Lesezirkel Kathe Koja: The Cipher - Kapitel 1 & 2

      Dann eröffne ich mal die Runde.

      Erstmal vorweg: Die Aufmachung des gedruckten Buches gefällt mir nicht. Die Seiten, bevor der Roman beginnt, wirken so, als sei hier einfach ein eBook ausgedruckt worden. Im eigentlich Romantext ist das anders, doch auch dort hat meine Ausgabe noch eine ganze Menge Fehler, darunter auffallend viele Zeilenumbrüche mitten im Satz. Gemeinsam mit den Stellen, an denen Leerzeichen in Worten auftauchen, an die keine gehören, wirkt das so, als sei einfach ein gedruckter Text gescannt und mit einem Schrifterkennungsprogramm bearbeitet worden. Eine Endkorrektur hat es aber offensichtlich nicht mehr gegeben. Dieser Eidnruck verwundert mich umso mehr, als es doch eine Neuübersetzung sein soll (oder irre ich mich?). Zum Glück halten sich aber Rechtschreibfehler in Grenzen. Das ändert aber nicht daran, dass ich für mein Gefühl schon zu oft durch Fehler im Drucksatz aus dem Text geworfen wurde.

      Gelesen habe ich kaum mehr als das erste Kapitel. Ich brauchte etwas, um hineinzufinden, finde das Loch aber zunehmend interessant. Die beiden Hauptfiguren agieren mir bisher aber zu triebgesteuert und versperren sich noch einer Identifikation. Ich frage mich wikrlich, wie es noch über 250 Seiten weiter gehen soll. Das sich das Grauen steigert und die Situation eskaliert, ist vermutlich erwartbar. Wie das geschehen wird, kann ich bisher aber nicht absehen.
      Das bisher einzig Gruselige war der Kuss, oder? Ich musste die Stelle im Zug gleich noch einmal lesen, weil ich den Eindruck hatte, etwas überlesen zu haben, so schnell ging es. Das war wirklich eine stark erzählte Szene.
      Die Geschichte geht ohne lange Umschweife los und setzt sich geradlinig und wenig subtil fort. Die schnörkellose, etwas derbe Erzählweise passt gut dazu, auch zu den beiden Hauptfiguren, Nakota und Nicolas, sie kettenrauchende Bedienung in einem Club, er stellvertretender Geschäftsführer einer kleinen Videothek und, wenn er nicht gerade arbeitet oder schläft, pausenlos Bier trinkend. Sie führen eine Art von Beziehung, wobei Nicolas mehr Gefühle für Nakota aufbringt als umgekehrt und von ihr manipuliert wird. So gehen auch sämtliche Experimente mit dem „Geisterloch“ von ihr aus.

      Neben der Passage nach dem Mäuse-Experiment, als Nakotas Besessenheit von dem „Geisterloch“ auch Nicolas ergreift, gefällt mir die Szene in Kapitel 2, als das aufgenommene Band läuft. Gut geschrieben, schön makaber und abgedreht; ich wüsste zu gern, was zu sehen ist, als die Figur sich umdreht.

      Eine Unklarheit fiel mir auf: Gleich auf der 2. Seite wird von einem Durchmesser des Loches von etwas mehr als 30 cm gesprochen und kurz darauf von der Idee, hinabzusteigen. Okay, Nakota wird als sehr dünn beschrieben, aber das scheint mir dann doch arg eng. Zumal am Ende von Kap. 2 Nicolas beinahe hineinstürzt.

      Zum Druck: Ich habe die alte Heyne-Ausgabe, auch da finden sich Fehler, aber (bisher) nicht in störendem Maße.
      Michael war so nett und hat mir die ersten fünf Seiten der Heyne-Ausgabe, welche die Übersetzung von Thomas Hag enthält, geschickt. Wie ich oben schon schrieb, wird in der Neuausgabe von Apex Christian Dörge als Übersetzer genannt. Das es sich wirklich um eine Neuübersetzung handelt, wie es der Klappentext angibt, wage ich nach dem Vergleich dieser fünf Seiten doch stark zu bezweifeln.

      Ich stelle hier mal zwei typische Textstellen gegenüber. Die Veränderungen sind immer in der zweiten Textstelle farbig markiert.

      Heyne, S. 7f
      Ich gab ihr keine Antwort und ging wieder in die Küche. Hol dir dein Wasser selbst. Das Bier war schon fast zu kalt, es tat beim Trinken weh. Als ich ins sogenannte Wohnzimmer kam - in meinem Fall ein kleines Zimmer mit großen Fenstern, einem Schlafsofa und einem wackeligen Stuhl -, da lächelte sie mich wieder an, aber diesmal war es echt. Manchmal kam es mir vor, als sei ich der einzige, der sie schön fand, der einzige und der erste. Mein Gott, vielleicht war da nicht viel, aber mir entging das Wenige nicht.


      Apex, S. 14
      Ich gab ihr keine Antwort und ging wieder in die Küche. Hol dir dein Wasser selbst. Das Bier war schon fast zu kalt, es schmerzte beim Trinken. Als ich ins sogenannte Wohnzimmer kam - in meinem Fall ein kleines Zimmer mit großen Fenstern, einem Schlafsofa und einem wackeligen Stuhl -, da lächelte sie mich wieder an, aber dieses Mal war es echt. Manchmal schien es mir so, als sei ich der einzige, der sie schön fand, der einzige und der erste. Mein Gott, vielleicht war da nicht viel, aber mir entging das Wenige nicht.


      Heyne, S. 11
      Dennoch: trotz ihres kalten Lächelns, ich begehrte sie, Nakota, noch immer, ewig, auf die träumerische Art, wie man sich wünscht, im Marianas-Graben zu tauchen oder im All spazierenzugehen. Man weiß, der Wunsch wird sich niemals erfüllen, also ist es in Ordnung, davon zu träumen. So wie man vom Geisterloch träumt, fast. Es war schon lange her, daß sie mir klargemacht hatte, daß jene Tage vorbei waren, sie hatte Schorf über die lächerliche Wunde meiner Liebe wachsen lassen oder über etwas ähnlich Dummes, das aber genauso schmerzte. Auf meine eigene, kranke, schmachtende Art und Weise war ich ein Romantiker. Ich verstehe einen Wink, aber ich kann nicht damit leben.


      Apex, S. 18
      Dennoch: Trotz ihres kalten Lächelns, ich begehrte sie, Nakota, noch immer, ewig, auf die träumerische Art, wie man sich wünscht, im Marianas-Graben zu tauchen oder im All spazieren zu gehen. Man weiß, der Wunsch wird sich niemals erfüllen, also ist es in Ordnung, wenigstens davon zu träumen. So wie man vom Geisterloch träumt - beinahe. Es war schon lange her, dass sie mir klargemacht hatte, dass jene Tage vorbei waren, sie hatte Schorf über die lächerliche Wunde meiner Liebe wachsen lassen oder über etwas ähnlich Dummes, das aber nicht minder schmerzte. Auf meine eigene, kranke, schmachtende Art und Weise war ich ein Romantiker. Ich verstehe einen Wink, aber ich kann nicht mit ihm leben.


      Was hier verändert wurde, ist die Umstellung auf die neue Rechtschreibung, stellenweise Kursivierung, stellenweise Verändeurng der Interpunktion und leichte stilistische Veränderungen (andere Verben, Abtönungspartikeln, Umstellung der Satzteile ...). Zum Teil werden die Absätze anders gesetzt, das ist hier natürlich nicht zu sehen. 90% des Text sind aber identisch, mehrere Absätze sogar ganz ohne Unterschied, und diese wenigen Veränderung, die ich bisher gefunden habe, hätte man vornehmen können, ohne auch nur ein Mal in das englischsprachige Original zu schauen. Möglicherweise ändert sich das später im Roman noch, vielleicht gibt es dort große Unterschiede. Aber mein bisheriger Eindruck ist, dass hier ein Etikettenschwindel betrieben wurde. Der Text wurde meines Erachtens nicht neu übersetzt.

      Für unseren Lesezirkel hat das natürlich einen positiven Effekt: Die Unterschiede der beiden Übersetzungen dürften den Leseindruck nicht großartig beeinflussen. :tv:
      Das ist schon ein starkes Stück. Dass man manche Sätze gleich übersetzt wie in der ursprünglichen Übersetzung, einfach weil es die geläufige deutsche Formulierung ist, ist normal (wie ich selbst schon bei meinen Captain-Future-Neuübersetzungen im Nachhinein festgestellt habe). Aber das es sich so identisch liest, kann kein Zufall sein. Frage mich, ob das mit Thomas Hag abgesprochen ist, dass er da nicht als Übersetzer genannt wird (für manche alte Sachen schämt man sich ja vielleicht). Wenn nicht, ist es ein Verstoß gegen das Urheberrecht, dann könnte Hag den weiteren Verkauf des Buchs untersagen lassen.
      Ich bin jetzt knapp bei der Hälfte und mir geht es ähnlich wie euch, irgendwie scheint es zu wenig Idee für 250 Seiten, zumal das Buch auch sofort startet und auf Einführung der Charaktere verzichtet, was auch später so bleibt. Langweilig finde ich es bisher nicht, es geschieht jedoch bis auf einen kleinen Twist bei ca. einem Drittel des Buches nichts wirklich Überraschendes. Die Stimmung ist gut, der Stil ist etwas holprig und wenn ich noch einmal das Wort "knochig" lesen muss, schreie ich. Die etwas derbere Sprache wirkt teilweise eher aufgesetzt als authentisch.
      Was mir etwas fehlt ist die Motivation des Protagonisten, die "alles aus Liebe"-Kiste ist nicht wirklich glaubwürdig, zumal er ja auch kein gutes Haar an seiner Angebeteten lässt...

      Am Anfang musste ich wegen der vielen Gedanken in Klammern an King denken, das gibt sich aber schnell wieder, als hätte die Autorin oder der Übersetzer dieses Stilmittel verworfen.
      Wo wir bei King sind: Ich habe übrigens die alte Ausgabe und muss sagen, es ist gut, dass heute zutage keine Sachen wie "Stark wie eine Frau - unheimlich wie Stephen King" mehr als Verkaufsargument auf Bücher gedruckt werden.

      Kurz zu der Diskussion über die "Neu"-Übersetzung:
      Auf Seite 88 (alte Ausgabe) macht dreht sich der Protagonist in einer "eins zu achtzig Rotation". Wenn es die Stelle in der Neuausgabe noch gibt, dürften alle Zweifel ausgeräumt sein.
      Bücher werden von niemandem beachtet. Darum sind Bücher der ideale Ort, um die wirklich ungeheuerlichen Sachen zu veranstalten.
      - Chuck Palahniuk -

      inferninho schrieb:


      Kurz zu der Diskussion über die "Neu"-Übersetzung:
      Auf Seite 88 (alte Ausgabe) macht dreht sich der Protagonist in einer "eins zu achtzig Rotation". Wenn es die Stelle in der Neuausgabe noch gibt, dürften alle Zweifel ausgeräumt sein.


      Hab das Buch vor 20 Jahren oder so gelesen und kann mich an nichts mehr erinnern. Trotzdem lese ich hier gerne mit. Diese elegante 1 zu 80 Rotation finde ich ja zum Brüllen :-). Dreht sich die Person 4,5°? Wie ist der Kontext dazu im Buch?

      inferninho schrieb:


      Auf Seite 88 (alte Ausgabe) macht dreht sich der Protagonist in einer "eins zu achtzig Rotation". Wenn es die Stelle in der Neuausgabe noch gibt, dürften alle Zweifel ausgeräumt sein.

      Wenn du mir etwas mehr Informationen zu dem Absatz gibst, vielleicht die erste drei Wörter, dann kann ich gerne mal nachschauen. Allein mit der Seitenzahl der alten Ausgabe finde ich ihn leider nicht.
      Er sagt wahrhaftig gerne "Mann" zu mi, nicht wahr, und ich musste bei dem Gedanken lächeln. Ich wandte den Kopf nach hinten, aber ich konnte kaum etwas erkennen, also drehte ich meinen ganzen Körper herum, eine langsame eins zu achtzig Rotation...

      @Pogopuschel
      Ja, vermutlich steht das da drin, aber die Übersetzung ist schon gewagt bzw. man fragt sich, wieso man das überhaupt so übersetzt, wenn man offenbar die Bedeutung nicht kennt und es auch nicht nötig ist. Der Satz ergibt ohne den Ausdruck ja nicht weniger Sinn.
      Werden Bücher eigentlich Korrektur gelesen?
      Bücher werden von niemandem beachtet. Darum sind Bücher der ideale Ort, um die wirklich ungeheuerlichen Sachen zu veranstalten.
      - Chuck Palahniuk -
      Apex, S. 110

      Er sagt wahrhaftig gern Mann zu mir, nicht wahr, und ich musste bei dem Gedanken lächeln. Ich wandte den Kopf nach hinten, aber ich konnte kaum etwas erkennen, also drehte ich meinen ganzen Körper herum, eine langsame eins zu achtzig Rotation, mein Arm bildete die Achse, das liebe Loch den Fixpunkt ...

      Damit dürfte wohl alles zu den beiden Übersetzungen gesagt sein ... Ich werde auf alle Fälle mir sehr gut überlegen, ob und wann ich ein Buch aus dem Apex Verlag kaufe, denn ich fühle mich ziemlich verarscht. Naja, zurück zum Inhalt.
      Hab vor drei Monaten eine Liste auf Facebook gefunden, in der "The Cipher" zu besten Werken der 90ziger Jahre Horrorliteratur gezählt wird, und da es von Apex eine Neuausgabe gibt, diese dann vor Weihnachten gekauft. Bis jetzt nach 2 Kapitel würde ich das Buch nicht gerade als berauschend bezeichnen. Leider finden sich erwähnte Fehler. Der Stil ist werder schlecht noch richtig gut. Zur Story selber, die Idee mit dem Loch war ja damals schon nicht neu.
      Was die runtergekommen Protags daraus machen, schon eher. Anfangs wirkt es eher sehr bizarr, aber die Szene mit der Hand hatte schon was. Das mit dem Video, na ja. Man hätte sich den Verweis von Flannery O Connor als Einfluss sparen können, das liest man heraus. Die Southern Gothic Dame ist aber auch große Literatur. Mal sehn, wohin das noch führt, oder ob sich das jetzt steigert und besser wird.
      Reality is lost - IKON

      Felix W schrieb:

      Apex, S. 110

      Er sagt wahrhaftig gern Mann zu mir, nicht wahr, und ich musste bei dem Gedanken lächeln. Ich wandte den Kopf nach hinten, aber ich konnte kaum etwas erkennen, also drehte ich meinen ganzen Körper herum, eine langsame eins zu achtzig Rotation, mein Arm bildete die Achse, das liebe Loch den Fixpunkt ...

      Damit dürfte wohl alles zu den beiden Übersetzungen gesagt sein ... Ich werde auf alle Fälle mir sehr gut überlegen, ob und wann ich ein Buch aus dem Apex Verlag kaufe, denn ich fühle mich ziemlich verarscht. Naja, zurück zum Inhalt.


      Mach wenigstens den abschließenden Test:
      "Wieder zurück in die Dunkelheit, ich sackte müde vor dem Loch nieder, dem Glorienloch, lag daneben wie ein schüchterner Liebhaber..."

      Gibt es das Glorienloch in der Apex Ausgabe.

      *Staun
      Bücher werden von niemandem beachtet. Darum sind Bücher der ideale Ort, um die wirklich ungeheuerlichen Sachen zu veranstalten.
      - Chuck Palahniuk -
      In den ersten beiden Kapiteln passiert noch nicht wirklich viel, auch eine Einleitung im klassischen Sinn sind die Kapitel nicht. Dafür, dass nur das Loch entdeckt wird, Nicholas säuft (wie ein Loch) und er und Nakota gelegentlich Sex haben, liest sich das ganze aber noch relativ flott, auch wenn es (noch?) nicht wirlich spannend ist.

      Die stilistischen Mängel sind ja schon angesprochen worden... mir sind sie auch aufgefallen, über einige bin ich auch etwas gestolpert (so gibt es etwa eine "schwule Nacht", sinnfreie Zeilenumbrüche mitten im Satz, Sätze mit zu viel Verben und einige seltsame Schreibweisen, etwa das zweimalige auftauchen des Namens "Oh, 'Connor"). Aber da habe ich ja wohl noch die besten Stellen vor mir: Eins zu achzig Rotation? Was soll das denn sein? Das erschliest sich wirklich erst, wenn man es zurück übersetzen kann. Da hat wohl auch der Übersetzer nicht so ganz verstanden, was eigentlich gemeint war. Und Glorienloch? Ist das jetzt noch schlecht übersetzt oder schon Satire? :] Da die ursprüngliche Version und die "Neuübersetzung" in dem Punkt gleich zu sein scheinen, wäre zumindest klar, warum der ursprüngliche Übersetzer nicht dagegen einschreitet.
      ...and the book club consists mainly of people who club me with books.
      Habe jetzt die ersten beiden Kapitel hinter mir und bin doch recht angetan, muss ich sagen. Die Fehler sind lästig, aber da ihr mich diesbezüglich schon darauf vorbereitet habt, wurde ich nicht ganz so ins kalte Wasser geschmissen und kann die ganzen Zeilenumbrüche, getrennten Wörter und Fehlerchen verschmerzen.
      Der Schreibstil ist flüssig zu lesen und recht einfach gehalten, was aber völlig okay ist. Nakota und Nicolas sind keine Juristen, sondern ziemlich abgehalfterte Leutchen, da passt das, finde ich.
      Koja gelingt es meiner Meinung nach, immer dann ein neues Element einzubauen und die Spannung wieder nach oben zu treiben, wenn die Geschichte stagnieren will oder man sich fragt, was denn da noch passieren könnte. Das macht die Handlung interessant und lässt mich als Leser am Ball bleiben.
      Ach ja: Nakota nervt. Furchtbare Frau. Und ich muss inferninho zustimmen - die Motivation des Protas ist mir auch noch nicht wirklich ersichtlich, eben weil Nakota so eine Hexe ist.