Stephen King, Owen King - SLEEPING BEAUTIES

      Stephen King, Owen King - SLEEPING BEAUTIES

      Wundert mich, dass noch niemand einen Thread dazu begonnen hat (vielleicht bin ich aber auch bloss blind und hab ihn nicht gefunden :-) ). Hier ist er, und ich möchte schon mal sagen, dass ich das Cover grossartig finde.

      Inhalt (Amazon):
      Die Welt sieht sich einem faszinierenden Phänomen gegenüber. Sobald Frauen einschlafen, umhüllt sie am ganzen Körper ein spinnwebartiger Kokon. Wenn man sie weckt oder das unheimliche Gewebe entfernen will, werden sie zu barbarischen Bestien. Sind sie im Schlaf etwa an einem schöneren Ort? Die zurückgebliebenen Männer überlassen sich zunehmend ihren primitiven Instinkten. Eine Frau allerdings, die mysteriöse Evie, scheint gegenüber der Pandemie immun zu sein. Ist sie eine genetische Anomalie, die sich zu Versuchszwecken eignet? Oder ist sie ein Dämon, den man vernichten muss? Schauplatz und Brennpunkt ist ein kleines Städtchen in den Appalachen, wo ein Frauengefängnis den größten Arbeitgeber stellt.
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      Danke fürs Erstellen dieses Threads. Habe mich schon vor einigen Monaten, nachdem ich das Werk gelesen hatte, gefragt, wie wohl die Meinungen im Forum zu dem Ziegelstein, Verzeihung, Buch sein mögen.

      Hier meine unmaßgebliche Meinung: Ich bin zwiegespalten, wie schon nach "Basar der bösen Träume" (nicht eigentlich vergleichbar, aber ein Teil der Geschichten hat mir dort gleichfalls gar nicht gefallen, andere dagegen sehr).

      Die Idee, eine Hälfte der Menschheit in Dauerschlaf zu versetzen und dies auf so symbolträchtige Weise, in Kokons gehüllt, ist erst mal hochspannend. Der Schauplatz, das Frauengefängnis in der für King obligatorischen Kleinstadt, ist gut gewählt. Die Hauptcharaktere, Anstaltspsychologe Clint Norcross und Polizeichefin Lila Norcross, sind in King-Manier facettenreich herausgearbeitet und jeder auf seine Weise sympathisch, auch, oder vielleicht besser weil, sie beide ihre Leichen im Keller haben. Dasselbe gilt für die Antagonisten: Frank Geary, dessen Handlungsweise durchaus nachvollziehbar ist, und der absolute Unsympath des Romans, Don Peters, sowie die Hauptfiguren der zweiten Reihe (Insassen wie Jeanette Sorley oder auch Dr. Garth Flickinger) und, abgeschwächt, für die zahlreichen Nebencharaktere. Eva Black hat mir ebenfalls gut gefallen, weil sie bis zum Ende undurchschaubar bleibt und King die Interpretation, wer oder was sie eigentlich ist, dem Leser überlässt.

      Die Fülle der Personen ist wiederum eine der Schwächen des Romans, nicht so sehr, dass es zu viele wären, obwohl die Orientierung nicht immer glatt gelingt, weshalb King auch gleich eine Figurenliste an den Anfang des Buches gesetzt hat. Mich stört eher, dass etliche wenig bis gar nicht relevant sind für die Handlung. Einige (z. B. Michaela Morgan sowie die Brüder Griner) hätte man auch streichen können, da hätte nichts gefehlt. Ebenso hätte einigen Passagen eine Straffung gutgetan (was wohl bei weniger prominenten Autoren verlagsseitig auch rigoros eingefordert worden wäre, aber King ist eben King und darf sich erlauben, was dem Durchschnittsautor angekreidet wird). Die Passagen an "unserem Ort" z. B. fand ich furchtbar langatmig.

      Zum eigentlichen Inhalt möchte ich gar nicht viel sagen, um nicht zu spoilern, nur so viel, dass ich den Anfang (nach den ersten zähen Seiten) und mittleren Teil des Buches am spannendsten fand, während mich der Showdown im Gefängnis nicht wirklich mitreißen konnte.

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      Die Auflösung, die Rückkehr der Frauen hätte ich mir spannender gewünscht. Zumal ich mich die ganze Zeit gefragt habe, wo an diesem "unseren Ort" denn nun all die anderen Frauen der Weltbevölkerung sind. Oder ob die Frauen aus Dooling exemplarisch für alle anderen stehen, entweder in der Geschichte/für Evas "Experiment" oder für das Autorenduo King.

      Aber gut, ein paar Längen kann ich King verzeihen, weil ich seine Schreibe einfach gern lese. Was mich allerdings stört, ist die Art, wie die Gesellschaftskritik im Roman umgesetzt ist. Frauen sind i.d.R. gut, Männer i.d.R. böse, das ist mir zu sehr Schwarz-Weiß-Denken, da hätte ich von einem Stephen King mehr erwartet, gerade weil die Thematik auch heute noch so relevant ist.
      Bei oft gutem Ansatz gleiten die einzelnen Geschichten zu häufig ins Klischeehafte. Auch wird mit zweierlei Maß gemessen. Die Frauen im Gefängnis, ob Mörderinnen oder was auch immer, sind nur aufgrund der üblen Behandlung durch die Männer in ihrem Leben dazu getrieben worden. Schlagende, cholerische, sexuell nötigende Männer sind dagegen einfach Arschlöcher. Das will ich keineswegs in Abrede stellen, aber m. E. hätte es das Werk deutlich überzeugender gemacht, wenn wenigstens eine wirklich fiese weibliche Figur mitgemischt hätte (das hätte z. B. Michaela Morgan prima übernehmen können, dann hätte die Figur auch mehr Sinn gemacht). Aber jede einzelne wandelt sich entweder im Verlauf der Geschichte oder wird aufgrund ihrer Vergangenheit vom Autor entschuldigt.

      Ein Punkt ist vielleicht noch erwähnenswert, obgleich nicht als Kritik zu werten: Wer Horror oder auch nur eine unheimliche Atmosphäre erwartet, wird von dem Buch vermutlich enttäuscht sein. Sicher, der wahre Horror rührt nicht von den übernatürlichen Elementen her, wie im Einband erwähnt, dennoch mag das manch ein King-Leser nicht zu Unrecht erwarten.

      Von daher würde ich "Sleeping Beauties" als eines von Kings Büchern einordnen, die man, wenn man seinen Stil mag, sehr gut lesen kann, ohne das Gefühl zu haben, Lebenszeit zu verschenken; zu seinen großen Werken zählt es meiner Meinung nach jedoch nicht.

      PS: Das Cover gefällt mir ebenfalls sehr gut, Harry.

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von „Jule“ ()

      Ich bin "erst" bei Seite 700, aber ich kann eigentlich alles, was Jule in ihrer ausführlichen Antwort geschrieben hat, bestätigen.

      Da ist vor allem die fast schon naive schwarz-weisse Zeichnung der Gesellschaft, die auch mir etwas sauer aufstösst. King schreibt sonst nicht so - mit Ausnahme vielleicht von "Das letzte Gefecht". Ich könnte mir vorstellen, dass die eigentliche Story und deren Verlauf möglicherweise vom Sohnemman Owen entworfen wurde, während Stephen King den Schreibpart übernommen hat. Zumindest liest sich das Buch sprachlich wie gewohnt von King. Aber wie die Zusammenarbeit genau lief, konnte ich nicht herausfinden.

      Ebenfalls finde ich das Buch zu lang - die eigentliche Geschichte könnte man auch ohne die vielen Figuren beschreiben. Vermutlich wollten die Kings mit der Personenflut alle möglichen Gesellschaftsschichten präsentieren und wie die auf die Aurora-Schlafkrankheit reagieren. Falls dem so wäre, ist der Versuch meiner Meinung nach trotzdem nicht ganz geglückt.

      Was wie immer hervorragend funktioniert ist die grundsätzliche "Lebendigkeit" aller Charaktere. Das ist eine Stärke, die King einfach immer drauf hat. Vor allem die Psychopathen und gesellschaftlich schwierigen Personen finde ich erschreckend. Und hier steckt auch der Horror-Anteil des Buchs.

      (Vielleicht) mehr, wenn ich das Buch zu Ende gelesen habe.
      Die Coverkünstlerin und Illustratorin der limitierten Hardcoverausge, Jana Heidersdorf, war am Samstag auf dem Elstercon.
      Wir lustig ihr zuzusehen, wie sie ihre Gefühle nachspielte, als sich der Verlag an sie wandte mit der Bitte von Owen King, das Buch zu bebildern.
      Er kennt meine Bilder!
      Er fand mich, hier in Gelsenkirchen!
      Sie deutete auch an, dass der Anteil von Vater King gering gewesen sein könnte.
      :D
      Wenn das Mammut nicht wär, gäbs auch keine Fragen.
      Bin fertig mit dem Buch. Die etwas arg naive Betrachtung "Mann=aggressiv und böse / Frau=Opfer, auch wenn sie einen Mord begeht" wird bis zum Schluss aufrechterhalten. Zwar versuchen die Kings, die Aussage noch etwas zu relativieren, indem sie einige Figuren (korrekterweise) erklären lassen, dass das Aggressionspotential der Männer der durch die Evolution bedingten Rollenverteilung von Mann und Frau zugrunde liegt und weitgehend hormongesteuert ist. Diese Erklärung kommt aber zu spät im Buch - wenn ich 900 Seiten lang anhand der Handlungsweise aller Figuren eingetrichtert bekomme, dass die oben genannte Betrachtung gilt, dann können die letzten 50 Seiten den Eindruck nicht mehr gross beeinflussen.

      Was die eigentliche Geschichte von der Belagerung des Frauengefängnisses und die Geschehnisse in Dooling (die Kleinstadt) betrifft, arbeiten die Kings schön konsequent. Es gibt gesellschaftliche Verbesserungen, für einige Figuren beginnt ein neues positiveres Leben, aber viele sind auch an ihrem persönlichen Ende angelangt oder haben zumindest einen Abstieg in die Dunkelheit begonnen.

      Fazit: Für mich der erste King, den ich als zu lang empfinde, aber trotzdem lesenswert, wenn man die Zeit für einen solchen Ziegelstein hat :-) .

      HarryW schrieb:

      Da ist vor allem die fast schon naive schwarz-weisse Zeichnung der Gesellschaft, die auch mir etwas sauer aufstösst. King schreibt sonst nicht so - mit Ausnahme vielleicht von "Das letzte Gefecht". Ich könnte mir vorstellen, dass die eigentliche Story und deren Verlauf möglicherweise vom Sohnemman Owen entworfen wurde, während Stephen King den Schreibpart übernommen hat. Zumindest liest sich das Buch sprachlich wie gewohnt von King. Aber wie die Zusammenarbeit genau lief, konnte ich nicht herausfinden.


      Nur dass bei The Stand die Einteilung in "gut" und "böse" durch die Story vorgegeben und somit plausibel war.
      Hatte auch gedacht, dass die Zusammenarbeit so oder ähnlich ablief; gerade die Dialoge und Innenansichten der Figuren klingen doch sehr nach King senior. Dann hätte er aber dennoch den größeren Teil der Arbeit übernommen, was dem widerspräche:

      lapismont schrieb:

      Die Coverkünstlerin und Illustratorin der limitierten Hardcoverausge, Jana Heidersdorf, war am Samstag auf dem Elstercon.
      Wir lustig ihr zuzusehen, wie sie ihre Gefühle nachspielte, als sich der Verlag an sie wandte mit der Bitte von Owen King, das Buch zu bebildern.
      Er kennt meine Bilder!
      Er fand mich, hier in Gelsenkirchen!
      Sie deutete auch an, dass der Anteil von Vater King gering gewesen sein könnte.
      :D


      Letztlich wohl müßig, zu sinnieren, wer nun was gemacht hat. Ich jedenfalls brauche erst mal eine Pause, was King betrifft. :Monster6:

      Lustig, ich hab gedacht ich hätte schon was dazu gepostet, aber ich habs wohl nur vorgehabt und bin nicht dazu gekommen. Die Story klang verdammt interessant, deshalb hab ich mir voller Vorfreude gleich bei erscheinen die Hardcover-Ausgabe geholt. Nun eine totale Enttäuschung war es nicht, aber der Vorfreude ist es auch nicht gerecht geworden. Im Nachhinein betrachtet hätte ich auch gut die Taschenbuchausgabe abwarten können.

      Neu

      Ich habe mich mehr oder weniger "durchgewürgt". Fand den Roman ziemlich zäh und bin eigentlich nie wirklich reingekommen. Habe schlussendlich auch über 4 Wochen (!!!!!) dafür gebraucht. Die Charaktere fand ich teilweise eher nervig. Nach dem Buch habe ich jetzt erstmal wieder ne King-Pause.
      Erst durch Lesen lernt man, wieviel man ungelesen lassen kann.