Extremhorror und Splatter - wie sieht die Zukunft aus?

      Extremhorror und Splatter - wie sieht die Zukunft aus?

      Im Extremhorror-Bereich gehen einem so langsam die Möglichkeiten aus, womit man den schon an alle Greuel und Abartigkeiten gewohnten Leser noch schockieren kann.

      Fleisch (1) war vor 10 Jahren ein Novum auf dem deutschen Buchmarkt, die Buchhändler wollten es nicht mal mit der Kohlenzange anfassen, und es wurde ein Underground-Hit.

      Heute ist der Markt mit Anthologien dieser Art gut gesättigt, ebenso auch mit Romanen, und vor allem gibt es inzwischen massenhaft hochwertige Konkurrenz aus dem angelsächsischen Sprachraum (Edward Lee etc.)

      Worüber soll man noch schreiben?

      Oder ist es letztlich egal, die Leser kaufen eh alles aus diesem Bereich?

      Ich persönlich habe das Interesse an diesen Dingen inzwischen etwas verloren. So wie mich Splatterfilme auch nicht mehr sonderlich reizen. Gute Geschichten, gut durchdachte Stories und interessante Charaktere sind für mich inzwischen wichtiger. In Buch wie in Film.

      Wie seht ihr das so?
      Ich bin dem Extremhorror abgeneigt, ebenso wie Splatter.
      Diese Brutalität und Extremität kann zwar in einigen Handlungssträngen sinnvoll sein (American Psycho als Buch oder in Martyrs als Film),
      aber eben nur, wenn es eben etwas zum Geschehen beiträgt, nie um ihrer selbst Willen.

      Und da sehe ich gerade beim Extremhorror einfach das Problem für mich, der Mehrheit des Publikums scheint es um die Perversitäten zu gehen, die Handlung ist oft zu vernachlässigen oder eben rudimentär bzw. B-Moviemäßig. Wenn man sich Rezensionen zu den Veröffentlichungen ansieht, scheint es so, als könnte man auch ganz auf Handlung verzichten.
      Von daher tendiere ich ganz klar zu "Die Masse der Extremleser kauft alles, Hauptsache explizite Szenen werden geboten.".

      Ansonsten: Pro Charaktere, pro Handlung und vor allem pro Schreibstil.
      Bücher werden von niemandem beachtet. Darum sind Bücher der ideale Ort, um die wirklich ungeheuerlichen Sachen zu veranstalten.
      - Chuck Palahniuk -
      Da kann ich mich inferninho nur anschließen. Als Jugendlicher und junger Erwachsener war ich großer Splatterfilmfan und es konnte gar nicht hart und extrem genug sein. Und wenn es witzig oder hintersinnig gemacht ist, wie bei »Braindead«, »Cabin in the Woods« oder »Tucker and Dale vs. Evil«, mag ich es auch heute noch. »Martyrs« halte ich aufgrund seiner Machart für künstlerisch interessant, habe inzwischen aber null Bock auf Filme und Bücher, in denen Gewalt gegen Frauen so im Mittelpunkt steht.

      Was Bücher angeht, habe ich zwei Extrem-Horrortitel von Edward Lee übersetzt (»Das Schwein« und »Der Terratologe«). Vor 20 Jahren hätte ich die Bücher total geil gefunden, inzwischen widert mich solches Zeug nur noch an. Bücher können für mich ruhig hart, brutal und extrem sein, aber nur, wenn es in eine gute Handlung zu einem bestimmten Zweck eingebunden ist, nicht, nur um der Grenzüberschreitung willen.

      relysium schrieb:

      Im Extremhorror-Bereich gehen einem so langsam die Möglichkeiten aus, womit man den schon an alle Greuel und Abartigkeiten gewohnten Leser noch schockieren kann.


      Das sehe ich auch so... wenn man spritzende Körperflüssigkeiten und Ähnliches verwendet, um "Spannung" und "Nervenkitzel" zu erzeugen, nutzt sich dieses Stilmittel doch sehr schnell ab. Wer hier öfters mitliest, dürfte ja mitbekommen haben, dass ich kein großer Fan des gegenwärtigen "Monstersperma"-Trends bin... für mich persönlich wird hier eher ausschließlich auf Ekel und weniger auf echten Nervenkitzel gesetzt. Diese Variante, Abscheu zu erzeugen, ist natürlich deutlich einfacher, als beispielsweise einen glaubhaften Psychopathen zu entwerfen, der Angst erzeugt. Wenn ich Horror in Buch und Film konsumiere, möchte ich allerdings nicht mit billigen Effekten unterhalten werden, sondern eher durch die Stimmung/Atmosphäre und die Handlung, die in dem jeweiligen Buch oder Film erzeugt werden. Dies ist dann auch der Grund dafür, warum mich Splatterfilme und Extrem-Horror-Bücher so gar nicht ansprechen: Hier wird meiner Meinung nach zu wenig Energie darauf verwendet, Handlung und Atmosphäre zu erzeugen, sondern fast ausschließlich darauf, bisherige Ekeleffekte zu toppen und noch einen an den Haaren herbeigezogenen Tod, noch eine extremere Foltermethode und noch ein Fass Exkremente zusätzlich einzubauen.

      Manchen Leuten scheint das etwas zu geben und sei es nur, dass sie sich darüber amüsieren können, wie ein Ekel-Superlativ den nächsten jagt. Ich erwarte allerdings etwas anderes von Filmen und Büchern: Man darf für mich gerne etwas mehr an Handlung und Atmosphäre aufbauen und nicht nur Effekte aneinander hängen... die Handlung mancher Extrem-Horror-Bücher oder von Splatterfilmen (etwa Saw) lässt sich ja in 2-3 Sätzen zusammenfassen. Dabei habe ich auch kein Problem damit, wenn die Handlung brutal oder extrem ist, aber es sollte eben etwas enthalten sein, was über blose Brutalität und Ekel hinaus geht und Brutalität und Ekel demnach nicht nur Selbstzweck sind.
      ...and the book club consists mainly of people who club me with books.
      Sehe ich auch so. Wobei bei mir eine Abnutzungstendenz ohnehin nicht erkennbar ist, da ich diese Richtung nur ganz dann und wann mal konsumiert habe. Nach wie vor mag ich Geschichten, in denen es sich die Bösen gegenseitig (auch gerne hart) geben, aber sinnloses Quälen Wehrloser und handlungsfreier Splatter muss nicht sein, da verzichte ich dankend. Ohnehin ist es so, dass ich nach dem Lesen eines Horrorromans und einer Horror-Antho (wie neulich) dringend ein anderes Genre brauche, der Abwechslung wegen.
      Lese zur Zeit: Kevin J. Anderson & Doug Beason - Ignition/Feuerball
      Es ist von meinen Vorschreibern ja schon fast alles zum Thema geäußert worden. Ich habe den Eindruck, dass diese Sorte von Literatur nicht so sehr zum Lesen gedacht ist, sondern eher zum Konsumieren. Darüber hinaus scheint auch mir die ganze Ekelliteratur von der Eskalation zu leben - immer härter, immer ekliger, immer mehr Gematsche. Wohin aber kann solch eine Eskalation führen? Doch höchstens ins Nichts. Auf der anderen Seite: Was weiß denn ich, welche Eskalationsstufen noch möglich sind. Vielleicht könnte man ja in jedes dieser Bücher das Ohrläppchen einer Leiche einkleben?
      Zu meiner persönlichen Abneigung gegen eigennützige Gewalt und Ekel, Mysogenie in Büchern sowie Filmen, auf den reinen Schockeffekt reduzierte Geschichten äussere ich mich seit Jahren. Eine Zeit lang habe ich verfolgt, wie sich dieses Subgenre (wenn man denn davon sprechen will) entwickelt, aber das interessiert mich nicht mehr. Die Zeit ist mir schlicht zu schade dafür. Gegen Splatter habe ich nicht grundsätzlich etwas einzuwenden, aber wie inferninho und Pogopuschel bereits geschrieben haben, muss da einfach noch mehr drin sein ... 'Braindead' ist ein wunderbar positives Beispiel, wo das funktioniert, die 'Blutbücher' von Barker, 'American Psycho' und so weiter.

      @Peter
      Was mich intersssiert ist, warum du trotz schwindendem Interesse einen weiteren 'Fleisch'-Band machst? Wäre es da nicht sinnvoller, in anderes zu investieren, das möglicherweise mehr als nur ein Trend ist?
      Ich bin noch nicht so weit, loszulassen und der minderwertigen Konkurrenz das Feld zu überlassen. Die Fleisch-Reihe bietet inhaltlich mehr als Splatter und Ekel, auch wenn das in der Werbung im Moment noch das Hauptargument ist.

      Und ein bissel verdienen tu ich ja noch damit. Never change a winning horse. Wenn die Investitionen nicht mehr zurückkommen, höre ich damit auf. Es zeichnet sich ein wenig ab, dass das mit Band 8 oder 9 der Fall werden könnte.

      Mein persönliches Hauptprojekt sind sowieso die Chroniken der Anderwelten, da wird noch sehr viel Spin-Off- und Prequel-Zeug kommen nach Band 5, der die Hauptgeschichte abschließt. Aber ich habe auch noch ein paar Horrorstories in der Schublade, die nicht brutal genug sind, um in der Fleisch-Reihe unterzukommen, ich werde daraus demnächst ein Buch machen.

      So viele Ideen und so wenig Zeit ...
      Wo hier gerade "Die Bücher des Blutes" erwähnt werden: Diese waren meine Begegnung mit echtem Splatter. Ich war damals begeistert. Und das wäre ich auch heute noch. Weil Barker seinen Splatter und seine Pornographie in herausragende Ideen und in poetische Sprache gepackt hat. Was ich hingegen gar nicht ertragen kann, sind diese Versuche, solche Sachen in der Sprache des Prekariats, also Gossensprache, an den Leser zu bringen. Da ist bei mir sofort Ende Gelände.
      Lese zur Zeit: Kevin J. Anderson & Doug Beason - Ignition/Feuerball

      Kai Grimm schrieb:

      Wo hier gerade "Die Bücher des Blutes" erwähnt werden: Diese waren meine Begegnung mit echtem Splatter. Ich war damals begeistert. Und das wäre ich auch heute noch. Weil Barker seinen Splatter und seine Pornographie in herausragende Ideen und in poetische Sprache gepackt hat.


      ​Oh ja, die "Bücher des Blutes" waren wie eine Offenbarung. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich an die geraten bin, aber ich hab sie alle gelesen, da war ich noch ein Teenager und hatte das Gefühl, etwas Verbotenes zu tun. Was ein Spaß...
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      Neben dem Titelbild, ich zitiere den Verlagstext:
      Die Fleisch-Reihe dürfte inzwischen den meisten Lesern bekannt sein, sie ist und bleibt ein kompromisslos abstoßendes Sammelsurium kranker Phantasien. <br> <br>In jedem Band bisher ging es neben Schmerz und Horror auch immer wieder auf sexueller Ebene sehr explizit zur Sache. "Fleisch Sex" wird - wie der Titel bereits andeutet - ausschließlich Geschichten enthalten, die in irgendeiner Weise mit Sex zu tun haben. Entweder spielt der Geschlechtsakt eine zentrale Rolle oder das männliche oder weibliche Genital. Aber natürlich sind es allesamt Horrorgeschichten. Schmerz und Wahnsinn sind weiterhin das Leitmotiv der Königin der Horror-Anthologien! <

      Mich spricht solche primitive Werbung nicht an sondern die stößt mich ab. Wenn da wirklich tolle Geschichten enthalten sind, warum schreibt man das nicht und wirbt damit?
      Einerseits dafür zu werben, das es sich um inhaltlich lesenswerte Geschichten handelt, andererseits die Werbung für die niedrigen Instinkte, das ist ein wenig schizophren. Das ist das gleiche wenn man eine Edelnutte Escort nennt. Am Ende macht die trotzdem die Beine breit.

      relysium schrieb:

      Gut, ich bin ja experimentierfreudig. Ich werde den Beschreibungstext jetzt ändern. Sollten danach die Verkaufzahlen in die Höhe schnellen, wird diese Kritik mir viel an Erkenntnis und Verstehen gebracht haben.


      Ich weiß nicht. Titelbild und Beschreibung sollen ja für was stehen und die Geschichten entsprechend liefern. Ist es jetzt Fleisch und Sex, also niedere Instinkte? Warum stehst du da mit diesem Buch nicht zu?
      Nur fürs Protokoll: Das Titelbild war ziemlich aufwendig und kostspielig zu produzieren, es ist kein Stock-Photo aus dem Internet (auch wenn es ursprünglich mal einen anderen Verwendungszweck haben sollte).

      Die niederen Instinkte, hm. Der Ausdruck gefällt mir nicht. Gefällt mir überhaupt nicht. Klingt nach Bösartigkeit, Verbrechen. Ist verwandt mit "Niedertracht".

      Ja, es bedient die Lust am Extremen. Es ist aber zugleich auch ein hochwertiges Produkt. Möglicherweise ist letzteres für die Verkäufe nie sonderlich relevant gewesen, aber es gibt da einen gewissen Selbstanspruch seitens des Verlegers, also meiner.

      Was will man als Horror-Autor oder als Horrorfilm-Produzent? Man will sein Publikum erschrecken. Und was will das Publikum? Sich erschrecken lassen. Mein Ziel war damals schlicht und ergreifend: Höher, weiter, schneller. Schockieren! Jemanden, der noch nie oder selten mit Horror in Berührung kommt, den gruselt bereits ein Krimi. Je mehr Horror-Fan man ist, desto mehr muss geboten werden. Aber kann man Leute, die schon 100 Zombiefilme gesehen haben, überhaupt noch mit irgendwas erschreckn? Gar schockieren? Ich wollte es unbedingt!

      Die Reihe ist irrsinnig erfolgreich. Es scheint viele Leute mit "niederen Instinkten" zu geben. Und ich werde die Kuh melken, so lange sie Milch gibt. Allerdings merke ich - und damit sind wir wieder beim Eingangstext - dass sich die Sache ideenmäßig langsam auf einen toten Punkt zu bewegt. Darüber hätte ich hier gerne diskutiert. Ist der falsche Ort, wie ich inzwischen einsehe, aber das macht nichts, es gibt genügend andere Themen, über die man in der Zukunft reden kann.

      So, der neue Werbetext lautet wie folgt:

      Kann Horror Literatur sein? Kann Horror Kunst sein? Oder endet jeder Versuch am Ende doch nur in der Aneinanderreihung billiger Schock- und Ekeleffekte? So fragten wir 2005, und das große Experiment hieß "Fleisch und andere Appetitverderber".

      Die Frage ist 13 Jahre und 5 maximal erfolgreiche Fortsetzungen später klar zu beantworten.

      Die Fleisch-Bücher, Deutschlands erste Extremhorror-Reihe, ist inzwischen den meisten Lesern bekannt, sie ist und bleibt ein kompromisslos abstoßendes Sammelsurium kranker Phantasien für die Hartgesottensten unter den Hartgesottenen. Doch immer wurde und wird dabei auch auf den literarisch-künstlerischen Aspekt Wert gelegt. Das ist, worin sie sich bis heute von ihren zahlreichen Epigonen unterscheidet. Die hier versammelten Geschichten vereinen extreme Brutalität und Ekelhaftigkeit auf der einen Seite mit guten Plots, Spannungsbögen und Pointen auf der anderen Seite. Sogar ein wenig Humor darf nicht fehlen. Die Auswahl an sehr unterschiedlichen Autoren mit dem ihnen jeweils ureigenen Schreibstil sorgen dabei für maximale Abwechslung, so dass für jeden Geschmack etwas dabei ist.

      Fleisch 6 ist ein Sonderband. In jedem Band bisher ging es neben Schmerz und Horror auch immer wieder auf sexueller Ebene sehr explizit zur Sache. Wie das Titelbild bereits andeutet, sind diesmal ausschließlich Geschichten vertreten, die in irgendeiner Weise mit Sex zu tun haben. Aber natürlich sind es allesamt Horrorgeschichten. Schmerz und Wahnsinn sind weiterhin das Leitmotiv der Königin der Horror-Anthologien!
      Der neue Klappentext gefällt mir wesentlich besser als der alte. Er stößt mich immer noch ab, aber ich bin auch nicht die Zielgruppe. Insgesamt klingt es aber runder und nicht mehr ganz nach "Hauptsache, es ist shice brutal". Den Satz:
      "Die hier versammelten Geschichten vereinen extreme Brutalität und Ekelhaftigkeit auf der einen Seite mit guten Plots, Spannungsbögen und Pointen auf der anderen Seite. "
      würde ich rumdrehen, also die Plots nach vorne, andersrum hat das was von der alten rotten.com Strategie, Mordopfer als zeitgeschichtliche Bildungsinhalte zu tarnen. ;)

      Zu der Abstumpfung und dem immer härter:
      Das Beispiel der Zombiefilme ist sehr passend, davon gibt es eine Million und wann war da mal was wirklich neu oder innovativ (dead girl vielleicht?)? Irgendwann kann man die eingefleischten :$ Anhänger nicht mehr schockieren, ist bei den Splatterfilmen doch auch nichts anderes. Vom Hocker reißen tun die mit der Story und den innovativen Einfällen, den Psychopathen, der sein Opfer im Keller foltert haben doch alle schon hundertmal gesehen, die Tabus sind alle gebrochen worden und die einzig mögliche nächste Stufe wäre pädophilie, zoophilie oder eben echte Videos von Mord, Folter, Vergewaltigung etc. und sogar das gibt es im Netz und wird von Leuten, die das wirklich sehen wollen auch gefunden.

      Von daher verstehe ich dich auch voll und ganz, wenn du sagst, der tote Punkt sei erreicht. Da es aber natürlich ab einem gewissen Punkt auch immer um Geld geht und es sich verkauft, ist doch alles prima. Vielleicht hat es ja sogar eine entspannende Wirkung, nicht immer auf der Suche nach neuen Grenzüberschreitungen sein zu müssen. Ich freue mich jedenfalls für dich, dass die Reihe so erfolgreich ist und wünsche dir auch für die Zukunft gute Verkaufszahlen.
      Bücher werden von niemandem beachtet. Darum sind Bücher der ideale Ort, um die wirklich ungeheuerlichen Sachen zu veranstalten.
      - Chuck Palahniuk -