sich umbringen? Ich sehe das als einen Sieg des Bösen üder das Gute.
Lieber Gruß,
Vincent