Dann darf ich eröffnen ...
Zunächst einmal ein Lob an den Übersetzer und den Verlag, die hier wirklich klasse Arbeit geleistet haben. Bislang ist mir kaum ein Dreher in den Sätzen untergekommen - Fande ich schon bei Rabenstadt (Blitz-Verlag) bemerkenswert, habs aber im entsprechenden Thread vergessen zu erwähnen.
Der Einstieg zum Leichenkönig ist ungelenk gewählt. Ich bin der Meinung, Vorworte sollten dem Autor dazu dienen, über seine Inspiration oder irgendwelche Besonderheiten bei Schreibe oder Recherche zu sprechen, oder warum er gerade dieses und jenes Thema angepackt hat. Was ich in einem Vorwort nicht lesen will, ist eine Erklärung (Was ist die Ausgangslage der Geschichte ... Was treibt die Figuren an, so zu handeln, wie sie es tun).
Das ist ein bisschen so wie eine Umkehrung des altbekannten Show don't tell.
Das Umfeld und die Beweggründe der Figuren sollten in der Geschichte erzählt und nicht vorangeschickt werden!
Was von Beginn an auffällt sind die etlichen Adjektive, die Curran in jedem Satz unterbringt. Das macht das Ganze dementsprechend schwer zu lesen und mitunter ermüdent. Der Protagonist lehnt sich nicht gegen eine Wand, nein! Er lehnt sich gegen eine schimmelfleckige, schiefstehende, abbröckelnde, schattenüberwucherte, pilzbedeckte, nach Pisse stinkende, usw. Ich glaube, ihr wisst, was gemeint ist. Hier wäre weniger deutlich mehr gelesen.
Klar, muss eine Geschichte, die im 19.Jahrhundert spielt in einem anderen (gediegeneren) Stil verfasst werden, als ein schnörkelloser High-Tech-Thriller ala Stieg Larsson, aber das hier ist viel zu überfrachtet.
In Vollendung gelingt das für mich Simmons in seinem Drood (Aber der Vergleich ist auch ein bisschen unfair, zugegeben).
Die Protagonisten an sich finde ich toll geschildert. Gerade ihr selbstironischer Umgang mit ihrem 'Geschäft' ist richtig klasse beschrieben. Hervorheben möchte ich hier die direkte Wortwahl: Das wirkt sehr authentisch. Ich kann mir gut vorstellen, dass in solchen Kreisen so gesprochen wurde ... Auch, was den Umgang mit der eigenen Familie anging. Natürlich muss man sich an ein Wort wie Ficken in einem Buch, das im 19.Jahrhundert spielt erst gewöhnen, weil der Begriff modern wirkt, aber ist er gar nicht oder? Ficken (und noch eher Fuck) gehört zumindest laut Wikipedia schon länger zum geläufigen Sprachgebrauch.
Die Dialoge mit der Mutter sind köstlich und auch die Schilderungen von den lebensfeindlichen Umständen zu jener Zeit halte ich für sehr gelungen.
Weniger gelungen dann aber das Hauptthema, auf das die Geschichte zuzusteuern scheint: Unsere Grabräuber im Kampf mit einem leichenfressendem Monstrum. Ne, da erhoffe ich mich mehr. Das wäre mir so zu billig.
Na ja, abwarten. Bislang kommt das Buch jedenfalls nicht über die Bewertung 'Durchschnitt' hinaus.