Ein Jubiläum wirft seine Schatten voraus!

      HarryW schrieb:

      Horror hat einen schlechten Ruf, weil es erstens zu viel Schrott in dem Genre gibt (Extrem Horror hat nun wirklich absolut keinen literarischen Wert), das die Perlen überdeckt, und es zweitens keine seriösen Grundlagendiskussionen dazu (sprich zu den Hintergründen des selben ... Angst, Gesellschaftskritik, philosophisches Gedankengut, ect.) gibt.


      Ich bin mir nicht ganz sicher, ab wann ein Buch einen literarischen Wert besitzt und ob das nicht nicht, zumindest theoretisch, auch für ein Exemplar aus dem Extrem Horror gelten könnte. Zumindest im Filmbereich, glaube ich, gibt es da genügend gute Beispiele ... Aber gut, das ist eine andere Diskussion, die so nicht unbedingt mit dem eigentlichen Thema hier zu tun hat.

      Ansonsten bezog ich meinen negativen Erfahrungen auch eher auf visuelle Arbeiten, wo ich Diskussionen hatte. Aber gegen das Argument, dass ein Prof beispielsweise kein Blut sehen mochte, auch nicht gezeichnet, lässt sich halt wenig einwenden ;)

      Painpainting schrieb:

      Ich bin mir nicht ganz sicher, ab wann ein Buch einen literarischen Wert besitzt und ob das nicht nicht, zumindest theoretisch, auch für ein Exemplar aus dem Extrem Horror gelten könnte. Zumindest im Filmbereich, glaube ich, gibt es da genügend gute Beispiele ... Aber gut, das ist eine andere Diskussion, die so nicht unbedingt mit dem eigentlichen Thema hier zu tun hat.

      Darauf, wann ein "literarischer Wert" vorliegt, habe ich keine richtige Antwort. Ich würde aber allgemein sagen, dass für die Literaturwissenschaft (ich bin kein LWler, die sitzen aber gleich nebenan und wir haben viele Berührungspunkte) ein Werk dann "wertvoll" wird, wenn es sich als Forschungsgegenstand eignet und dazu eignet es sich wiederum, wenn es dabei hilft, Antworten auf Forschungsfragen zu finden. Das eigene ästhetische Urteil ist dabei nicht entscheidend, ansonsten wären ja bspw. auch Liebesschnulzen ganz weit vorne. Machen wir uns aber nichts vor: Auch wenn wir gerne Horrorliteratur lesen, wird in dem Großteil der Publikationen erzähltheoretisch nichts Neues gemacht und auch gesellschaftliche, philosophische, metaphysische oder andere Fragen, die Literaturwissenschaftler interessieren, werden in der Regel nur recht plakativ oder am Rande behandelt. Das trifft aber natürlich nicht nur auf Horrorliteratur zu, sondern auch auf viele Western, Liebesschnulzen, Fantasyschinken, SF-Endlosserien, Thriller, Lokalkrimis und eine Menge andere Taschenbücher, die in einem durchhschnittlichen Thalia-Markt ausliegen.

      Painpainting schrieb:

      Ansonsten bezog ich meinen negativen Erfahrungen auch eher auf visuelle Arbeiten, wo ich Diskussionen hatte. Aber gegen das Argument, dass ein Prof beispielsweise kein Blut sehen mochte, auch nicht gezeichnet, lässt sich halt wenig einwenden ;)

      Oh, das ist natürlich pech. Das kann dir bei Literatur- und Filmwissenschaftlern natürlich auch passieren. Nur Theaterwissenschaftler scheinen irgendwie keine Geschmacksgrenzen zu kennen, vor allem dann nicht, wenn sie sich mit Performance-Kunst beschäftigen. Da wird dann auch mal Seitenlang von einer Performance berichtet, in der sich die "Künstlerin" selbst verwundete und anschließend dafür sorgte, dass das Blut nicht trocknete. Das Publikum hat die Performance wohl irgendwann selbst beendet, um die Künsterlin zu schützen. (So gerade erst gelesen in der Einleitung der viel zitierten "Ästhetik des Performativen" von Erika Fischer-Lichte)

      Felix W schrieb:

      die "Künstlerin" selbst verwundete und anschließend dafür sorgte, dass das Blut nicht trocknete.


      ... was dann auch eine ganz eigene Art von Extrem Horror wäre ;)

      Wenn man den literarischen Wert so definiert (was durchaus richtig sein kann, ich habe keine Ahnung davon), würde der fürs Genre ja gar keinen besonderen Wert haben, zumindest in meinen Augen, da es den durchschnittlichen Fan ja gar nicht weiter interessiert. Der will einfach nur gut unterhalten werden, was auch mein Hauptanliegen wäre. Natürlich sehr schön, wenn dabei auch die Qualität des Werkes stimmig ist.

      Ob sich ein Werk als Forschungsthema eignet würde, hm, ist dann vielleicht für die Außenwirkung nicht uninteressant. Aber ansonsten? Ich glaube für die breite Masse spielt das dann keine Rolle.

      Ich hätte auch gedacht, dass es sich bei literarischen Wert wenn eher um die Frage der sprachlichen Qualität dreht, weniger um inhaltliche oder philosophische Fragen ;)

      Painpainting schrieb:



      Ich bin mir nicht ganz sicher, ab wann ein Buch einen literarischen Wert besitzt und ob das nicht nicht, zumindest theoretisch, auch für ein Exemplar aus dem Extrem Horror gelten könnte. Zumindest im Filmbereich, glaube ich, gibt es da genügend gute Beispiele ... Aber gut, das ist eine andere Diskussion, die so nicht unbedingt mit dem eigentlichen Thema hier zu tun hat.


      Eines der Merkmale grosser Literatur ist z.B. wenn die behandelten Themen auch Generationen, ev. sogar Jahrhunderte später noch immer Gültigkeit haben. Ein gutes Beispiel ist Dostojewski ... auch nach über 130 Jahren haben seine philosophischen Betrachtungen zum menschlichen Verhalten (z.B. Schuld und Sühne) noch 100%ige Gültigkeit. Das ist nicht bloss Unterhaltung, da hat sich einer wirklich tiefsinnige Gedanken zum Leben, zu Mensch und Staat und vielem anderen gemacht. Auch Shellys 'Frankenstein' ist grosse Literatur - in der Urfassung ging es weniger um die Angst vor dem Monster als vielmehr um die Auseinandersetzung mit der damals gigantische Schritte machenden Wissenschaft. Oder 'Dr. Jekyll und Mr. Hyde' ... die literarische Umsetzung psychologischer Ideen, die damals langsam aufkamen. Bücher wie diese sind nicht auf blosse Unterhaltung getrimmt (auch wenn sie diese Ebene ebenfalls aufweisen).

      Meiner Meinung nach verschwindet die grosse Literatur nach und nach, bis sie irgendwann ein Schattendasein fristet. Wenn man den Buchmarkt heute so betrachtet, dann kommt mir das immer mehr wie ein Trauerspiel vor. Alle wollen nur noch einen Hit rausballern, nach dem schon drei Monate später kein Hahn mehr schreit. Dabei geht es um das schnelle Geld und um nichts anderes.

      Auch ich liebe es hin und wieder, einfach was unterhaltendes zu lesen - dagegen gibt es ja gar nichts einzuwenden. Auch 'Die drie Musketiere' waren schon reine Unterhaltung. Mich schockiert eher, dass die Tendenz immer mehr in Richtung hirnloser Unterhaltung geht. Will man was gehaltvolles lesen, muss man gleich zu einem Sachbuch greifen, und sogar dort wird es immer schwieriger das Gute vom Schlechten zu trennen.

      HarryW schrieb:

      Painpainting schrieb:



      Ich bin mir nicht ganz sicher, ab wann ein Buch einen literarischen Wert besitzt und ob das nicht nicht, zumindest theoretisch, auch für ein Exemplar aus dem Extrem Horror gelten könnte. Zumindest im Filmbereich, glaube ich, gibt es da genügend gute Beispiele ... Aber gut, das ist eine andere Diskussion, die so nicht unbedingt mit dem eigentlichen Thema hier zu tun hat.


      Eines der Merkmale grosser Literatur ist z.B. wenn die behandelten Themen auch Generationen, ev. sogar Jahrhunderte später noch immer Gültigkeit haben. Ein gutes Beispiel ist Dostojewski ... auch nach über 130 Jahren haben seine philosophischen Betrachtungen zum menschlichen Verhalten (z.B. Schuld und Sühne) noch 100%ige Gültigkeit. Das ist nicht bloss Unterhaltung, da hat sich einer wirklich tiefsinnige Gedanken zum Leben, zu Mensch und Staat und vielem anderen gemacht. Auch Shellys 'Frankenstein' ist grosse Literatur - in der Urfassung ging es weniger um die Angst vor dem Monster als vielmehr um die Auseinandersetzung mit der damals gigantische Schritte machenden Wissenschaft. Oder 'Dr. Jekyll und Mr. Hyde' ... die literarische Umsetzung psychologischer Ideen, die damals langsam aufkamen. Bücher wie diese sind nicht auf blosse Unterhaltung getrimmt (auch wenn sie diese Ebene ebenfalls aufweisen).

      Meiner Meinung nach verschwindet die grosse Literatur nach und nach, bis sie irgendwann ein Schattendasein fristet. Wenn man den Buchmarkt heute so betrachtet, dann kommt mir das immer mehr wie ein Trauerspiel vor. Alle wollen nur noch einen Hit rausballern, nach dem schon drei Monate später kein Hahn mehr schreit. Dabei geht es um das schnelle Geld und um nichts anderes.

      Auch ich liebe es hin und wieder, einfach was unterhaltendes zu lesen - dagegen gibt es ja gar nichts einzuwenden. Auch 'Die drie Musketiere' waren schon reine Unterhaltung. Mich schockiert eher, dass die Tendenz immer mehr in Richtung hirnloser Unterhaltung geht. Will man was gehaltvolles lesen, muss man gleich zu einem Sachbuch greifen, und sogar dort wird es immer schwieriger das Gute vom Schlechten zu trennen.


      Hm, ich gebe zu, ich habe irgendwie den gleichen Eindruck. Man müsste aber mal prüfen ob der subjektive Eindruck auch objektiv stimmt.
      Frankenstein erschien 1818. Dr. Jekyll und Mr. Hide 1886. Das ist ein Zeitraum von 68 Jahren. Gab es in dem Zeitraum noch mehr solcher "Klassiker"?
      Im Gegensatz müsste man mal prüfen, welche interessanten Werke zwischen 1932 und 2000 (ich habe extra ein wenig Abstand zur Gegenwart gelassen) erschienen sind und mal schauen, ob die These aufrecht zu halten ist.

      Wenn ich mir die vielen Neuveröffentlichungen anschauen (z.B. bei Lindenstruth, Edition CL, Festa, etc.) ist da auch viel Masse, die aus dem Dunkel der Vergangenheit gehoben wird, die man normalerweise nicht sieht, da in der Regel nur die Creme nachgedruckt wird.

      Sollen wir mal eine Ordner zum Brainstorming machen? Man könnte auch 50 Jahre Abschnitte auflisten und versuchen die entsprechenden Werke zu benennen, um da einen Vergleich zu bekommen.

      Hier habe ich mal eine Übersicht für das Jahr 1950 entdeckt:
      jahr1950.de/bucher.html

      ​Man könnte natürlich auch die Liste der 50 besten Horrorbücher aus dem Forum nehmen und mal die Jahreszahlen dahinter schreiben:
      Die besten deutschsprachigen unheimlichen Romane

      HarryW schrieb:

      Spannende Idee, Michael.

      Vielleicht wärs noch möglich, die ganze Diskussion in einen eigenen Thread zu verschieben, eigentlich geht's hier ja um das Jubiläum von Zwielicht :-) .


      Habe ich gemacht und hier der Nachvollziehbarkeit wegen der Link:
      Highlight des Genres der letzten zweihundert Jahre

      Zwielicht 10 wächst und die letzten Geschichten werden gerade gelesen und bewertet, die ersten sind schon durch das Lektorat. Sollte noch jemand auf den Zug aufspringen wollen, ist noch möglich, aber das Buch wird demnächst geschlossen.

      Mammut schrieb:


      Zwielicht 10 wächst und die letzten Geschichten werden gerade gelesen und bewertet, die ersten sind schon durch das Lektorat. Sollte noch jemand auf den Zug aufspringen wollen, ist noch möglich, aber das Buch wird demnächst geschlossen.


      Wir sind zwar schon gut gefüllt, aber bis Mitte Mai könnte noch etwas Außergewöhnliches in die Ausgabe schlüpfen, falls jemand Interesse hat und sich wagen möchte.