(Ja, wenn sonst keiner Lust hat, ne, dann mach ich eben wieder weiter. Ohne Hoffnung, im Übrigen. Bildet euch das ja nicht ein.

)
Es war nicht, dass er sich bildhaft daran erinnern konnte, wer er mal gewesen war und wie er mal ausgesehen hatte. Es waren Gefühle, die einem Feuerwerk gleich in ihm aufblitzten und wieder erloschen, bevor er ihrer habhaft werden konnte. Er war mal anders gewesen. Er war einmal ein blühender Mensch, ein Geschöpf einer lebhaften, farbenprächtigen Natur. Nun schien er, ein Produkt seiner verkommenen Behausung zu sein. In einem sonnenbeschienenen Feld würde er nun wie ein Fremdkörper wirken. Keine Pracht war mehr da. Die Bewegungen waren grob und starksig. Seine Haare schienen eine starre, schwarze Masse zu sein. Seine Gesichtszüge ähnelten denen, eines Toten.
Ein lautes Geräusch riss ihn aus seiner Andacht. Eine Mischung aus einem Brüllen und einem Beben, dass auf ihn zuzurollen schien. Jarod riss seinen Kopf um in Richtung Tür, die ihn nun zu bedrohen schien wie das Rohr einer geladenen Kanone. Er wich um einen Schritt zurück. Es war wieder still. Die Luft schien sich vom Grollen zu erholen, in ängstlicher Erwartung eines weiteren Hiebes. Er machte noch einen Schritt zurück. Und noch einen.
Die Tür platzte aus dem Rahmen und zersprang am gegenüberliegenden Waschbecken. Jarod riss die Wucht zu Boden, Holzsplitter prasselten auf ihn herab. Er blickte nicht um zu dem, was sie gerade eben aufgeschlagen hatte, stattdessen sprang er auf und warf sich bauchlinks auf den Fensterrahmen. Sein Blick fuhr den herabstürzenden Regentropfen folgend die, nach guten 30 Metern in pfützenübersähtem Rasen verankterte, Steilwand entlang. Das Gesimse unter seinem Fenster trifte vor Feuchtigkeit, in den Fugen sammelte sich das Regenwasser zu kleinen Sturzbächen und es war schmaler, als er es in Erinnerung hatte. Doch ein weiteres Aufdonnern lies die Wände brummend erzittern und als er in seinem Rücken die Präsenz seines Urhebers spürte, stockte ihm der Atem. Es gab keine Alternative. Er musste hinaus auf diesen schmalen Steg. Er kletterte hastig, aber behände, brachte beide Füße auf den Stockwerksgesimse, das gerade einmal groß genug war, dass er seine nackten Fernsen in ihn hineindrücken konnte, und zog sich eilig von der Fensteröffnung weg.
Der Regen kam ihm vor, wie Salven aus kleinen Glassplittern. Die heulenden Windboen wirkten, als wollten sie ihm die Auswegslosigkeit seiner Mission ins Ohr schreien. Ein kurzer Blick nach unten lies ihn den Magnetismus der Tiefe spüren. Der vorausgerichtete Blick konfrontierte den Betonklotz vor ihm. Das verfluchte Haus. Schmucklos und grob, in lehmigem braun mit schwarzen Fenstern. Einem Monolit des Verfalls gleich stand es dort vor ihm, wie ein Begrenzungsstein in den Boden gepflanzt. Auch dort führte ein schmaler Sims unter den Fenster die Stockwerke entlang. Während die Nacht ihm ihre wässrigen Ohrfeigen ins Gesicht schleuderte und die erschwerten Haare sich mehr und mehr über seine Augen senkten, kam ihn das gegenüberliegende Haus vor, wie ein Zwilling seines Eigenen.
Rücken und Innenhandflächen an die raue Steilwand gepresst, trippelte Jarod weiter voran. Bald müsste er am Fenster des Treppenhauses sein. Das Röhren aus seinem Badezimmer war immer noch da, doch wovon es auch immer ausging, es schien auf seine Wohnung beschränkt zu sein.
Mit jedem weiteren Schritt überprüfte Jarod die Glaubwürdigkeit seiner visuellen Wahnehmung, denn wann immer er seinen Blick gegen den Regen wendete, konnte er das Treppenhausfenster nicht finden. Er sah eindeutig den überliegenden Fenstersturz. Aber keine Öffnung. Sehr bald erkannte er, dass unterhalb des Fensterüberbaus ein Rechteck aus hellerem Gestein war und schon nach weniger als einer Minute konnte sich Jarod mit einem Auflegen seiner Hand selbst davon überzeugen, dass das Fenster zugemauert war. Jarod warf einen klagenden Blick in Richtung Himmel. Der pfeiffende Wind erschien ihm nun, wie ein höhnisches Lachen.
In diesem Moment wurde ihm die Bedrohlichkeit seiner Lage wieder bewusst. Ein kurzer Blick nach unten entfachte auf ihn wieder diese Anziehungskraft der Tiefe und die Wand an seiner Rückseite schien ihn abstoßen zu wollen. Jarod warf seinen Körper zurück und schlug dabei mit dem Hinterkopf auf. Der Erschütterung folgte ein kurzes Einsacken seiner Knie, das er alsbald wieder korrigierte. Noch einmal richtete er seine Augen, von deren Wimpern unablässig und scheinbar immer stärker Tropfen hinabfielen gegen den Regen. Eine lange Wand, nichts weiter. Immer wieder in ihrer Eintönigkeit von Fensterstürzen unterbrochen. Soweit er klaren Blick hatte, unter ihnen nur gleichmässige Anordnungen helleren Materials. Aus seiner Wohnung ertönte dagegen der Lärm einer wütenden Meute, die die Einrichtung auseinandernahm, sie voller Wut über sein Entkommen zerbrach und umherwarf.
Jarod drückte sich weiter an der Wand entlang. Das Passieren jedes Sturzes war dabei ein Gleichgewichtsakt, denn er schaffte dies nur, wenn er mit hohlen Kreuz am Überlager vorbeiglitt. Die Kanten des Gesimses erschienen ihm mehr mehr wie abgestumpfte Klingen. Für einen Moment wirkte ihn Erschöpfung, mehr geistiger, als körperlicher Art, an die Mauer zu nageln. Er stoppte. Vielleicht könnte er in eine Baumkrone springen, dachte er. Vielleicht war irgendetwas da unten, was ihm einen Ausweg gab. Irgendwas.
Ein kurzer Blick. Tatsächlich sah er etwas. Ein Vorbau ragte, zwei oder drei Stockwerke unter ihm, aus der Wand heraus. Nur ganz knapp. Ein Balkon. Noch wenige Meter weiter und er könnte auf diesen hinabspringen. Eine Boe erschütterte ihn, gefolgt von einem Schwarm aus nadelartigem Regen. Jarod schritt vorsichtig voran, umso bedachter, da er bis auf die schmerzenden Abschürfungen an seinen Fersen seine Füsse kaum mehr spürte. Mit jedem Schritt näherte er sich nur um nur Zentimeter an sein Ziel an, doch dann stand er direkt unter dem Balkon.
Er war nur schmal. Von seiner Position aus betrachtet schien die Brüstung ihn dort zu umschliessen, wo seine Zehen aus ihren Wurzen wuchsen. 5-6 Meter vielleicht. Jarod war klar, dass ein Versuch, sich auf diesen Balkon hinabsacken zu lassen, weh tun könnte, sogar müsste. Kerzengerade müsste er hinabfallen. Den Körper stocksteif halten und gerade so hinabgleiten, dachte er sich. Jarod atmete noch einmal tief durch. Dem Auspusten folgte die Müdigkeit. Seine verengten Augen mit seinen zu tröpfelnden Markisen verkommenen Wimpern nahmen den gegenüberliegende Bau nur noch verschwommen wahrr. Das rechte Bein hob sich zitternd vom Sims ab. Das Linke gab nun zögerlich Schwung. Jarod stürzte hinab.