Zwielicht 7

      So, jetzt kann ich mich mal in Ruhe „Zwielicht 7“ widmen. Das Buch liegt schon seit zwei Wochen hier und schreit förmlich danach, gelesen zu werden.
      Ich werde zwar ein Weilchen dafür brauchen, weil ich parallel auch andere Sachen lesen muss, dennoch möchte ich mich mit jeder Geschichte einzeln und auch möglichst ausführlich befassen. (Meine eigene lasse ich dabei natürlich außen vor!)
      Falls noch jemand anderes aus dem Forum das Buch liest, kann er ja gerne sagen, was er von den einzelnen Stories hält.

      Alyssa Wong: „Die Königin der Fischer“
      Diese Geschichte zeichnet sich besonders auf den ersten 10 Seiten durch einen geradezu malerischen, irgendwie mystisch wirkenden Schreibstil aus; durch greifbare Bilder, treffende Vergleiche, Metaphern etc. Jeder Abschnitt für sich ist wunderbar geschrieben, so dass ich die Fahrt auf dem Fischerboot gleich aus erster Hand miterleben durfte. Manche Sätze sind fast schon Poesie, da passt einfach alles zusammen. (Großes Lob auch an den Übersetzer!)

      Die furchteinflößenden Meerjungfrauen geben der ganzen Stimmung noch einen weiteren phantastischen Anstrich, der mir wirklich gut gefallen hat. Die für gewöhnlich als atemberaubend schön beschriebenen, eher menschlichen Wesen sind hier unheimliche Fische, die mich ein wenig an Lovecrafts Mischlinge aus Innsmouth erinnert haben.

      Was mich aber nicht völlig zufriedengestellt hat, ist das Ende der Story. Ich hätte auf die Erklärungen (die wirklich nur trocken runtererzählt werden) lieber ganz verzichtet und vielleicht nur einen der 3 Lösungswege angedeutet. Da wäre mehr für die eigene Interpretation übrig geblieben, wobei man auch so noch ein Weilchen über diese Story nachgrübeln kann.

      Der Anfang hat mir schon mal gefallen. Ich würde 4,5 von 5 Fischen dafür geben.
      Und weiter geht es:

      Ellen Norten: „Der Knochen“
      Meiner Meinung nach hätte diese Story ein wenig mehr Raum gebraucht, um sich wirklich entfalten zu können. Die einzelnen Szenen werden fast ausschließlich beschrieben, so dass es mir schwerfiel, mich in die Situation hineinzuversetzen; alles hätte ein wenig szenischer und weniger berichtend sein dürfen.
      Es gab zwar gruselige Anklänge, ein paar merkwürdige (Spuk?)Ereignisse, dennoch konnte mich der Plot nicht so recht mitreißen.
      Aus welchem Grund nimmt sie am Anfang überhaupt den Knochen mit, wenn der Großvater doch immer so verhasst war? Was hat der Vater-Sohn-Konflikt damit zu tun, dass der Knochen wieder verschwindet?
      Ich mag es zwar, wenn am Ende nicht immer alles zu 100% deutlich wird, aber hier sehe ich doch noch ein wenig Aufklärungsbedarf.
      Die Story ist ok, hat mich gut unterhalten, aber es wäre noch mehr drin gewesen.
      3 von 5 Knochen
      (Ihr habt die Latte mit Alyssa Wong einfach ziemlich hoch angesetzt.)

      ---

      Michael Tillmann: „Ein so guter Mensch, man könnte kotzen …“
      Puh, das wird nicht einfach.
      Wie soll ich über diese Geschichte urteilen, ohne gleich eine Diskussionsrunde zu eröffnen, in der Gutmenschen zur Nazikeule greifen und reaktionäre Patrioten ihren Fahnenmast polieren? Eine solche Auseinandersetzung will dieser Text natürlich provozieren, aber darauf gehe ich gar nicht erst ein. Ich nehme mal den Mittelweg, beiße in mein nicht veganes Mettbrötchen und trinke meinen Fairtrade-Kaffee.

      Auch ich versuche häufiger, aktuelle gesellschaftliche Diskurse oder den politischen Zeitgeist in meine Geschichten einfließen zu lassen. Solche Themen interessieren sowohl mich als auch die Leser (hoffe ich zumindest). Dabei gibt es jedoch eine Sache zu beachten, die ich mal mit einer eigenen kurzen Definition erklären möchte:

      Literatur bezieht selbst keine Stellung. Sie fordert den Rezipienten dazu auf, seine eigene Entscheidung zu treffen. Genau darin liegt der Unterschied zwischen Kunst und Propaganda.

      Dieser Text neigt leider aufgrund seiner einseitigen (sollte ich wirklich ‚undifferenzierten‘ sagen? :$ ) Ausrichtung eher dazu, Letzteres zu sein. Der Erzähler (und damit meine ich ausdrücklich nicht Michael Tillmann, denn der ist nur der Autor) präsentiert mir mit dieser Story eine erzieherische Anekdote, um mir seine eigenen Ansichten aufzuzwingen. Er will mich nicht zum Denken anleiten, sondern es vorwegnehmen und mir die Moral von der Geschicht als fertiges Ergebnis überreichen. Auf so etwas reagiere ich äußerst allergisch.

      Das Ganze ist natürlich in eine schön geschriebene Geistergeschichte verpackt, doch scheinen an allen Ecken und Enden die Versuche durch, ein Feindbild aufzubauen, um Vorwürfe zu erheben und sich über Andersdenkende lustig zu machen: Dr. Hirtenpfad-Rademacher wählt die Grünen, trinkt natürlich Dinkeltee, lebt vegan und macht Yoga.
      So kann man natürlich eine Figur charakterisieren, doch wirkt die Art und Weise, wie von diesen Eigenschaften berichtet wird, einfach nur gehässig; so als hätte jemand ein Ventil gebraucht, um seinen Frust loszuwerden.

      Ob es sich bei all den Dingen um Michael Tillmans eigene Ansichten handelt, wage ich hier gar nicht zu beurteilen. Die im Deutschunterricht gesuchte Autorintention (ich hasse dieses Wort) ist mir nämlich ganz egal, da man der sowieso nie auf die Schliche kommen kann.

      Ich möchte also nicht über die politischen Aussagen, sondern über den Wert des Textes als literarisches Kunstwerk urteilen. Und da bleiben bei mir nur 2 von 5 Dinkelbrötchen. Auch wenn die Story um den Geisterjungen wirklich etwas hergegeben hätte.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von „Karloff“ ()

      Karloff schrieb:



      Literatur bezieht selbst keine Stellung. Sie fordert den Rezipienten dazu auf, seine eigene Entscheidung zu treffen. Genau darin liegt der Unterschied zwischen Kunst und Propaganda.


      Hm, ich weiß nicht, ob man das so pauschal sagen kann. Man liest auf jeden Fall vieles, da ist die Trennlinie zwischen Kunst und Propaganda auf jeden Fall sehr dünn. :friends:
      Und wenn ein Text zu Kontroversen führt, ist das durchaus etwas, das der Literatur gut tut. Das man sich an der Geschichte reibt, war mir aber vorher schon klar. Nachdem Michaels Beitrag in Zwielicht 6 allerdings wenig Reaktion hervorgerufen hat, überrascht es dann doch ein wenig. Provokant ist die Geschichte auf jeden Fall.

      Karloff schrieb:

      Mammut schrieb:

      Hm, ich weiß nicht, ob man das so pauschal sagen kann.


      Meinst du, das müsste man 'differenzierter' sehen? :$ Ich nämlich auch.


      Na, der Gründer der Scientology ist nicht umsonst Science Fiction Autor. Und Robert A. Heinlein ist z.B. ebenfalls ein Autor, der mit seiner Meinung nach nicht hinter dem Berg hält. Ob man das gut heißen will oder nicht: Literatur und Propaganda geht ineinander über. Ich sehe da jetzt die strikte Trennung nicht. Ob das dann noch Kunst ist, darüber kann man streiten.

      Mammut schrieb:

      Und Robert A. Heinlein ist z.B. ebenfalls ein Autor, der mit seiner Meinung nach nicht hinter dem Berg hält.


      Ob das die wahre Meinung des Autors ist, kann kein Mensch sagen, außer der Autor selbst.
      Meine "Schützenfest"-Story ist z.B. aus der Sicht eines knallharten Rassisten geschrieben, deshalb heißt das noch lang nicht, dass ich einer bin.
      Aber genau aus diesem Grund war ich mir anfangs auch unsicher. Ich wollte ein heikles Thema
      ansprechen, ohne dabei zu starke eigene Wertungen vorzunehmen. Ich weiß nicht,
      ob mir das gelungen ist. Vielleicht führt das zu ähnlichen Kontroversen.

      Aber wenn man über eine Geschichte diskutieren kann, ist das ein gutes Zeichen. Das hier ist schließlich ein Diskussionsforum.

      Karloff schrieb:

      Mammut schrieb:

      Und Robert A. Heinlein ist z.B. ebenfalls ein Autor, der mit seiner Meinung nach nicht hinter dem Berg hält.


      Ob das die wahre Meinung des Autors ist, kann kein Mensch sagen, außer der Autor selbst.
      Meine "Schützenfest"-Story ist z.B. aus der Sicht eines knallharten Rassisten geschrieben, deshalb heißt das noch lang nicht, dass ich einer bin.


      Genau das ist dem Heinlein auch passiert. Er schrieb Fremder in einer fremden Welt und wurde dafür von den Hippies gefeiert, die er wohl in Wirklichkeit verachtet.

      Mammut schrieb:

      Genau das ist dem Heinlein auch passiert. Er schrieb Fremder in einer fremden Welt und wurde dafür von den Hippies gefeiert, die er wohl in Wirklichkeit verachtet.


      Deshalb darf ich auch in der Uni bei jeder Wortmeldung zwischen Autor und Erzähler differenzieren.
      Wenn der Erzähler dann auch noch unzuverlässig ist (er also lügt) und dazu noch denselben Namen des Autors trägt, wird es richtig verwirrend. :-)
      Manche Schriftsteller machen sich auch genau aus so etwas einen Spaß. Bret Easton Ellis hat z.B. eine Art Autobiografie verfasst, in der er selbst nur als Figur sein eigenes (stark abgewandeltes) Leben als Geschichte nachlebt und teils auch mit von ihm selbst erfundenen Menschen spricht. Er verstrickt die Realität mit der Fiktion, und wartet die Reaktionen seiner Leser ab.
      Und die letzte Story für heute.

      Christian Weis: „Gulag“
      Schon in „Zwielicht 6“ hat mich Christian Weis mit seiner Story überzeugt, und diesmal hat er es wieder geschafft. Der Mann kann schreiben, und beweist es erneut.

      Die Geschichte um den Kriegsheimkehrer, der Jahre in russischer Gefangenschaft verbracht hat, ist von Anfang an von einer dermaßen bedrückenden, unheimlichen Stimmung umgeben, dass es einen schon gruselt, bevor man weiß, worauf das Ganze hinauslaufen wird. Als man es dann zu ahnen beginnt, und sich die Pointe letztlich auch genauso entwickelt, ist die Spannung etwas raus, aber das tut der Sache keinen Abbruch.
      Es ist allgemeinhin bekannt, dass so etwas in Kriegsgefangenenlagern passiert, aber hier bekommt man es aus erster Hand erzählt. Richtig gut!

      Was den Stil angeht, stimmt einfach jeder Satz und jeder einzelne Vergleich. Da es sich um einen Ich-Erzähler handelt, wird auch in dieser Story Vieles nur berichtet, aber aus irgendeinem Grund konnte ich der Stimme hier viel angespannter lauschen. Zudem werden immer wieder kurze Szenen eingespielt, die der Story die nötige Abwechslung verleihen. Viel besser könnte man die Sache nicht erzählen, es sei denn, man macht einen Roman daraus.

      Volle Punktzahl, würde ich sagen. 5 von 5
      Algernon Blackwood: „Der Preis von Wiggins‘ Orgie“
      Ich muss gestehen, dass ich bisher erst zwei oder drei kürzere Geschichten von Blackwood gelesen habe und dies zudem schon ein paar Jahre her ist. Dennoch meine ich mich an einen ganz anderen, eher schwermütigen Erzählstil zu erinnern, der besonders bei seinen Geistergeschichten häufiger Verwendung findet.
      Darum war ich – wie auch in den Bemerkungen zu dieser Geschichte ganz treffend beschrieben – von Blackwoods Humor angenehm überrascht. Besonders in den ersten beiden Kapiteln sind immer wieder recht absurde Abschnitte zu finden; z.B. die Szene, in der der ganz offensichtlich sturzbetrunkene Wiggins davon überzeugt ist, der einzig Nüchterne im Raum zu sein (kommt mir irgendwie bekannt vor :-) ).

      Aber auch die Story an sich hat mir gefallen. Immer wieder lauern Hinweise zwischen den Zeilen, die erst später einen Sinn ergeben.

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      Dass Wiggins ganz versehentlich und unauffällig ein Lösungswort sagt, und somit später ungewollt Zugang zu einer Geheimgesellschaft bekommt, ist einfach ein genialer Kniff.
      Und der überdimensionale Kochtopf, mit dem letztlich auch klar wird, um was es sich für eine Gesellschaft handelt, ist an der genau richtigen Stelle im Text platziert. Echt unheimlich.


      Wie bei den anderen Stories, bin ich aber auch hier mit dem Ende nicht völlig zufrieden. Ich hatte mir einfach schon während des Lesens ein anderes zurechtgelegt, und war etwas enttäuscht, dass es dann weniger spektakulär ausging.

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      Mir hätte es zum Beispiel besser gefallen, wenn der Polizist am Ende ebenfalls zu der Gesellschaft gehört hätte.
      So endet die Geschichte, ohne irgendwelche schwerwiegenden Folgen. Wiggins ist immer noch reich und die kranke Gesellschaft existiert weiter.

      Es bleibt nur die Möglichkeit offen, dass Wiggins sich das alles nur im Suff eingebildet hat und es gar keine Gesellschaft gibt. Wahrscheinlich hat sich das Blackwood auch so gedacht. Wer weiß.


      So einen Text von einem eher klassischen Autor mit Punkten zu bewerten, ist war merkwürdig, aber der Einheitlichkeit und Vergleichbarkeit halber tue ich es mal.
      Ich denke mit 4,5 von 5 Weinflaschen liege ich ganz richtig.
      Bettina Ferbus: „Radio 4“
      Diese Story bringt mal etwas Abwechslung rein. Ein recht kurzes, locker und auch lustig geschriebenes Weltuntergangsszenario aus der Sicht eines Radiomoderators, der bald allein auf seiner einsamen Frequenz sendet.

      Schön finde ich, wie man den Zustand des Erzählers an der Auswahl seiner gesendeten Musik ableiten kann. Über Jimmy Hendrix und Rob Zombie zu Slipknot, und letztlich – als auch sein eigenes Hirn zu schmelzen beginnt – Schlagerhits wie „Herzilein“. Ein paar beißende Kommentare in Richtung der heutigen Konsum- und Medienlandschaft fehlen auch nicht. Passt!

      Die Geschichte ist zwar eher einfach und flach gehalten, dafür aber umso unterhaltsamer. Sie hat mich kurz zum Lachen gebracht, aber mich auch nicht mit Tränen in den Augen vom Sessel geworfen.
      Ich gebe mal 3 von 5 Punkten, wobei diese Story mit den anderen kaum vergleichbar ist, da sie einfach in eine ganz andere Richtung geht.
      Dominik Grittner: „Eins, Zwei, Drei – Turnschuh“
      Wow, der Junge sollte dringend einen Roman schreiben – vielleicht in Richtung phantastische Jugendliteratur? (Script5 oder Fischer könnten das interessant finden!)

      Die verschiedenen Themen (der Übergang von der Kindheit ins Teenageralter, die erste Liebe, cool sein müssen, rauchen, fluchen und klauen) werden hier so lebensecht dargestellt, dass ich mich direkt wieder in meine eigene Pubertät zurückversetzt fühlte. (Vielleicht liegt das auch daran, dass Dominik Grittner und ich fast derselbe Jahrgang sind.)

      Die Sprache passt auch perfekt dazu; sie ist einfach, dafür aber authentischer gehalten. So hat jede Figur eine eigene Persönlichkeit, ohne dass sie dafür tief ausgeleuchtet werden muss. Man weiß einfach genau, wie Jugendliche, die die ‚Daltons‘ genannt werden, aufeinanderhängen, so dass man nicht jedes einzelne Mitglied dieser Gruppe charakterisieren muss. Nur ein Wort liefert hier schon die ganze Beschreibung.

      Die Story an sich ist auch spannend, so dass ich diese Geschichte wirklich nicht aus der Hand legen wollte. Man fragt sich die ganze Zeit, was die dritte Fähigkeit von Super Stevie ist, und wird durch einen gruseligen Turn am Ende aufgeklärt. Und sogar der letzte Satz bezieht sich auf den ersten – geradezu perfekt komponiert. (Man merkt, dass Grittner Drehbuchschreiben studiert!)

      Das einzige, was nicht so recht in diese Welt passt, sind die Namen der Jungs. Da das ganze heute spielen soll (sonst gäbe es keine Playstation 4), hätte ich eher die beliebtesten Namen aus den Jahren 2002 erwartet. (Dann müssten die eher Finn, Leon und Yannik heißen.) Matze ist z.B. eher 80/90er.

      Ein sehr guter Beitrag, den ich allerdings nie in „Zwielicht“ erwartete hätte, weil der Horroranteil doch recht gering ausfällt.
      Trotzdem, 5 von 5 Turnschuhen