Ein Gänsekiel aus Schwermetall von Michael Tillmann

      Ein Gänsekiel aus Schwermetall von Michael Tillmann


      Wie mir Boris Koch gestern mitteilte, ist das Buch jetzt erhältlich.












      Ein Gänsekiel aus Schwermetall

      Michael Tillmann
      Medusenblut 20, 201 Seiten, Pb, ISBN 978-3-935901-14-7
      13.00 €

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      Aus dem Inhalt:



      Was soll man von einem Autor halten, der in einem Atemzug literarische Klassiker und Heavy Metal Lyrics als Inspirationsquelle angibt?

      Was soll man von einem Autor halten, der eine Geschichte über die psychischen Probleme einer personifizierten Spiegelfläche schreibt, und dann eine Erzählung über einen Zombiejäger auf Überstunden nachlegt?

      Entweder wird dieses Buch ein Sammlerstück für Kuriositätenfans oder aber es ist der Beginn einer großen Karriere. Vieles spricht für die zweite Variante, denn Michael Tillmann hat ja die dunklen, schwerttragenden und bierkrugschwingenden Götter des Metal auf seiner Seite!
      Und wer will denen widersprechen?

      Über den Autor:



      Michael Tillmann wurde 1969 in Gelsenkirchen geboren. Nach einer Ausbildung zum Elektroinstallateur absolvierte er die Abendschule. Neben Arbeit und Schule verpflichtete er sich zusätzlich im Katastrophenschutz. Es folgte ein Studium der Ökologie, welches er als Dipl.–Umweltwissenschaftler abschloss. Inzwischen arbeitet er als Qualitätsmanager in der Lebensmittelindustrie. Er hat etwa vierzig Kurzgeschichten und Erzählungen in einschlägigen Phantastik- und Science Fiction-Publikationen veröffentlicht.
      Näheres unter michaeltillmann.de

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      Ein Gänsekiel aus Schwermetall I

      T.H. schrieb:

      Na, das Cover ist schon mal großartig!


      Das Cover ist ein Geniestreich. Es stammt von dem Maler Heinrich Kley und heißt "Die Krupp'schen Teufel". Zur Zeit ist es noch bis zum 31. Oktober im Industriemuseum Heinrichshütte in Hattingen in der Ausstellung "Helden" zu sehen. Heinrich Kley kam mir aber auch aus anderem Zusammenhang bekannt vor - ein wenig gegooglet und - klar: Er hat seinerzeit auch für den Orchideengarten u.a. gezeichnet, war also ein Zeitgenosse von beispielsweise Ewers und Strobl. Insofern passt es kongenial als Cover für dieses Buch: Der Autor schreibt fantastische Geschichten - übrigens durchaus im Sinne damaliger Grotesken, wie man sie im Orchideengarten lesen konnte. Und er stammt aus Gelsenkirchen.

      Stahl und Heavy Metal durchziehen dann auch irgendwie das gesamte Buch (= die Storys, die ich bisher gelesen habe).

      Stählernes Singen ohne Reflexion

      So sperrig der Titel, so schwerfällig erscheint zunächst die Umsetzung. Musste mich schon sehr auf den Anfang (der ein akademisches Gespräch wiedergibt) konzentrieren, um hineinzufinden. Na ja, und ob deutsche Autoren geeignet sind, sich in japanische Samurai-Mentalitäten hineinzuversetzen, weiß ich auch nicht. Das Ganze ist dann eine Art märchenhafte Spukgeschichte, letztlich dann doch ganz unterhaltsam erzählt - und mit einem Schluss, wie ihn wohl nur jemand schreiben kann, der im Ruhrgebiet wohnt. Wobei: Ich mag diesen aktuellen Bezug ausdrücklich!

      Warum ich jetzt keine Überstunden mehr mache?

      Nette Zombie-Groteske

      Schneeweiße Vogelspinnen

      Für mich so etwas wie ein erster Höhepunkt. Ein irrer Mix aus Traumsequenz, Alltagsfrust- und lust, gehöriger Gesellschaftskritik, Gotteserfahrung und letztlichem Scheitern. Zudem habe ich vor zwanzig Jahren auch noch all die Songs gehört, von Alice Cooper bis Gamma Ray, bei denen der Protagist (Hartz IV-Empfänger) seinen Power Metal-Hammer zückt und seine Frau beglückt.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von „Uwe“ ()

      Ein Gänsekiel aus Schwermetall II

      Vorweg mal eine Frage: Mir gefallen die Storys so gut, dass ich gerne Michaels alte Storysammlung, die seinerzeit in der GOBLIN PRESS erschienen ist, lesen würde. Hat die zufällig jemand abzugeben?

      Zu den weiteren Storys:

      Stahlarbeit

      Quasi Michael Tillmanns alternativer Beitrag zu Grönemeyer Ruhr-Hymne 2010. Statt Verklärtheit schonungslose Abrechnung mit so manchem Ruhrpott-Klischee. Als Inspriation diente das Titelbild des Buches . Doch auch hier dreht der Autor den Spieß um: Heinrich Kley verklärte auf seinem Gemälde die Maloche im Stahlwerk im Sinne der Bezähmung der Elemente. Die Arbeiter bzw. die Herren Krupp & Co beherrschen die Teufel des Feuers und der Energie. Heute würde man das BIld eher als Allegorie auf die Ausbeutung der Arbeiter deuten - und die Teufel sind die Herren mit den weißen Westen. Dieser Interpretation folgt denn auch der Autor in "Stahlarbeit". Wenn man so will, ist das Urban Fantasy. In dieser Art würde ich gerne mehr lesen. Äußerst gelungen.

      Der letzte Mönch mag nicht scheiden

      Tja, was macht man mit einem Black Metal-Sänger, wenn dieser von einem gottesfürchtigen Mönch besessen ist? So einfach exorzieren ist da nicht ... Äußerst groteske und amüsante Story, die mit allen Klischees so richtig aufräumt, nebenbei auch noch wirklich gruselige Elemente in sich trägt und am Ende völlig ausflippt à la "From Dusk till Dawn".

      Fingernägel

      Hier spinnt der Autor zur Abwechslung mal gruseliges Hexengarn à la M. R. James und erzählt eine imaginäre Legende aus Arnsberg - natürlich nicht, ohne dass diese nicht auch in der Gegenwart ihre Schatten wirft ...
      Insgesamt mag ich die Schreibe von Michael Tillmann sehr gern. Technisch, messerscharf, wie flüssiges Metall. ;) Die Geschichten, die sich in dem Band versammeln, liegen keinem auf sich aufbauenden Konzept zugrunde, ein Sammelsurium vielfältiger Ideen, deren einziger Zusammenhalt Heavy Metal ist. Viele rotzen bissigen Sarkasmus, meistens sind es die Geschichten, die mir persönlich nicht so gefallen haben, sie waren mir zu weird. Uwe hat ja schon den Vergleich zu "From Dusk till dawn" gezogen, den finde ich sehr stimmig, aber mir hat zum Beispiel die erste Hälfte sehr gefallen und die zweite hat mich doch eher gelangweilt. Zumindest hat mich keine Geschichte in dem Band gelangweilt, aber meiner Meinung nach hinterlassen die stillen, ernsten Geschichten einen bleibenderen Eindruck. Für mich waren das Stählernes Singen ohne Reflektion, Fingernägel, Bekenntnisse einer Spiegelfläche und die Heimkehr eines Königs.

      Gerade "Bekenntnisse einer Spiegelfläche" ist für mich eine herausragende Geschichte, ich habe selten etwas besseres gelesen. 10 Punkte!

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von „vincentvoss“ ()

      Mir gefällt die grundsätzliche Bandbreite an Geschichten und die verschiedenen Stile, mit denen Michael Tillmann arbeitet. Hut ab! Allerdings konnten mich trotzdem nicht alle Geschichten überzeugen. Gut unterhalten haben sich mich aber allem - und somit freue ich mich auch auf den neueren Band von ihm.

      Was die 'Top-Storie' betrifft, da geht es mir wie Vincent ... 'Bekenntnisse einer Spiegelfläche' sticht eindeutig heraus. Aber auch 'Fingernägel' und 'Heimkehr eines Königs' fand ich grossartig.