Extremhorror und Splatter - wie sieht die Zukunft aus?

      relysium schrieb:

      Nur fürs Protokoll: Das Titelbild war ziemlich aufwendig und kostspielig zu produzieren, es ist kein Stock-Photo aus dem Internet (auch wenn es ursprünglich mal einen anderen Verwendungszweck haben sollte).

      Die niederen Instinkte, hm. Der Ausdruck gefällt mir nicht. Gefällt mir überhaupt nicht. Klingt nach Bösartigkeit, Verbrechen. Ist verwandt mit "Niedertracht".

      Ja, es bedient die Lust am Extremen. Es ist aber zugleich auch ein hochwertiges Produkt. Möglicherweise ist letzteres für die Verkäufe nie sonderlich relevant gewesen, aber es gibt da einen gewissen Selbstanspruch seitens des Verlegers, also meiner.

      Was will man als Horror-Autor oder als Horrorfilm-Produzent? Man will sein Publikum erschrecken. Und was will das Publikum? Sich erschrecken lassen. Mein Ziel war damals schlicht und ergreifend: Höher, weiter, schneller. Schockieren! Jemanden, der noch nie oder selten mit Horror in Berührung kommt, den gruselt bereits ein Krimi. Je mehr Horror-Fan man ist, desto mehr muss geboten werden. Aber kann man Leute, die schon 100 Zombiefilme gesehen haben, überhaupt noch mit irgendwas erschreckn? Gar schockieren? Ich wollte es unbedingt!

      Die Reihe ist irrsinnig erfolgreich. Es scheint viele Leute mit "niederen Instinkten" zu geben. Und ich werde die Kuh melken, so lange sie Milch gibt. Allerdings merke ich - und damit sind wir wieder beim Eingangstext - dass sich die Sache ideenmäßig langsam auf einen toten Punkt zu bewegt. Darüber hätte ich hier gerne diskutiert. Ist der falsche Ort, wie ich inzwischen einsehe, aber das macht nichts, es gibt genügend andere Themen, über die man in der Zukunft reden kann.

      So, der neue Werbetext lautet wie folgt:

      Kann Horror Literatur sein? Kann Horror Kunst sein? Oder endet jeder Versuch am Ende doch nur in der Aneinanderreihung billiger Schock- und Ekeleffekte? So fragten wir 2005, und das große Experiment hieß "Fleisch und andere Appetitverderber".

      Die Frage ist 13 Jahre und 5 maximal erfolgreiche Fortsetzungen später klar zu beantworten.

      Die Fleisch-Bücher, Deutschlands erste Extremhorror-Reihe, ist inzwischen den meisten Lesern bekannt, sie ist und bleibt ein kompromisslos abstoßendes Sammelsurium kranker Phantasien für die Hartgesottensten unter den Hartgesottenen. Doch immer wurde und wird dabei auch auf den literarisch-künstlerischen Aspekt Wert gelegt. Das ist, worin sie sich bis heute von ihren zahlreichen Epigonen unterscheidet. Die hier versammelten Geschichten vereinen extreme Brutalität und Ekelhaftigkeit auf der einen Seite mit guten Plots, Spannungsbögen und Pointen auf der anderen Seite. Sogar ein wenig Humor darf nicht fehlen. Die Auswahl an sehr unterschiedlichen Autoren mit dem ihnen jeweils ureigenen Schreibstil sorgen dabei für maximale Abwechslung, so dass für jeden Geschmack etwas dabei ist.

      Fleisch 6 ist ein Sonderband. In jedem Band bisher ging es neben Schmerz und Horror auch immer wieder auf sexueller Ebene sehr explizit zur Sache. Wie das Titelbild bereits andeutet, sind diesmal ausschließlich Geschichten vertreten, die in irgendeiner Weise mit Sex zu tun haben. Aber natürlich sind es allesamt Horrorgeschichten. Schmerz und Wahnsinn sind weiterhin das Leitmotiv der Königin der Horror-Anthologien!


      Da stecken gleich ein paar Sachen drin, die ich so nicht direkt nachvollziehen kann.

      Zum einen schreibst du, das Buch wäre ein hochwertiges Produkt. Woran machst du das fest? An der reinen Qualität des Materials, also z. B. der Verarbeitung? Oder auch an Inhaltlichem? Wenn letzteres auch zutrifft, müsste man natürlich zunächst mal definieren, was hochwertig ist... wie hier mittlerweile schon oft geschildert, wird das Aneinanderreihen von Ekeleffekten, sexuellen Abartigkeiten und Jump-scares von Vielen gerade nicht als hochwertig sondern eher als billig empfunden. Bieten die enthaltenen Geschichten denn darüber hinaus noch so viel mehr, z. B. an auskeglügelter Handlung, spannenden Charakteren und glaubhafter Atmosphäre, um diesen Eindruck aufzuwiegen?

      Als nächstes ist jetzt auch die Verallgemeinerung enthalten, die mich an dem ganzen "Monstersperma"-Hype am meisten nervt: Die Schilderung, dass es sich hierbei um besonderen (besseren?) Horror handelt, der besonders schockieren will, und Kunst und Literatur in neue Sphären treiben will. Genau diese Verallgemeinerung, dass es sich hierbei um besonders innovativen, zeitgemäßen Horror handelt, führt aus meiner Sicht dazu, dass es Horror als Genre nach wie vor schwer hat und man als Horror-Leser schief angeschaut wird ("Iiih, so einen Dreck liest du? Was stimmt nicht mit dir?"). Horror kann meiner Meinung nach auch ohne Ekeleffekte sehr gut funktionieren und schockieren. Die Ekeleffekte schockieren zwar vieleicht auch, aber eben vor allem aus Ekel und nicht, weil man sie jetzt unbedingt besonders erschreckend findet.

      Insofern haben die Effekte auch für mich schon etwas von "niederen Instinkten", vielleicht ist hier aber auch ein anderer Begriff passender. Horror (Angst, Schrecken...) zu erzeugen, empfinde ich als wesentlich schwieriger, als Ekel zu erzeugen. Für richtigen Horror, der mich in irgendeiner Form erschreckt, muss man sich schon was einfallen lassen, Ekel geht aber ziemlich schnell (ein paar platzende Gedärme hier, ein paar spritzende Körperflüssigkeiten dort, garniert mit ein paar unappetitlichen Geruchsbeschreibungen und mein Ekel ist auch schon versorgt).

      Das es Leute gibt, denen das gefällt, scheint ja durchaus so zu sein... aus welchen Gründen auch immer, vieleicht mögen sie in unserer zunehmend klinisch-sauberen Medien-Welt einfach etwas Abweschslung, wo man etwas "die Sau rauslassen kann". Insofern scheint es einen Bedarf zu geben, den man als Verleger natürlich auch gerne melken kann. Nur unter "Horror" und "Literatur" stelle ich mir halt etwas anderes vor,
      ...and the book club consists mainly of people who club me with books.

      Sar-Sargoth schrieb:


      Bieten die enthaltenen Geschichten denn darüber hinaus noch so viel mehr, z. B. an auskeglügelter Handlung, spannenden Charakteren und glaubhafter Atmosphäre, um diesen Eindruck aufzuwiegen?

      Oh, einige ganz definitiv!

      Was sicher auch Ansichtssache sein dürfte und aufgrund der Kürze der Geschichten die Komplexität gewissen Limits unterliegt, die bei Romanen weiter gefasst sind. Es wäre jetzt unrealistisch, anzunehmen, dass sich irgendwo zwischen den Buchdeckeln eines solchen Schockers der nächste Nobelpreis verbirgt. Aber ich wage die Behauptung, dass vergleichbare Anthologien (und sogar einige Romane aus der Extremhorror-Abteilung) mit deutlich weniger Handlung, Charakteren und Atmosphäre arbeiten. Und das ist auch der Eindruck zahlreicher Rückmeldungen.

      Dass es je nach Standpunkt immer noch primitiv, nieder und billig auf den einen oder anderen wirkt (siehe HarryWs Statement zu Fleisch 1), ist völlig unvermeidbar und letztlich auch völlig in Ordnung.

      relysium schrieb:

      Werf mal einer einen "Blick ins Buch" und sage mir, was er davon hält, was man da ansatzweise als Vorschau lesen kann. Primitive Blutorgie oder ist da vielleicht ... mehr?


      Gefällt mir gut, die amazon-Teaser-Story. Ist halt morbid und necrophil. Dem Autor gelingt es sehr gut, den Schleier langsam zu lüften, das hat durchaus Reiz. Sprachlich ist das jetzt nicht weltbewegend, aber auch keinesfalls irgendwie mies oder abstoßend. Bei meinem letzten Posting hier im Thread hatte ich aber auch ein ganz anderes Beispiel vor Augen.
      Lese zur Zeit: Luke Ahearn - Euphoria Z
      Das Interesse an Extrem-Horror und Splatter hatte ich als Jugendlicher. Habt ihr den schon gesehen? Kennst du Szene, wo er sich seine eigenen Gedärme ...

      Das ließ dann recht schnell nach und hat sich bei mir nie auf die Literatur übertragen. Also, ich meine damit die reinen Slashersachen, die Gewalt ohne Plot feiern. Wenn es sehr trashig wird, kann das lustig werden, aber das, was ich bisher gelesen habe, war bisher eher billig ...

      Das heißt aber nicht, dass ich gegen die Beschreibung von ekeligen und brutalen Szenen wäre. Gekonnt eingesetzt erzielen sie m.E. dezent eingebettet eine heftige Wirkung.
      Interessantes Thema, das ich erst vor kurzem im Bekanntenkreis diskutiert habe. Ich habe bei vielen Geschichten aus der Extremhorrorecke leider den Eindruck, dass Handlung und Story zweitrangig sind, weil es nur um Ekel und darum geht, wie viele Perversionen man auf eine Seite quetschen kann. Allerdings gibt es durchaus auch Geschichten, in denen das Verhältnis ausgewogener ist. Wobei diese Geschichten dann manchmal von der Leserschaft wieder als zu "soft" abgetan werden.
      Ich habe für mich selbst mittlerweile beschlossen, zwar weiterhin Splatterelemente zu benutzen, allerdings gehe ich dabei nach der Maxime: "Soviel wie nötig, so wenig wie möglich", vor. Ab und an, besonders in Kurzgeschichten, mag ich es trotzdem, einfach mal etwas heftiger zu Werke zu gehen, aber in längeren Novellen oder Romanen habe ich den Eindruck, dass solche Schockmomente erst ihre volle Wirkung entfalten, wenn der Leser zur Figur eine Beziehung aufgebaut hat. Also konzentriere ich mich mehr auf die Handlung und die Charaktere, und wenn dann eine oder zwei heftige Splatterszenen kommen funktionieren sie sogar besser, weil sie den Leser WIRKLICH schocken.
      Mit diesem Kompromiss kann ich ganz gut leben.
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      Extreme (wie z.B. Splatter oder sexuelle Grausamkeiten) sind ein gutes Mittel, um Kontrast zu bilden, und das ist für eine wirksame Dramaturgie unerlässlich. Wenn aber Extreme zum Dauerzustand und Selbstzweck werden, dann gibts keine Kontraste mehr. Und für mich wird das dann sehr schnell saulangweilig. Mir fehlt im Extremhorror schlicht und einfach das psychologische Feingefühl, und genau das macht diese Literaturgattung meiner Meinung nach unnötig. Das ist Verschwendung von Papier, Zeit und Geld.
      Das ist wirklich eine außerordentlich spannende Diskussion, und wirft Fragen auf, mit denen ich mich auch seit Jahrzehnten rumschlage. U.a. weil ich Moderatorin auf einer der größten deutschen Kurzgeschichtswebsites war (und Texte mit extremer Gewalt einschätzen und ggfs. löschen musste; und weil ich viel in Gesetzesauslegungen recherchiert hatte, um dort eine 18+ Sektion aufzuziehen, sodass Leute durch Textarbeit lernen, besseren Porn & Splatter zu schreiben, was dann von der Admin abgelehnt wurde).
      Ich schreibe selbst - neben ein paar Sachen für klassische Printverlage und was im journalistischen Nonfiction-Bereich - unveröffentlichbaren Splatter für den Privatgebrauch, und würde sehr gern mehr in dem Genre lesen. Das Problem, das ja niemandem hier neu ist: Im Film funktioniert extreme horror eher, in Texten so gut wie nie.

      Selbst mit einem Hintergrund in Anglistik / LitWiss und Linguistik fällt es mir schwer, rational zu begründen, warum ich eigenartigerweise einen Text nicht mehr als Splatter sehe, sobald ich Extremes in echter Literatur finde. Da meine ich: einiges aus Barkers Books of Blood, einiges von Poppy Z. Brite, und aus dem klassischen Surrealismus (z.B. Georges Bataille: Die Geschichte des Auges, Octave Mirbeau: Torture Garden), sowie eher im Sexbereich und nicht immer ‚durchgehend extreme‘ – Pat Califia: Doc & Fluff, Lydia Lunch: Predator.

      Kurzgeschichten in irgendwas Splatterpunk aus den 90ern und Cara Bruce: Viscera: An Anthology of Bizarre Erotica waren teils zwar ansatzweise literarisch, aber immer noch zu schlecht, um mehr als querzulesen. Die neueren Sachen (Edward Lee, Tim Curran, ein deutsches Gothmädel und und irgendein Ami, der eine III im Namen hat und die ich beide nicht mehr gegoogelt finde) sind so derart grottig, dass ich das beim besten Willen nicht lesen kann. Und zwar grottig auf allen Ebenen: Vokabular, Stil, Plot, Charakterzeichnung/-entwicklung – fast, als ob jemand, der sich viel traut, dann nicht mehr auf die Grundprinzipien der Literatur achten müsste. Ich bin mit meiner Frage nach all den Jahren immer noch nicht weiter: Woran liegt es, dass - außer damals im Surrealismus - Autoren, die Literatur schreiben können, nicht auch mal hardcore Splatter versuchen (und sei es, unter Pseudonym)?

      Ich denke, dass jeder in eine jugendfreie Schreibwerkstatt gehen kann, und sich dort die Grundlagen bzw. technische Feinheiten erarbeiten kann, es anderseits aber für wirklich Extremes nur semi-legale pornsites / splattersites gibt, bei denen es nur um Konsum von etwas möglichst Grenzüberschreitendem geht. aber keine kritische Textarbeit / kompetente Rückmeldung stattfindet.
      Es wird im Splatter – wie beim Porn – alles als eine Art Gebrauchsanweisung, Einkaufszettel runtergeleiert, A macht was, B schreit etc, dabei ließen sich Konflikt und Charakterentwicklung ebenso gut über Schmerz/Verletzen, Sterben/Töten oder beim Sex literarisch erzählen. Show, don’t tell – eines der Grundprinzipien bei Fiktion - scheint aber immer dort auszusetzen, wo intensive Körpererfahrungen und psychologische Grenzsituationen eine Rolle spielen, und das ergibt für mich eben absolut keinen Sinn, weder inhaltlich noch schreibtechnisch.

      Nur: wo sollen Leute lernen, guten Splatter zu schreiben? Und wo findet man Schreiber, die nicht nur für ihren Mut gelobt werden, sondern auch selbstkritisch Textarbeit machen wollen? Als Mod hatte ich versucht Leute dazu zu ermuntern, das führte aber entweder dazu, dass die irgendwann gefrustet mit dem Schreiben aufhörten, oder besser schreiben lernten und dann in andere Genres wechselten.

      Dieser Beitrag wurde bereits 6 mal editiert, zuletzt von „Katla“ ()

      Katla schrieb:


      Nur: wo sollen Leute lernen, guten Splatter zu schreiben? Und wo findet man Schreiber, die nicht nur für ihren Mut gelobt werden, sondern auch selbstkritisch Textarbeit machen wollen? Als Mod hatte ich versucht Leute dazu zu ermuntern, das führte aber entweder dazu, dass die irgendwann gefrustet mit dem Schreiben aufhörten, oder besser schreiben lernten und dann in andere Genres wechselten.


      Ich glaube eher, das Problem liegt im Genre selbst. Als ich mein Buchmanuskript an den Verlag geschickt hatte, wurde verlangt, ein Drittel zu streichen und mich mehr auf die Splatter und Gewaltszenen zu konzentrieren. Das führte schließlich soweit, dass ich mein Buch lieber ohne Verlag raus brachte; Dafür aber so, wie ich es mir vorgestellt hatte, mit ausgearbeiteten Charakteren, deren Handlungen nachvollziehbar sind statt es zu einer reinen Aneinanderreihung von Gewaltszenen zu machen. Und die bisherigen Lesermeinungen scheinen mir darin Recht zu geben.
      Bei einigen Büchern aus dem Genre habe ich einfach den Eindruck, dass die Story an sich einfach zweitrangig ist, weil es nur einen Rahmen für möglichst viel detaillierte Gewalt- und Sexszenen liefern soll. Genauso verhält es sich mit den Figuren. Die Opfer bleiben meist (oder wenigstens sehr oft) blasse Charaktere, mit denen man kaum Mitleid haben kann, weil sich der Autor gar nicht erst die Mühe gemacht hat, dem Leser die Figuren näherzubringen. Ein Name, eine grobe äußere Beschreibung und dann geht das Gemetzel los. Und die Leser scheinen begeistert zu sein, wenn man den Rezis und Bewertungen Glauben schenken darf.

      Ich halte es da gerne damit, dass ich mich frage: "Würde meine Geschichte auch ohne den Splatterelementen funktionieren?"
      Wenn ich diese Frage mit ja beantworten kann, dann ist die Story es wert, geschrieben zu werden. Aber Splatter NUR zu schreiben, um möglichst viel Blut, Sperma und Scheiße zwischen die Buchdeckel zu pressen ist mir einfach zu wenig, als Autor genauso wie als Leser.
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      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von „Christopher Derayes“ ()

      Eigentlich kann man die Frage nach dem „Wie weit kann man gehen?“ nicht ausklammern, denn das bestimmt schließlich, was man – im Net und erst recht in Printform bei einem klassischen Verlag - veröffentlichen kann. Ich ignoriere das aber trotzdem mal zugunsten des Handwerks.


      Christopher Derayes schrieb:

      Aber Splatter NUR zu schreiben, um möglichst viel Blut, Sperma und Scheiße zwischen die Buchdeckel zu pressen ist mir einfach zu wenig, als Autor genauso wie als Leser.

      Absolut!

      Christopher Derayes schrieb:

      Ich halte es da gerne damit, dass ich mich frage: "Würde meine Geschichte auch ohne den Splatterelementen funktionieren?"
      Wenn ich diese Frage mit ja beantworten kann, dann ist die Story es wert, geschrieben zu werden.


      Echt? Das finde ich ja spannend. Wenn es zu einem besseren Text führt und bei dir funktioniert, ist das klasse, nicht jeder sieht Literatur gleich oder schreibt in ähnlichen Prozessen.
      Ich sehe das anders: Splatter ist ja eigentlich keine „Handlung“, sondern ein Subgenre des Horror, so wie u.a. Hard SciFi und Soft SciFi Untergenres der Science Fiction sind. Prämisse beim Schreiben in Spekulativer Fiktion ist doch: Der literarische Konflikt muss zwingend etwas mit dem Setting zu tun haben, i.e. ein langweiliger, nicht funktionierender Konflikt wird nicht dadurch besser, dass man den alltäglichen Prota mit einem Zauberer oder Dämon austauscht und das Ganze nach MIttelerde verfrachtet. Der Konflikt (und der Plot) muss so gewählt werden, dass er nur in ebendiesem Setting und eben mit diesen bestimmten Figuren funktioniert, eines muss das andere bedingen.

      Würdest du auch eine HardSciFi dystopische Zukunftsvision danach durchgehen, ob sie noch ohne SciFi-Elemente funktioniert? Das halte ich – unter genannter Prämisse – für konterproduktiv, eigentlich für widersinnig.

      Splatter als Genre muss einen Konflikt haben, der nicht anders als durch extreme Gewalt zu erzählen ist. Dann wäre es ein literarischer Konflikt, der die Wahl der Gattung (und des Plots) unabdingbar erforderlich macht. Das hieße – genau wie du sagst – dass die Gewalt nicht nur eine inhaltliche Leerstelle ist, mit der ein Text gewürzt wird.
      Ich will keine Diskussion um einzelne Filme lostreten, aber es gibt im Feature-Bereich durchaus Beispiele, bei denen ich das gegeben sehe: Spielfilme, die ihre Charaktere und Konflikte nicht anders als über die extreme Gewalt erzählt bekämen, und die daher anders funktionieren, als Splatter, der nur ein zugefügtes Element, maximal trashiger Spaß und reine Unterhaltung ist.

      Aber eben sowas finde nicht in Textform (weder in Literatur, noch in den Negativbeispielen, Lee etc). Und irgendwie erschließt sich das nicht für mich, denn es ist eine reine Frage des Handwerks, und warum nutzen das Autoren fast überall, nur nicht im Splatter- und Pornbereich? (Geht es wirklich nur um die Veröffentlichbarkeit? Möglich, aber das erklärt nicht, warum es im Spielfilm erfolgreich versucht wird, denn die können auch indiziert werden.)

      HarryW schrieb:

      Extreme (wie z.B. Splatter oder sexuelle Grausamkeiten) sind ein gutes Mittel, um Kontrast zu bilden, und das ist für eine wirksame Dramaturgie unerlässlich. Wenn aber Extreme zum Dauerzustand und Selbstzweck werden, dann gibts keine Kontraste mehr.

      Ja, der Punkt mit dem Kontrast ist absolut zentral. Und da liegt vielleicht die Antwort auf meine Fragen, nur drehe ich das mal um: Spielfilme erreichen den Kontrast über eine ‚Schönheit‘ der Bilder oder die Qualität bei Kamera, Schnitt und Schauspielern oder sogar der special effects – in gängiger Splatterliteratur gibt es eben keinen Kontrastmoment, weil der Stil zu ungelenk, das Vokabular zu eingeschränkt, die Bilder zu gängig, der Plot zu simpel, die Charaktere zu flach sind.
      Und obwohl ich guten Splatter wirklich mag, merke ich auch immer wieder, dass es Gewalt in non-genre Literatur ist, die mich am meisten und nachhaltigsten beeindruckt, zuletzt: Nicolai Lilin: Siberian Education und Andrei Platonov: The Foundation Pit. Beide keine Spekulative Fiktion und erst recht kein Horror, und ganz, ganz schlimm. Mit Abstand am – geradezu körperlich - unangenehmsten finde ich immer noch den klassischen Surrealismus.

      Übrigens: Viel Erfolg mit deinen Büchern, Christopher!

      Dieser Beitrag wurde bereits 15 mal editiert, zuletzt von „Katla“ ()

      ​Würdest du auch eine HardSciFi dystopische Zukunftsvision danach durchgehen, ob sie noch ohne SciFi-Elemente funktioniert?


      Das würde ich lustigerweise tatsächlich. Nehmen wir als Beispiel mal Star Wars (die Originaltrilogie). Das ist zwar eine Science Fiction Geschichte, aber die Story selber würde auch ohne SciFi funktionieren. Anderes Beispiel wäre Avatar, das im Prinzip nicht viel was anderes ist als Pocahontas im SciFi Gewand.

      Oder nehmen wir eine meiner eigenen Geschichten. Die Kurzgeschichte "Ewig der Deine", meine bis dahin am ehesten ins Splattergenre passende Story.

      SPOILERWARNUNG AB HIER!


      In der Geschichte geht es um eine erfolgreiche junge Frau und ihren Lebensgefährten, der ein Tagträumer ist und sich seine meist kostspieligen Träumereien von ihr bezahlen lässt. Als sie herausfindet dass er sie betrügt und seiner neuen Geliebten den selben Satz wie zuvor ihr, nämlich "ewig der ihre" zu sein, schreibt, sorgt sie dafür, dass ihre Nebenbuhlerin herausfindet, welche Art Mensch dieser Kerl tatsächlich ist. Das endet damit, dass diese Beiden tatsächlich ewig zusammen leben, allerdings nicht ganz so, wie sie es sich erhofft hatten.
      Diese Story hat zwar das Potential zum Splatter (was ich auch genüsslich genutzt habe), aber diese Story hätte ich auch ohne Splatter und detaillierter Gewalt schreiben können, ohne dass deshalb die Geschichte eine andere gewesen wäre.


      ​Übrigens: Viel Erfolg mit deinen Büchern, Christopher!


      Ganz lieben Dank :)
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      Christopher Derayes schrieb:

      Das würde ich lustigerweise tatsächlich. Nehmen wir als Beispiel mal Star Wars (die Originaltrilogie). Das ist zwar eine Science Fiction Geschichte, aber die Story selber würde auch ohne SciFi funktionieren

      Naja, Stars Wars ist eben keine Science Fiction, das sagt sogar Lucas selbst:„I knew from the beginning that I was not doing science fiction. I was doing a space opera, a fantasy film, a mythological piece, a fairy tale.“ Sundance Film Festival 2015 Q&A.(Etwas verwirrend, denn eine Space Opera wäre ja SciFi). Star Wars hat Roboter und Raumstationen, aber als Geschichte die simple Struktur eines klassischen Märchens - später in der Reihe auch religiöse Themen - und keinen Konflikt, der darüber hinausgeht.

      Man kann Filme nicht mit Literatur in einen Topf werfen, denn sie erzählen mit völlig anderen Mitteln. Ich hab schon versucht, bei meinen Posts bei 'Splatter' zu bleiben – wenn du sowas wie Star Wars ansprichst und das auf Literatur ausweiten willst, muss man noch eine ganze Reihe anderer Themen anreißen: Geschichten, die auf universalen Kernszenarien, Mythen oder weiter zurückliegender Historie aufbauen – z.B. die Heldenreise. Solche archetypischen Plots findet man in Märchen und Dramen, die funktionieren in nahezu jedem Setting (Aquaman = King Arthur unter Wasser, Song of Ice and Fire / Game of Thrones = Rosenkrieg York vs Lancaster in Mittelerde etc.). Das wird aber mAn nicht im Splatter angewandt – obwohl man einige Shakespeare-Tragödien oder Märchen durchaus so schreiben könnte (letzteres im Horror schon lange gemacht).

      Und es gibt Rewrites, wie Railsea oder Pride and Prejudice and Zombies, aber da wird eben auch ein ironischer Bruch zwischen Plot/Charakteren und Setting erwartet. Das breitere Thema um Genres und Strukturen finde ich sehr spannend (Tolkien hat z.B. Konflikte, die sich nur in seinem Setting und mit seinen Figuren erzählen lassen, wie die der Elben mit den Orks), aber würde wohl zum OT hier.

      Lieben Dank für den Spoiler zu deinem Text - nichts für ungut, aber in deinem Plot sehe ich soweit keinen zwingenden Grund für Splatter, nicht mal für Horror (obwohl ich ahne, wohin das Ende führt :D). Der Plot könnte auch in einer schwarz-romantischen Komödie satirisch erzählt werden, außerhalb der Phantastik. Meine Argumentation zielte eher auf Splatter als Genre, das eine eigene Art von storylines erfordert, und eine daran angepasste Art zu erzählen.

      Ich bin – reine Geschmackssache – nicht an Alltagsszenarien interessiert, in die dann der Horror einbricht (wie bei King z.B.), sondern mag Geschichten, die bereits in einem irgendwie seltsamen/ungewöhnlichen/erschreckenden Setting angesiedelt sind und den Horror von dort aus entwickeln. Deine Variante ist aber mit Sicherheit die kommerziell erfolgreichere.

      Ich versuche es momentan mit Plots, die eigentlich Splatter verlangen würden, in denen dann aber sämtliche Gewalt im off erzählt wird (eine der wenigen filmischen Mittel, die man in Texten umsetzen kann). Das funktioniert ganz gut – weil bei Lesern dann ein Kopfkino losgeht, das wesentlich brutaler ist, als das, was sie gelesen hatten – aber es ist eben auch so ziemlich das Gegenteil von 'Splatter als Plot umgesetzt über show, don’t tell'.

      Herzlichst, Katla

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von „Katla“ ()

      HarryW schrieb:

      Extreme (wie z.B. Splatter oder sexuelle Grausamkeiten) sind ein gutes Mittel, um Kontrast zu bilden, und das ist für eine wirksame Dramaturgie unerlässlich. Wenn aber Extreme zum Dauerzustand und Selbstzweck werden, dann gibts keine Kontraste mehr.


      Ich habe selbst eine Zeit lang Extremhorror á la Edward Lee gelesen. Aus heutiger Sicht stimme ich Dir da voll und ganz zu. Gegenwärtig lese ich "Nightflyers" von George R.R. Martin und das ständige Verweisen auf sexuelle Handlungen zu Beginn der Novelle nervt mich. Es stört mich nicht, ich bin nicht "offended" oder so, es nervt nur ein wenig. Heute würde ich aus diesem Grund "Das Schwein" nicht mehr lesen.

      HarryW schrieb:

      Und für mich wird das dann sehr schnell saulangweilig.


      Sehe ich genauso. Wobei ich glaube, dass ich Bighead auch heute noch lustig finden könnte. Es ist halt keine ernstzunehmende Literatur, damit wird man sich wohl abfinden müssen. Um den Großteil der Monstersperma-Fraktion gilt es wohl einen weiten Bogen zu machen, wenn man nicht auf solche Dinge abfährt...

      HarryW schrieb:

      Mir fehlt im Extremhorror schlicht und einfach das psychologische Feingefühl, und genau das macht diese Literaturgattung meiner Meinung nach unnötig.


      Um ehrlich zu sein, fallen mir da gerade generell nicht viele Horror-Titel ein, die mich mit psychologischem Feingefühl tangiert hätten. Wobei wir da zum Teil auch wieder bei einer grundsätzlichen Definition des Horrorgenres angelangt sein könnten. Thriller, insbesondere Psychothriller, schaffen es bei mir eher, mit psychologischem Feingefühl zu bestechen. "Es" und ähnlich herausragende Horrorliteratur, spricht mich auf eine andere Art an als ein dichter Psychothriller. Ich glaube zu wissen, was mit "psychologischem Feingefühl" gemeint ist, tue mich allerdings schwer damit, nach solchem in der Horrorliteratur zu suchen beziehungsweise sie zu finden. (Empfehlungen gerne gesehen, gerne auch per PN! *Buch )

      HarryW schrieb:

      und genau das macht diese Literaturgattung meiner Meinung nach unnötig. Das ist Verschwendung von Papier, Zeit und Geld.


      Nun ja, es gibt Menschen, die behaupten, der Horror als Ganzer sei eine Verschwendung von Papier, Zeit und Geld. Letztlich gilt es aber für jeden einzelnen, auszumachen, was er/sie nun liest. Eine unnötige Literaturgattung kann es solange nicht geben, wie es Menschen gibt, die diese lesen. Es gibt tausende Bücher, Jahr für Jahr scheinen mehr herauszukommen, die eine Alternative darstellen, egal in welche Richtung es gehen soll. Extremhorror nimmt dem "richtigen" Horror ja nicht die Luft zum Atmen, das Interesse an beidem scheint leider sehr gering.

      Ich bin mir ziemlich sicher, dass das Interesse am Horror auch in der Literatur wieder steigen wird. Da fehlt wohl nur dieser eine große Wurf für das kommende Jahrzehnt. Meldet sich hier jemand freiwillig? :thumbsup:

      Vor ein paar Jahren hätte ich wohl noch ganz andere Dinge geschrieben. Ich habe selbst Extremhorror gelesen und fand es lustig. Nicht weil es infantil war, meine niedersten Instinkte ansprach oder dergleichen. Man sollte niemals Leser für die Art der bevorzugten Literatur attackieren oder herabwürdigen. Es waren für mich ganz einfach interessante Geschichten, bitte keine psychologische Analyse meines 16- bis 18-jährigen Gemüts.

      Extremhorror kann durchaus funktionieren, wenn er denn gut eingesetzt wird. Das halte ich allerdings für schwierig. Vor einigen Jahren (2013) war ich einmal mit einem dieser deutschsprachigen Extremhorror-Autoren in einer Anthologie vertreten. Ich nenne keinen Namen (ich bin ganz einfach nicht der Typ, der anderen ans Bein pisst), aber die Geschichte war furchtbar. Furchtbar schlecht. Furchtbar DUMM. Furchtbar idiotisch und ekelerregend. Es war eine dumpfsinnige Aneinanderreihung von Gewalt. Das braucht kein Mensch. Diese Geschichte wurde auch keineswegs erzählt, nur die Ekelszenen beschrieben. Ohne Sinn, ohne Verstand. Wenn Extremhorror so aussieht, ja, dann kann man ihn wohl tatsächlich abschaffen.

      Das waren meine Gedanken. Bitte nicht ans-Bein-gepisst-fühlen. Möchte mich in Zukunft wieder etwas mehr an Diskussionen im Forum beteiligen.

      Katla schrieb:

      Christopher Derayes schrieb:

      Das würde ich lustigerweise tatsächlich. Nehmen wir als Beispiel mal Star Wars (die Originaltrilogie). Das ist zwar eine Science Fiction Geschichte, aber die Story selber würde auch ohne SciFi funktionieren

      Naja, Stars Wars ist eben keine Science Fiction, das sagt sogar Lucas selbst:„I knew from the beginning that I was not doing science fiction. I was doing a space opera, a fantasy film, a mythological piece, a fairy tale.“ Sundance Film Festival 2015 Q&A.(Etwas verwirrend, denn eine Space Opera wäre ja SciFi). Star Wars hat Roboter und Raumstationen, aber als Geschichte die simple Struktur eines klassischen Märchens - später in der Reihe auch religiöse Themen - und keinen Konflikt, der darüber hinausgeht.

      Enemy Mine wurde als SF Film genannt, der auch als nicht SF Film funktioniert (Der mit dem Wolf tanzt).


      Herzlichst, Katla


      Bin mir da nicht sicher. In dem ersten Krieg der Sterne geht es ja um Gigantismus. Das mächtige Imperium, seine Waffen, ganz vorne der Todesstern mit viel Technik und einer gewaltigen Zerstörungskraft. Als Gegenspieler der Junge, der die Macht (Religon/Glaube als Gegensatz zur Wissenschaft/Technik) nutzt und mit einem kleinen Raumschiff den mächtigen Todesstern zerstört, da dieser eine kleine Schwachstelle (Konstruktionsfehler) hat.
      Wenn das kein SF Thema ist.
      Was die Definitionen von Science Fiction oder eben, um beim Thema zu bleiben, Splatter angeht, denke ich, dass es immer auch ein wenig im Auge des Betrachters liegt. Trotzdem denke ich, dass eine gute Extremhorrorgeschichte fast immer in mehr als nur einem Setting erzählt werden kann. Es sei denn, der Ekel selbst ist die einzige relevante Handlung, die diese Geschichte aufweisen kann.
      Um also wieder aufs Thema zurückzukommen; Ich habe einfach den Eindruck, dass gerade bei den extremeren Geschichten sehr oft ein "höher, weiter, schneller" Gedanke einsetzt, der dazu führt, dass sich viele Autoren zu sehr auf stumpfe Gewalt- und Sexdarstellungen konzentrieren und die Handlung nur mehr ein notwendiges Übel ist, um diese Darstellungen irgendwie zu rechtfertigen. Das führt, zumindest bei mir als Leser, zu einer Übersättigung. Ich möchte auch bei Extremhorror eine Geschichte bekommen und nicht eine Aneinanderreihung möglichst ekelhafter aber dennoch austauschbarer Splatterszenen. Sonst kann ich mir ja gleich "Gesichter des Todes" ansehen- dort war man wenigstens so konsequent, gar nicht erst zu versuchen, es einem als Geschichte zu verkaufen ;)
      Was ich also heutzutage in diesem Genre teilweise vermisse sind Geschichten, wie sie beispielsweise von Clive Barker in den Blutsbüchern geschrieben wurden. Da gab es harte, verstörende Szenen, teilweise auch detaillierte Gewalt, aber trotzdem war da eine Geschichte, in der man Figuren hatte, die sich entwickelten, die ausgeformt wurden und mit denen man sich als Leser zu einem Teil identifizieren konnte. Dadurch hat man mit diesen Figuren gelitten und der Horror ging weit über die simple detaillierte Darstellung hinaus, weil einem der Charakter erst näher gebracht wurde und man deshalb tatsächlich mitgefühlt hatte, geschockt war oder sich das zu Herzen nahm, wenn dieser Figur etwas schlimmes widerfuhr.
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