Felix' Leseliste 2019

      Felix' Leseliste 2019

      Seit diesem Jahr pendele ich alle paar Tage beruflich von meinem neuen Wohnort Göttingen an meinen Arbeitsplatz nach Kassel. Wenn ich daraus etwas Gutes ziehen kann, dann besteht es darin, dass meine Züge bisher angenehm ruhig waren und ich gut und regelmäßig zum Lesen kam. Was dabei herumkommt, möchte ich hier wieder regelmäßiger festhalten. So gut ich es schaffe, werde ich zu jedem der Bücher ein paar Zeilen schreiben und mich nur im Notfall auf eine Wertung mit ++++/+++/++/+/- zurückziehen. Vielleicht interessiert es ja jemanden hier und im besten Fall entsteht auch mal eine weitergehende Diskussion in diesem oder einem anderen Thread.

      Januar 2019
      Edgar Rice Burroughs: CAPRONA – DAS VERGESSENE LAND
      Laut Nachwort handelt es sich bei diesem Buch um eines der besten Werke des Tarzan-Erfinders. Nach der Lektüre hoffe ich, dass es sich dabei vor allem um eine Werbebotschaft, weniger um eine Tatsache handelt. Luft nach oben ist nämlich noch eine ganze Menge. Trotzdem habe ich den Roman, bei dem es sich eigentlich um drei recht locker mit einander verbundene Novellen handelt, zunehmend gerne gelesen. Die erste Novelle ist noch stark an Doyles "Vergessene Welt" orientiert und kommt dabei recht altbacken einher. Die zweite wiederholt beinahe die erste, löst sich jedoch stärker von dem Vorbild und geht vermehrt auf die evolutionären Eigenheiten und die Kultur des "Vergessenen Landes" ein. Erst in der dritten Novelle löst sich Burroughs von seinem Vorbildung und fügt der Welt eine wirklich eigene Facette hinzu, indem er dem Leser eine ganz eigentümliche Krone der Schöpfung/Evolution präsentiert. Burroughs war ein Fließbandarbeiter und das spürt man auf jeder Seite. Statt sich um Figuren zu kümmern, entwickelt er Handlung und treibt sie nach vorne, die sich wiederholende Dramaturgie kaschiert er mit immer neuen Einblicken in die phantastische Welt . Diese Vorgehen bringt ganz sicher keinen Klassiker hervor, der die Zeiten überdauert, aber eine klassische Abenteuererzählung, die an die Stimmung von Filmen der 50er und 60er dieses Genres erinnert. Wer damit etwas anfangen kann, kann getrost zugreifen.

      Maurice Renard: ORLAC'S HÄNDE
      Auf diesen Schauerroman aus dem Jahr 1922, der wohl wiedehrolt verfilmt wurde, habe ich mich schon länger sehr gefreut, aber es fehlte mir die richtige Gelegenheit. Jetzt habe ich ihn nicht einmal ganz gelesen und bin leider richtig enttäuscht. Das Buch ist schlechter gealtert als Burroughs' "Caprona" (1924). Vor allem die weibliche Perspektive, aus der der Roman (zumindest über große Teile hinweg) erzählt wird, hat mir den Lesespaß verleidet. Das war mir einfach zu platt, zu naiv, zu nervtötend affektiert und empfindsam. Schade. Ich habe den Roman nach etwa der Hälfte erstmal abgebrochen.

      Aktuell lese ich mit großer und steigender Freude:
      Jo Walton: IN EINER ANDEREN WELT

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von „Felix W“ ()

      Februar 2019

      Jo Walton: IN EINER ANDEREN WELT
      Ein Freund bezeichnete "In einer anderen Welt" als ein "Ready Player One" nur besser, und in gewisser Weise muss ich ihm Recht geben. Das Buch ist ebenfalls voller Anleihen an andere Werke, diesmal vor allem die Fantasy- und SF-Literatur vor 1980. Im Gegensatz zu RPO sind die Verweise aber nicht auf einen unangenehm flexiblen Weltenbau, sondern auf die intensive Lektüre der jugendlichen Hauptfigur und ihre Diskussionen in einem entsprechen Literaturclub zurückzuführen. Der Roman spielt in einer leicht veränderten Version des damaligen Englands und Wales, in dem Elfen leben, wenn man denn an sie glaubt, und Magie gewirkt werden kann, wenn man die Folgen eines Zaubers auch so lesen will und nicht anders. Im Grunde ist "In einer anderen Welt" ein Coming of Age-Roman einer Einzelgängerin, die sich aus ihrer Einsamkeit und vor ihrer Mutter in phantastische Liteatur rettet. Es ist aber auch ein Märchen, zauberhafte, intensive Phantastik und in jeder Hinsicht eine Liebeserklärung an die phantastische Literatur im Ganzen. Als Blockbuster-Kino eignet sich Stoff und Stil nicht, dafür bietet es zu wenig spektakel, aber wer auch stille Romane wertschätzen kann, sollte unbedingt zugreifen. Mir hat das Buch mit jeder Seite besser und besser gefallen.

      Jeff Lemire, Max Fiumara: DOCTOR STAR & DAS REICH DER VERLORENEN HOFFNUNG
      Im letzten Herbst habe ich angefangen, die ersten "Black Hammer"-Sammelbände zu lesen und freue mich seitdem auf jede Neuerscheinung. "Doctor Star" ist das zweite Spin-Off aus diesem Superhelden-Comic-Universum, das der Splitter Verlag sehr treffend als Hommage an das Genre des Superhelden-Comics bezeichnet. Für mich, der ich keine allzu umfassende Ahnung habe, sind die "Black Hammer"-Comics das beste aus diesem Genre seit "Watchmen". Die Reihe ist ein Spiel mit Formen, Motiven und Genres, das in einer ausgesprochen melancholischen Weise fast schon Charakterstudien erzählt und Helden alles andere als glänzen lässt. Ich weiß, das ist nicht grunsätzlich neu, aber hier funktioniert es ganz wunderbar.