Zwielicht 6

      Hallo Marcus,

      endlich jemand, der Zwielicht 6 gelesen hat und eine Rückmeldung gibt. Das Interesse an der Zwielicht Reihe scheint mir ein wenig verhalten. Das sieht man einerseits an dem Mangel an Rückmeldungen zum Buch, andererseits auch am Mangel an Einsendungen für Zwielicht 7 (bzw. Mangel an veröffentlichungswürdigen Geschichten, Einsendungen gab es doch schon viele).
      Ich bin mir im Moment ein wenig unschlüssig. Die Idee, Zwielicht zweimal im Jahr zu veröffentlichen entsprach ja der Ursprungsidee, die aber aus diversen Gründe nicht umgesetzt werden konnte. Aber Anthologien sprießen im Moment wie Pilze aus dem Boden und vielleicht ist da weniger mehr und wir sollten Zwielicht auf jährliche Erscheinungsweise umstellen.

      Die Titelbilder: Björn hat ja bisher 4 Cover gestaltet. Und sie sind sehr unterschiedlich, trotz seine gut wiedererkennbaren Stiles. Du fandest das Cover der 4 stark, mir gefiel vor allem die 5, die z.B. Achim nicht so gemundet hat, er fand wieder die 6 besser.
      Ich finde gerade diese Abwechslung, diese unterschiedlichen Motive, hebt Zwielicht aus der Masse. Wenn man sich die Bilder von manchen Reihen anschaut, ist es schwer, die einzelnen Bände zu unterscheiden. Björns Grafiken zeigen Kante und da ist es gut, wenn die Geschmäcker unterschiedlich sind und wenn man das eine besser, das andere schlechter findet. Und das Cover dieser Ausgabe ist wirklich ein wenig sperrig, aber ich finde es großartig.

      Zu den Geschichten: Gerade Absurde Logik habe ich mit großem Vergnügen gelesen und kann deine Abneigung gar nicth verstehen. Allerdings, das muss man einräumen, sind die Geschichten in dieser Ausgabe ein wenig anders. Absurde Logi hat nicht diese Ernsthaftigkeit, die viele Horrorgeschichten begleitet, sondern ist ein wenig "locker-flockig". Ich fand die wirklich großartig, genauso wie die skurille Huhn auf dem Klavier Geschichte, bei der ich aber verstehen kann, das die nicht jedem gefällt.

      Schlechteste Zwielicht Ausgabe: Ja, als ich mit Zwielicht anfing, hatte ich mir erhofft, dies nicht gerade über Ausgabe 2 zu hören. Irgendwann kommt die schlechteste Asugabe und das ist immerhin ein Zeichen, das man eine "langlebige" Reihe erschaffen hat, also trotz aller Kritik auch eine Adelung des Herausgebers.
      Was du aber, auch wenn wir die Geschichten hier und da sehr unterschiedlich bewerten, nicht vergessen darfst: Wenn du die beiden lange Geschichten weglässt, sind es insgesamt gar nicht mehr so viele. Und ich finde, Max Hensig ist eine wirklich bemerkenswerte Story, wo man nicht verstehen kann, warum diese eine solch lange Zeit unübersetzt blieb. Und sie ist mit rund 100 Seiten ja auch ein ganz schöner Brocken.
      Und du hast natürlich dein 60seitiges Epos vergessen, das mit Sicherheit ein oder der Highlight der Ausgabe ist. Das nützt dir jetzt nichts, weil du die Geschichte ja als Leser nicht genießen kannst, aber darf eigentlich bei der Gesamtbetrachtung nicht fehlen.

      Ja, das klingt jetzt alles so als wollte ich dir deine Meinung madig machen. Ist aber auf keinen Fall so. In Hinblick auf die ausstehende Ausgabe 7 werde ich mir deine Kritik auf jeden Fall zu Herzen nehmen und im Zweifel die Ausgabe lieber nach hinten schieben als mir anhören zu müssen, Zwielicht 7 wäre die mit Abstand schlechsteste Ausgabe, das ist mal sicher.

      Bis bald,
      Michael
      Hab's noch nicht gelesen, werde das aber sicher irgendwann tun. Es liegen nämlich noch Zwielicht 3 und 4 (nebst geschätzten 20 anderen Anthos) auf meinem SUB, und da will ich vorher noch die eine oder andere lesen, bevor ich noch mehr Material anschaffe. Persönlich erscheint mir eine Umstellung auf einen einjährigen Rythmus sinnvoll, da bestünde dann auch mehr Zeit, um wirklich an tolle Stories ranzukommen.
      Ich glaube auch, dass ein jährlicher Veröffentlichungsrhythmus unter den gegebenen Umständen besser wäre. Es gibt derzeit einfach zu viele Anthos und das Interesse an Kurzgeschichten-Bänden erscheint mir ohnehin abnehmend.

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      HarryW schrieb:

      Hab's noch nicht gelesen, werde das aber sicher irgendwann tun. Es liegen nämlich noch Zwielicht 3 und 4 (nebst geschätzten 20 anderen Anthos) auf meinem SUB, und da will ich vorher noch die eine oder andere lesen, bevor ich noch mehr Material anschaffe. Persönlich erscheint mir eine Umstellung auf einen einjährigen Rythmus sinnvoll, da bestünde dann auch mehr Zeit, um wirklich an tolle Stories ranzukommen.


      Hast du überhaupt schon eine Zwielicht Ausgabe gelesen?

      Edit: habe gerade nachgesehen und mir die Frage selbst beantwortet.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von „Mammut“ ()

      Micha, schöne Rückmeldung. Du weißt, dass ich lieber mehr sage als weniger. Du hast eine schöne Reihe gemacht und mit Craig auch einen wunderbaren Illustrator gefunden. Das sind alles Fügungen, die ich als wahrscheinlich bester Kritiker der Reihe nie unterschätze. Meine Kritik ist auch immer (bei aller Schärfe) wohlwollend gemeint. Ach ja, und ob sich das dann alles verkauft ist zum Glück nie in meinem Interesse gewesen - aber ich wollte immer gute Geschichten - die besten - und ich freue mich wie gesagt da noch auf die Übersetzung.
      Dass du bitte um Himmels Willen keine zwei Ausgaben pro Jahr herausgibst, wenn das Material dafür nicht hinreicht, ist selbstverständlich - wenn du ein anderes Gefühl bei den Einsendungen hast und dann Schelte einheimst, sollte dich das kalt lassen, denn Überzeugungen lassen sich schwer zerkritisieren.
      Der Markt mag überschwemmt sein wie er will, aber ich weiß, dass ich in der Reihe schon viele beschissen gute Leute gelesen habe - da hat es nie an Abwechslung gefehlt. Dass die nicht immer alle Zeit haben, ist nach eigener Erfahrung eine Selbstverständlichkeit.
      Ach so, und ich freue mich natürlich, dass der Markt "überschwemmt" ist, denn für eine Leser - der ich auch immer viel lieber war - ist das natürlich endlich mal wieder ein Glücksfall - schlimmer ist schließlich die Einöde. Wenn es da wimmelt, dann entwickelt sich auch was...

      Beste Grüße, auch an Harald, den offensichtlich sein Lesegewissen gepackt hat - sei cool, man kann nicht alles lesen und schreiben...

      Marcus schrieb:


      Der Markt mag überschwemmt sein wie er will, aber ich weiß, dass ich in der Reihe schon viele beschissen gute Leute gelesen habe - da hat es nie an Abwechslung gefehlt. Dass die nicht immer alle Zeit haben, ist nach eigener Erfahrung eine Selbstverständlichkeit.
      Ach so, und ich freue mich natürlich, dass der Markt "überschwemmt" ist, denn für eine Leser - der ich auch immer viel lieber war - ist das natürlich endlich mal wieder ein Glücksfall - schlimmer ist schließlich die Einöde. Wenn es da wimmelt, dann entwickelt sich auch was...


      Der erste zitierte Abschnitt freut mich ungemein. Und dem zweiten kann ich auch nur zustimmen. Wenn vieles Gutes erscheint, kann sich wirklich niemand beschweren. Ganz im Gegenteil. Und vielleicht ist das ja auch die Geburtstunde des Neuen Deutschen Horrors. Das wird man aber wie immer erst im Rückblick ermessen können.
      Christian Weis - Kleiner Vogel flieg!

      Der Höhepunkt zu Beginn. Konzentration auf einen einzelnen Handlungsstrang, der sich pfeilgerade zum Höhepunkt entwickelt. Gut.

      Henrike Curdt - Das letzte Müsli

      Gefällt. Kein Klassiker, aber solide Kost. Wollen wir hoffen, dass Vater oder Mutter das Heimlich-Manöver beherrschen.

      Jörg Kleudgen - Penventinue

      Gut, aber mich beschleicht das Gefühl, dass dem Text ein weiterer Bearbeitungsgang gut getan hätte. Vielleicht fehlt eine Herausarbeitung des Hauptaspekts (der Kelch oder das Portal), vielleicht fühlte ich mich als Leser aber auch leicht verschaukelt: Klar, die Aufklärung widerspricht nicht den vorausgegangenen Szenen, strapaziert die suspension of disbelief aber gehörig. Egal, Penventinue hat mich dennoch gut unterhalten.

      Tanja Hanika - Wer den Schorchengeist schimpft ...

      Angesichts historischer oder lokaler Settings renne ich schreiend davon. Trotz dieser Prämisse fand ich diese historische Lokalgeschichte gar nicht mal schlecht, allerdings ziemlich lang für die simple Story.

      Jerk Götterwind - Ich liebte ein Zombiemädchen

      Flash fiction, ein Bein in Shaun, das andere im Death-Metal. Kann man machen. Startet im Kopf die Vision einer deutschen Shaun-Variante, die statt in der englischen Pub-Szene in der deutschen Metal-Szene spielt. Andererseits, bei der deutschen Schauspielerriege, die sich da wieder aufdrängte - lassen wir das lieber.

      Lothar Nietsch - Zertifiziert

      Schöne Groteske. Die Form so trocken wie der Humor des Inhalts. Passt.

      Marcus Richter - Whatever really Happened to LIttle Albert

      Damit hatte ich meine Probleme. Es waren die unnötigen Schachtelsätze und Redundanzen, die das Vergnügen trübten, bis mich die Auflösung am Ende schon gar nicht mehr interessierte. Sehr schade, denn die Ingredienzen sind alle da. Ein, zwei weitere Überarbeitungs- und insbesondere Kürzungsgänge hätte die Story nötig gehabt. Straffung, Pointierung. Mehr als 40 Seiten gibt die Geschichte in meinen Augen nicht her, höchstens. Wirklich schade, aber so sind die guten Stellen zu verwässert.

      Tanja Wendorff - Das Huhn auf dem Klavier

      Die ersten Passagen hatten mich geschockt: Vergleich, Metapher, dann noch ein Vergleich und noch eine Metapher. Gruselig, aber nicht im Genresinne. Dann wird die Kurve genommen zu einem soliden Geisterhorror, so dass in der Rückschau bleibt: Okay. Bei dem Titel musste ich übrigens an Loriot denken, auch wenn bei ihm kein Huhn auf dem Klavier hockt.

      Michael Tillmann - Mit H.P. Lovecraft auf dem Bahnhofsklo

      Eher Glosse denn Kurzgeschichte, wieso nicht? Gut geschrieben allemal.

      Die Blackwood-Story und die Sachartikel hebe ich mir auf. Fazit: Ohne eine andere Zwielicht-Ausgabe zu kennen halte ich diese für gelungen. An anderer Stelle schrieb Michael ja etwas von Breite ja, Spitze nein, das trifft hier auch zu. Aber so what? Klassisches Resümee: Hätte ich mir auch so gekauft. Ganz allgemein noch eine Anmerkung: Mir sind (z.B. auf Seite 106 ganz unten) an vielen Stellen fehlerhafte Leerzeilen aufgefallen. Und noch eine Spitzfindigkeit: Ich bevorzuge »französische Anführungszeichen« sowie kein Einrücken der ersten Zeile nach einer Leerzeile.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von „Sascha Luetzeler“ ()

      Sascha Luetzeler schrieb:

      Fazit: Ohne eine andere Zwielicht-Ausgabe zu kennen halte ich diese für gelungen. An anderer Stelle schrieb Michael ja etwas von Breite ja, Spitze nein, das trifft hier auch zu. Aber so what? Klassisches Resümee: Hätte ich mir auch so gekauft. Ganz allgemein noch eine Anmerkung: Mir sind (z.B. auf Seite 106 ganz unten) an vielen Stellen fehlerhafte Leerzeilen aufgefallen. Und noch eine Spitzfindigkeit: Ich bevorzuge »französische Anführungszeichen« sowie kein Einrücken der ersten Zeile nach einer Leerzeile.


      Na, das klingt ja nicht so schlecht. Das mit der Spitze ist auch nicht immer leicht und natürlich hat auch immer jeder anderes im Sinn, wenn er von herausragenden Geschichten spricht.

      Mir persönlich sagen die französischen Anführungszeichen nicht so zu, aber das ist ja Geschmackssache.

      Ich bin dann mal auf weitere Meinungen gespannt, es waren ja einige, die Zwielicht 6 auf dem Marburg Con erworben haben. Und vielleicht liest ja auch noch jemand Max Hensig, den fand ich persönlich sehr lesenswert.

      Die ersten Geschichten für Zwielicht 7 stehen übrigens fest und wenn nichts dazwischen kommt bzw. noch ein paar Hochkaräter in der Redaktion eintreffen, wird Zwielicht 7 bis Ende des Jahres erhältlich sein.
      Ich habe übrigens jetzt auch den Hensing durch, und ich muß sagen, ich habe am Ende schön gelacht, weil das Nachwort(das ich wie immer neugierig irgendwann in der Mitte des Textes vorgezogen habe) so wunderbar zutreffend war. Ja, das Ende ist nahezu banal für diesen wunderbaren Kosmos, den sich Blackwood heranzimmert. Er baut alles wie eine schwankende Pyramide auf, die Spannung auch, um dann einfach so lala aus der ganzen Sache herauszupazieren und zu sagen, das wars dann Leute, solong. Allerdings hat er diese Enttäuschung, welche sich zwangsläufig beim Leser aufbauen muß, durch einen sehr schönen Schlußsatz abgefangen, bei welchem jemand etwas davon sagt, dass er noch mehr in der Sache hätte unternehmen können, um noch mehr Punkte zu sammeln - ja, das hätte er! Aber wie bei meiner Tochter, kann ich dann einfach nicht schimpfen, wenn jemand so keck und ehrlich daher kommt. Die Geschichte hat darüber hinaus noch ein paar wunderbare Querverweise in die Zeit, einmal die Sache mit dem Alkohol(auch einer der Gründe, warum ich lachen mußte, denn ich sehe da nicht viel dramatisches, sondern las immer nur diese Verherrlichung des Trinkers heraus, welcher ständig um Kontrolle bemüht ist, gleichzeitig aber dem Alkohol wahrheitsfindende und geradezu mystische Eigenschaften zuschreibt - ich erinnere mich, dass ich selbst mal im Suff glaubte, ich hätte das Universum und alles verstanden, nur konnte ich mich am nächsten Tag verflixtnochmal nicht mehr daran erinnern!!!!), tja und ann waren da noch diese schönen Querverweise auf die Deutschen, wie sie von Blackwood einsortiert wurden. Ich will da garnicht so sehr ins Detail gehen - man muß sich da selbst ein Bild machen und die Geschichte lesen. Alles in allem ist die Geschichte ein sehr schönes Zeitbild, man liest von den Deutschen und wie sie(im Speziellen Hensing) eine Bedrohung darstellen(übrigens gab es zu der Zeit - 1907 - wohl noch den Stadtteil Little Germany in New York, welcher 1908 ,meines Wissens nach, quasi aufhörte zu existieren), dann ist da diese Sache mit dem Alkohol und seiner Verklärung, Prohibition, die Bestie Medien, die in all ihrer Widerwärtigkeit auftritt, tja, und dann ist da noch diese aufkeimende Thematik Massenmörder, welche Blackwood durch das "Aufkeimen " der modernen Wissenschaft zu würzen versucht - er ging da damals wohl einen ganz neuen Weg, was man auch merkt, denn ihm fehlen die Bezüge, die Erkläungen. Er hatte eine tolle Idee. Aber wie sollte er einen Massenmörder in diesem neunen Stil authentisch charakterisieren? Es gelingt ihm nicht - vielleicht war das auch ohne die notwendigen realen Bezüge unmöglich. Das ist dann auch einer der Gründe, warum die Figur des Max Hensing absolut blass bleibt - er ist nur ein Bild aus einer Zeitschrift, mit blonden Harren, blauen Augen und starrem Blick -ein Foto - noch kein Mensch. Aber ich muß sagen, dafür hat mir die Geschichte außerordentlich gut gefallen. Wie gesagt ein tolles Zeitzeugnis - mitunter beklemmend.

      Grüße Marcus
      Hups, die General Slocum Katastrophe war ja schon 1904 - da müssen wir wohl noch etwas umdenken. Dann schrieb Blackwood seinen Text also zwei Jahre nach dessen Zerfall. Was das jetzt in allen Einzelheiten für unseren vorliegenden Text zu bedeuten hat, kann ich leider nicht sagen - aber es regt meine Gedanken an. Auch dafür Danke an den Übersetzer und auch danke für das Nachwort, das so viele Überlegungen zulies.

      Marcus

      Marcus schrieb:



      Das ist dann auch einer der Gründe, warum die Figur des Max Hensing absolut blass bleibt - er ist nur ein Bild aus einer Zeitschrift, mit blonden Harren, blauen Augen und starrem Blick -ein Foto - noch kein Mensch. Aber ich muß sagen, dafür hat mir die Geschichte außerordentlich gut gefallen. Wie gesagt ein tolles Zeitzeugnis - mitunter beklemmend.

      Grüße Marcus


      Sollte die Figur nicht eine Schablone sein? Max Hensig ist ja das Bild des Bösen für den Reporter. In ihm projeziert er seine Ängste. Auch ist das Deutschlandbild wohl eher schablonenhaft, so wie man es heute kennt. Wenn sich jemand einen Ossi, einen Bayer, einen Türken oder einen Ami vorstellt, hat er meist ja auch ein difusses Bild vor sich, das meist auf Vorurteilen beruht und sich erst ändert, wenn es sich um eine reale Person handelt. Vielleicht wollte Blackwood den Deutschen bewusst überzeichnen, um gerade so zu zeigen, das ein solches Bild eher irrational ist. Immerhin traut der Reporter Hensing fast übersinnliche Fähigkeiten zu. Und natürlich hat Hensing chemische Fähigkeiten, die vielleicht auch seiner Herkunft geschuldet sind.
      Ich finde, der Hensig hat schon Profil, gerade in dem, was nicht direkt ausgeführt wird.
      Hi Marcus,

      vielen Dank für's Lesen, die intensive Auseinandersetzung und den erfreulichen Kommentar (deine Kommentare sind btw. nicht weniger lesenswert, als deine Geschichten).

      Diese Geschichte hatte ich (aufgrund der guten Reviews zum englischen Original) übersetzt, ohne sie vorher zu lesen, und natürlich hatte ich am Schluss auch dieses "Oh - war das alles?" - Gefühl. Aber das, was sie mir bis zu diesem Punkt an Unterhaltung und Atmosphäre gegeben hat, hat dieses Gefühl recht schnell wieder verblassen lassen.
      Hensig ist sicher das Original eines Abziehbilds (auch wenn ich seinen gelegentlich aufblitzenden Zynismus als durchaus geistreich empfinde), aber die andern Jungs sind brutal aus'm Leben. Von denen ist sicher nicht einer "synthetisch".

      ganz lieben Dank nochmal

      Achim

      PS: Kurz zum Deutschlandbild : Es ist mM schon ein etwas anderes im Vergleich zur Nazizeit oder auch zu heute. Aussagen wie "Wir warten noch auf Anweisungen aus Berlin" deuten eher auf eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe und gegenseitigem Respekt. Als Schablone kannte Blackwood sicher eher Willem zwo und seine eigenwilligen Uniformen. Und da er Brite war hat er sicher auch die Sicht des "perfiden Albion" auf den Konkurrenten nicht ganz abschütteln können.
      Ja, Rowlf, bei dem Deutschlandbild muss man ganz vorsichtig sein, ich hab das auch versucht, anzudeuten, schließlich steht da alles in einem kulturellen Kontext, den man ohne exaktes Hintergrundwissen schnell verkennen kann - gerade weil zwischen damals und heute soviel mit dem Deutschlandbild geschehen ist, dass man oft versucht ist, Bezüge herzustellen, wo mitunter keine existieren. Wie gesagt gab es damals ganz sicher eine einflussreiche und wohl auch angesehene Deutsche Gemeinschaft in N.Y.C, welche nach 1904 zerfiel und sich auch neu ansiedelte. Es gibt in der Geschichte von Blackwood auch so einen Abschnitt, wo ganz kurz von den "anderen Deutschen" gesprochen wird, die von Hensing keine große Meinung hatten - er sei schon immer so und so gewesen(ich weiß nicht, ob ich mich da recht entsinne) - aber diese anderen Deutschen waren für den Erzähler ja wohl eine glaubhafte Quelle, da hörte man nicht heraus, dass die Deutschen an sich so und so beschaffen wären. Eher konnte ich da eine Art von Rechtschaffenheit und Ehrlichkeit heraushören. Naja, aber das ist ja auch gar nicht der Kern des DeutschenBildes, welches Blackwood widerspiegelt, den die Deutschen treten in der Erzählung in vielen verschiedenen Facetten auf - es gibt da gar kein klares Bild, sondern verschiedene Gruppierungen und zwischen ihnen Hensing, der keineswegs den persé Deutschen darstellt.
      Aber wie auch gesagt, das ist alles sehr interessant und man kann, wenn man will, da eine ganze Weile nachdenken. Und ich glaube auch, dass die Sache mit den Deutschen an der Erzählung nicht das Spannendste ist, sondern dieses Bild der Journaille, welche Blackwood geradezu als einen Haufen besoffener, triebgesteuerter Köter darstellt, welche sich um den besten hingeworfenen Knochen balgen. Da ist mein Focus und weil Blackwood gerade da so genau schreibt, finde ich seine Erzählung so spannend und so gelungen - der Schluß interessiert da schon fast
      nicht mehr.
      SO, jedenfalls hab ich auch noch die Sachtexte gelesen. Hantsch und Neugebauer waren wieder große Klasse, auf die Jungs ist einfach Verlass. Ich will da auch gar nicht ins Detail gehen. Beide Texte waren klasse.
      Der erste Sachtext war auch nicht schlecht, jedenfalls gut geschrieben, aber er hatte so einige Mankos. Es wurde mir da zu viel behauptet, Lovecraft wäre "eigentlich" so und so gewesen. Aber solche Behauptungen hören sich immer schön an, aber ich will dann einen Beleg dafür im Text haben, ansonsten kann man alles mögliche behaupten - ja, alle anderen liegen falsch, Lovecraft war ganz anders, aber das muss man selber lesen und selber herausfinden - nee, eben nicht, eine Behauptung muss immer irgendwo eine Untermauerung durch Zitate finden. Da gab es für mich zu wenige Zitate und zu viele euphorische Möglichkeiten. Alles in allem las sich der Text sehr gut als Vorwort für eine Lovecraft-Antho, aber als Sachtext, welcher irgendwo nachprüfbare Informationen über Literatur und Autor bietet war der Text ein my zu reißerisch. Trotzdem, lies sich gut lesen - handwerklich ganz gut gemacht.

      So, das wars von mir zum Inhalt, danke Rowlf für das Lob - es geht zurück für die Übersetzungen.
      Was meine eigenen Text angeht, ich muß nochmal darauf hinweisen(falls er dem einen oder anderen hie und da ein wenig zu langatmig erscheint), ich habe mich nicht umsonst dazu entschieden auf etwa 40 Seiten zusätzlichen Materials, in welchem eine nahezu meditative Rückschau in die 70er Jahre stattfinden sollte, im Namen der Leserfreundlichkeit zu verzichten - es hätte die Erzählung unscharf gemacht, wie ich fand. Aber ich hab eigentlich nichts gegen Unschärfe. Unschärfe kann ein anderes Licht auf eine Sache werfen. Man muss sich da natürlich immer im Klaren drüber sein, dass man ein Risiko eingeht. Aber wen interessiert das schon...

      Beste Grüße,
      Marcus
      Nachtrag: Max Hensig, eine gute, eine spannende, eine teils zäh erzählte Story. Sicher nicht Blackwoods beste, aber mit sehr gut ausgespielten Versatzstücken. Im Nachwort des Übersetzers wird Hannibal Lecter erwähnt, den das Bild des genialen Killers hinter Gittern heraufbeschwört. Genau so ging es mir bei der Lektüre auch. Was mir aber nicht gefiel, war die unangenehme Fehlerdichte bei Zeichensetzung und Rechtschreibung. In einigen Passagen häuften sich die Fehler derart, dass der Lesefluss Schaden nahm.

      Der unerwartete Höhepunkt der Ausgabe: Die Sachtexte. Der erste über Lovecraft gleicht eher einer Festschrift, viel Neues erfährt man nicht, aber es wird aus dem besten Buch über Lovecraft überhaupt zitiert, wenn auch nur aus dem Vorwort von Stephen King: Michel Houellebecqs »Gegen die Welt, gegen das Leben«. DAS Buch über H.P. Lovecraft, das zu lesen sich lohnt.

      Der nächste Text über Jonathan Carroll hat mich dazu bewogen, mir endlich ein Buch von ihm zuzulegen. Es ist seltsam, aber wegen der Namensgleichheit zu Lewis Carroll hatte ich Jonathan Carroll unreflektiert ins vorletzte Jahrhundert gepackt und gedacht: Naja, ein anderes Mal. Was ich jedoch in Neugebauers Text an Leseproben und Plotumrissen vorfand, trifft zu einhundert Prozent meinen Geschmack. Klingt nach Murakami oder Auster. Ich bin SEHR gespannt.

      Zuletzt dann noch der ebenfalls gute Text über Bruno Schulz. Ein mir vollkommen unbekannter Name, mein Interesse hat die Abhandlung geweckt, wenngleich nach Lektüre einer Leseprobe der Verdacht aufkommt, dass das Vergnügen wohl eher ein rein Intellektuelles bleiben wird. Man muss für blumige Ausschweifungen schon ein Faible haben, meines ist arg begrenzt.

      Fazit: Zwielicht VI bietet einen ausgewogenen Querschnitt durch verschiedene Spielarten des Horrors, abgerundet durch Sachtexte, die Lust auf weitergehende Beschäftigung wecken. Schön, ein Teil dieser gelungenen Zusammenstellung zu sein.