German Angst

      German Angst





      Da wir hier im Forum gerade beim Thema schräg vs. konventionell sind :-) Am 7.Mai feiert ein deutscher Independent Mystery-Horror-Episodenfilm Premiere, dessen Macher dem einen oder anderen durchaus bekannt sein könnten: Jörg Buttgereit, Andreas Marschall und Michael Kosakowski.

      Das Projekt wurde durch Crowdfunding finanziert und die Regisseure haben sich nach eigener Aussage vorgenommen, damit die deutsche Horror-Filmtradition der 20er Jahre wiederzubeleben. Ich persönlich kenne von Buttgereit nur den trashigen Nekromantik, der ja in einigen Kreisen Kultstatus genießt. Michael Kosakowski hat mit Zero Killed eine sehr interessante Dokumentation gedreht, in der er gewöhnliche Menschen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten mit ihren Gewaltphantasien konfrontiert.

      Der Trailer zu German Angst wirkt auf mich erst einmal wenig atmosphärisch und auch sehr trashig. Es kann aber sein, dass das nur für den amerikanischen Markt so zusammengeschnitten wurde. Die Regisseure wollen jedenfalls neue Horizonte für den deutschen Genrefilm setzen und durchaus sozialkritische Themen darin verarbeiten. Bezüge zu den 20ern habe ich jetzt nicht unbedingt gefunden, außer vielleicht, dass die Alraune bei Hanns-Heinz Ewers Thema war und dass solche Elemente wie Seelenwanderung und magische Amulette durchaus zur phantastischen Literatur der 20er Jahre gehörten.

      Am 15. Mai kommt übrigens schon die DVD und Blu-ray heraus. Ich werde mich mal überraschen lassen, ob der Film seinen hehren Vorsätzen gerecht wird, oder ob das Ganze mächtig in die Hose gegangen ist.

      Im Anhang noch der Trailer und hier ein Artikel zum Film, in dem auch ein Interview mit den drei Regisseuren zu dem Projekt verlinkt ist.


      klatsch-tratsch.de/2015/02/27/…sex-und-tod-berlin/234192



      Andreas Marschall mag ich eigentlich ganz gerne. Sein Episodenfilm TEARS OF KALI hat mich damals stark beeindruckt und MASKS, seine Verbeugung vor dem italienischen Giallo-Thriller hat mir als Giallo-Fan ebenso gefallen. Performance und vor allem die Bildgestaltung waren topp. Mal schauen, ob ich mir den anschaue…
      Von Andreas Marschalls beiden Filmen habe ich bisher auch nur Gutes gehört. Masks wird ja gelegentlich mit Suspiria von Dario Argento verglichen. Ich werde die mir demnächst auch mal vornehmen.
      Alles in allem sind das eigentlich Regisseure mit viel Potential. Ich hoffe nur, dass die Atmosphäre bei den ganzen naturalistischen Gewaltdarstellungen nicht auf der Strecke bleibt.
      'Zimmer 205' steht bei mir auch noch an. Die Rezis klingen nach einem qualitativ guten Film, der angeblich das Genre nicht neu erfindet (wer macht das heutzutage schon?), aber auch von der psychologischen Seite her interessante Betrachtungsansätze liefert. Der Trailer zumindest gefällt mir von der Stimmung her sehr gut. Muss ihn mir gleich mal bestellen, bevor ich's wieder vergesse.
      Es wird sich wahrscheinlich nie ändern, dass Kunstschaffende oft nicht mit Kritik umgehen können. Noch schlimmer aber sind Hardcore-Fans. Ich verstehe ja, dass man seinen Liebling auf Gedeih und Verderb verteidigen möchte. Aber bei allem grundsätzlichen Verständnis wünschte ich mir doch mehr Einsicht der Fans, dass es nicht nur 'gut' und 'schlecht' gibt, dass Filme, Bücher, Musik, ect. eben auf sehr vielen Ebenen diskutiert und kritisiert werden können und das auch sollen. Kunst soll nicht nur unterhalten, sondern zum sozialen Austausch anregen ... aber auch hier scheiden sich die Geister.
      Tja, wenn sich die Macher mit Fanboys zusammentun und über Kritiker ablästern, wirkt das immer arg unprofessionell. Ein Großteil der ersten Reaktionen auf den Film scheinen bis auf Andreas Marschalls Episode leider eher meine Befürchtungen zu bestätigen. Aber ich werde mir trotzdem ein unabhängiges Bild davon machen.

      Nochmal zum deutschen Horrorfilm allgemein: Kennt jemand Der letzte Angestellte von Alexander Adolph? Das ist auch einer der wirklich sehr gelungenen aktuellen Horrorfilme aus Deutschland, wie ich finde.

      Medardus schrieb:


      Nochmal zum deutschen Horrorfilm allgemein: Kennt jemand Der letzte Angestellte von Alexander Adolph? Das ist auch einer der wirklich sehr gelungenen aktuellen Horrorfilme aus Deutschland, wie ich finde.


      Der lief schon ein paar Mal im Fernsehen aber ich hab ihn leider immer verpasst.
      Kennt jemand RADIO SILENCE? Der soll auch recht gut sein.

      cinema.de/film/radio-silence-der-tod-hoert-mit,6404282.html
      Ich habe mir den Film inzwischen angesehen und bin ziemlich gemischter Gefühle. Das liegt zum einen daran, dass die Qualität der drei Episoden stark variiert und von meisterhaft bis grottenschlecht reicht. Bis auf die erste Episode gibt es zudem keine deutsche Vertonung und das Englisch ist teilweise starken Dialekten unterworfen, was aber für jemanden mit guten Englischkenntnissen sicherlich kein Problem ist. Ansonsten muss man eben mit den deutschen Untertiteln vorlieb nehmen, worunter das Filmerlebnis natürlich etwas leidet.

      Die erste Episode Final Girl von Jörg Buttgereit fand ich überraschend gut und bereits da wurde mir klar, dass der Trailer eher ein nach Aufmerksamkeit haschender Zusammenschnitt für den kommerziellen Horrorfilm-Markt ist und nicht ganz dem eigentlichen Film gerecht wird. Da meine Erwartungen bei Buttgereit ziemlich niedrig waren, wurde ich doch von einer sehr atmosphärischen Handlung und Kameraführung überrascht. Eine Episode, die mit dem Hintergrund des häuslichen Missbrauchs sehr nachdenklich stimmt.
      Die nächste Episode Make a wish von Kosakowski ging für mich völlig daneben. Eine derart überzeichnete und von Klischees überladene Darstellung eines so ernsten Themas wirkt einfach nur geschmacklos. Die schauspielerische Leistung ist unterirdisch. Für mich persönlich eine echte Katastrophe, die dem Gesamtwerk einen deutlichen Abzug kostet.
      Der letzte Teil von Andreas Marschall mit dem Titel Alraune war für mich dagegen ein echtes Meisterwerk. Man merkt deutlich, dass der Regisseur nach seinem letzten Film (Masks) deutlich zugelegt hat und hier eine sehr inspirierende und stimmige Geschichte erzählt, die stellenweise beinahe an Cronenberg erinnert. Allein hierfür hat sich der Kauf der Blu-ray für mich gelohnt, auch wenn mir die deutsche Synchro etwas gefehlt hat.

      Alles in allem ist German Angst mit Sicherheit kein durchweg sehenswerter Film. Der Ankündigung, man wolle die deutsche Horrortraditon der 20er wiederbeleben, wird eigentlich nur Andreas Marschall gerecht und das ist letztlich auch der Regisseur, von dem man in Zukunft hoffentlich noch Größeres erwarten darf.

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von „Medardus“ ()

      Ja, Zimmer 205 fand ich auch super. Auch wenn er sich ein wenig am gängigen Horrorfilm orientiert, ist da wirklich ein toller und eigenständiger deutscher Film bei herausgekommen. Großartige schauspielerische Leistung auch von Jennifer Ulrich.
      Radio Silence hat leider nicht so meinen Geschmack getroffen. Der letzte Angestellte läuft übrigens auch gerade bei Maxdome.
      Ich denke, dass diese zweigeteilte Meinung sicher auch damit zu tun hat, dass vor allem Buttgereit eine eingeschworene Gruppe an Fans hat, die ihn praktisch vergöttern. Und Hardcore-Fans sorgen immer an allen Ecken und Enden für viel Wirbel, was dann meist ein ungefiltertes, einseitiges Bild ergibt. Persönlich konnte ich mit Buttgereits Werk noch nie viel anfangen. Den Kunstaspekt fand ich immer eher erzwungen, und der psychologische (und oft erwähnte) Unterbau entspricht meiner Meinung nach eher Hausfrauenpsychologie. Trotzdem werde ich mir bei Gelegenheit 'German Angst' angucken - vor allem wegen dem Film von Andreas Marschall. Der Mann hat visuelle Einfälle, dass es eine Freude ist. Er bräuchte bloss mal jemandem, der ihm ein gutes Drehbuch schreibt. Und vor allem benötigt er gute Schauspieler.

      Letzthin hab ich ebenfalls 'Zimmer 205' geguckt und war im Grossen und Ganzen positiv überrascht, obwohl der Film zu viele verschiede Elemente aufweist und dadurch auf mich etwas unfokussiert wirkt.

      HarryW schrieb:

      Der Mann hat visuelle Einfälle, dass es eine Freude ist. Er bräuchte bloss mal jemandem, der ihm ein gutes Drehbuch schreibt. Und vor allem benötigt er gute Schauspieler.


      Oh ja, das habe ich mir bei Masks auch gedacht. Der Film hätte ein echtes Kleinod werden können, wenn die Hauptprotagonistin nicht mit einer absoluten Laiendarstellerin besetzt worden wäre. Bei Marschalls Kurzfilm für German Angst bekommt man zumindest schon mal einen kleinen Eindruck, wie das Ganze mit weitaus besseren Schauspielern bei ihm mit aussehen könnte. Das ist aber natürlich alles eine Kostenfrage und derlei Projekte werden auch sicherlich nicht sonderlich durch Filmförderungen unterstützt. Zudem befürchte ich, dass Andreas Marschall eher von seiner Betätigung als Maler und Illustrator lebt und das Filmemachen eher als idealistische Leidenschaft betreibt.